Der Mord an Iman al-Hams
Und noch ein Kind aus Rafah wurde exekutiert

Omar Barghouti

Iman al-Hams war ein 13 jähriges Schulkind aus dem Flüchtlingslager, das, nachdem es verwundet, von einem israelischen Kompaniekommandeur exekutiert wurde. Dies geschah in den Sanddünen Rafahs.

Laut Zeugenaussagen, die von Soldaten derselben Kompanie gegenüber dem Massenblatt Yedioth Ahronot gemacht wurden, identifizierte ein Soldat vom Wachturm Iman und warnte seinen Kommandeur und schrie: „Schieße nicht! Es ist ein kleines Mädchen!“ Der Soldat bezeugte weiter, dass sich der Kompaniekommandeur „ ihr näherte und zwei Kugeln in ihren Kopf schoss, dann zurück zu seiner Einheit ging, sich noch mal zu ihr wandte, seine Waffe auf Automatik umstellte und sein ganzes Magazin in sie hineinschoss“ (1). Augenzeugen bestätigten den Bericht der Soldaten und sagten, Iman wäre fast 70m vom israelischen Militärposten entfernt erschossen worden. Nachdem eine Kugel ihr Bein verletzt hatte, fiel Iman, die in Schuluniform war, zu Boden. Dann ging der Offizier zu ihr hinüber und sah, dass sie aus ihren Wunden blutete und schoss sie in den Kopf, um „ das Töten zu bestätigen“, ein isr. Euphemismus für die übliche Ausführung der Exekution eines verwundeten Palästinensers. Ein späteres oberflächliches Armeeverhör entlastete ihn von jeglichem „unethischen Verhalten“, wie es üblich ist. Er wurde nur wegen „Beziehungsproblemen gegenüber seinen Untergebenen“ suspendiert.(2)
In einer Kurzmeldung bewies Israel der Welt – noch einmal - dass es nicht nur unnachgiebig in seiner offenen und konsequenten Verletzung des internationalen Rechts, sondern auch unfähig ist, die grundsätzlichsten Prinzipien moralischen Benehmens einzuhalten.

Drei andere Kinder, fast im selben Alter wie Iman wurden in den letzten Wochen getötet, als sie in ihren Klassenzimmern einer UN-Schule in Gaza saßen. Sie waren in kein Kreuzfeuer geraten. Sie wurden nicht versehentlich für Erwachsene gehalten. Sie wurden nur einfach tot geschossen als Teil von Israels offenkundigem Plan, palästinensische Zivilisten kollektiv für Widerstandakte zu bestrafen, die von ihren Örtlichkeiten ausgehen, um interne Spaltungen und Unwillen in der Widerstandsbewegung hervorzurufen. Während des letzten brutalen Angriffs auf Jabalya zerstörte israelisches Militär Häuser, Obstgärten, die Infrastruktur, Wasser- und Stromleitungen so sehr, um angeblich das Abfeuern von primitiven Qassamraketen zu verhindern, dass die UN dies als „mutwillig“ und „willkürlich“ bezeichnete. Damit die Botschaft auch alle Leute erreicht, wurden über dem nördlichen Gazastreifen aus Hubschraubern Flugblätter abgeworfen , die die Palästinenser warnen sollen, „ Terrorismus würde sie nur noch tiefer in ein Leben von Elend und Armut stoßen.“(3) Und eure Kinder werden auch gejagt – das vergaß man auf dem Flugblatt zu erwähnen.

Aber warum - so mag jemand einwerfen – soll Israel auf Grund eines Vorfalls, so hässlich er auch sein mag, verurteilt werden?
Ein kurzer Blick auf Israels letzten Bericht über absichtliches Zielen auf palästinensische Kinder wird eine klare Antwort geben. Die Tatsache, dass mehr als sechshundertundzwanzig palästinensische Kinder in den letzten vier Jahren von Israel getötet wurden, sollte zeigen, dass der Mord an Iman nicht nur ein Versehen sondern die Regel war.

Ein Blick auf die Verwendung der Sprache ist vielleicht der genaueste Maßstab für den moralischen Kollaps einer Gesellschaft. Er wird den Grad von Rassismus aufdecken, der in Israel um sich greift. Während der Intifada fanden Medienäußerungen, Politiker und sogar Akademiker es für passend, palästinensische Kinder als „Feinde“ „wilde Tiere“, quälende Angreifer“ und „Terroristen“ zu bezeichnen. Das Hauptmotiv für solch eine dehumanisierende Ausdrucksweise, die Kinder betreffen, ist eine weit verbreitete Ansicht in der israelischen Gesellschaft, Palästinenser seien mehr als andere eine ungeheure Gefahr, mit der man sich befassen muss. Sie sind ein Volk, das dank einer mysteriösen genetischen Störung, mit besonderer Neigung zu Terror geboren wurde. Ein Kind ist dann eben ein potentieller Terrorist, buchstäblich eine Zeitbombe. Studien von prominenten israelischen Demographen verraten oft diese Haltung. Sogar einige israelische Militäroffizielle sind entsetzt über das absichtliche Töten. Haaretz zitiert einen hochrangigen Offizier: „Keiner kann mich davon überzeugen, dass wir Dutzende von Kindern nicht unnötigerweise getötet haben (4) ... Einige Beispiele werden helfen, diese Behauptung zu erhärten .

Noch vor der jetzigen Intifada ( 1996) schlug ein israelischer Siedler bei Husan ( nicht Hebron) den 11jährigen Hilmi Shusha mit einer Pistole derart auf den Kopf, dass er starb. Ein israelischer Richter sprach den Mörder zunächst frei und sagte, das Kind „ sei als Folge von emotionalem Stress gestorben“. Nach mehreren Berufungen und unter Druck des Obersten Gerichtes, der die Tat als „leichtes Töten“ bezeichnete, überlegte der Richter neu und, während die Al- Aqsa-Intifada wütete, verurteilte er den Mörder zu sechs Monaten Gemeindedienst und zu einer Geldstrafe von ein paar tausend Dollar. Der Vater des Jungen klagte das Gericht an, eine „Lizenz zum Töten“ zu geben. (5) Gideon Levy von Haaretz, beschrieb das Urteil vielsagend als „ das Ende der Saison des Schlussverkaufspreises für Kinderleben“ und bezog sich auf die Erkenntnisse von B’tselem, Israels führende Menschenrechtsorganisation, die Dutzende ähnlicher Fälle dokumentierte, bei denen die Täter entweder frei gesprochen wurden oder einen Klaps auf die Hand erhielten (6).

Im ersten Jahr der Intifada dokumentierten mehrere Menschenrechtsorganisationen, einschließlich der in Boston ansässigen Ärzte für Menschenrechte, ein Muster, nach dem israelische Scharfschützen auf die Augen und Knie von palästinensischen Kindern, mit der „klaren Absicht zu verletzen“, gezielt haben. Die Tel Aviver Uni.-Dozentin Tanya Reinhardt schreibt : „Eine übliche Praxis ist, gummi-ummantelte Metallkugeln direkt ins Auge zu schießen – ein kleines Spiel für gut trainierte Soldaten, was äußerste Präzision erfordert“ (7) Diese Scharfschützen versäumen offensichtlich, außerhalb ihres kleinen strahlenden Zieles das Gesicht, die Person, das menschliche Kind zu sehen. Es ist nur Professionalität. Ein New Yorker Journalist, der zwei Wochen die „Zusammenstöße zwischen Steine werfenden palästinensischen Kindern und mit Panzern und Präzisionsausrüstung versehene israelische Soldaten an einem Brennpunkt in Gaza beobachtete, schrieb: „Während ich in Karni stand, war niemals ein israelischer Soldat in Lebensgefahr, es wurde auch weder ein Soldat noch ein Siedler verletzt.“ In diesem Zeitraum wurden wenigstens 11 palästinensische Kinder mit scharfer Munition getötet. ( 8)

Steine werfende palästinensische Kinder sind schon bei geringen Vorfällen von professionell trainierten israelischen Scharfschützen tödlich getroffen worden, die nur mit der Absicht schießen, „den Kopf zu treffen“. Denn wenn ein Scharfschütze schießt, dann „ schießt er sicher, um zu töten“, wie durch das aufhellende Interview in Haaretz mit der Journalistin Amira Hass bekannt wurde. Sie führte dieses Interview mit einem „links lastigen“ Scharfschützen während der ersten Phase der laufenden Intifada durch. „ Begeisterung am Schießen“, „Mangel an Einschränkung“, „Langeweile“ oder „Müdigkeit“ waren die Hauptentschuldigungen, die er angab, um seine Politik des „Schießens um zu töten“ zu rechtfertigen.
Während A. Hass die große Häufigkeit des Tötens oder der schweren Verletzungen bei palästinensischen Kindern vorbrachte, fragte sie den Scharfschützen, ob er oder seine Kollegen absichtlich auf die palästinensischen Kinder zielen. Hartnäckig wies er die Anklage zurück und betonte: „Man schießt nicht auf ein Kind, das 12 oder jünger ist. Wenn es 12 oder älter ist, ist es erlaubt. Dann ist es kein Kind mehr. Wenn es älter als 12 ist, darf man schießen. So sagten es uns die Kommandeure.“ (Frage der Übersetzerin: ab wann ist ein jüdisches Kind kein Kind mehr? Jemand nannte die 18jährigen Soldaten noch Kinder)

Der ehemalige amerikanische Journalist Chris Hedges ging noch weiter und dokumentierte, wie israelische Soldaten systematisch palästinensische Kinder, die in den Dünen des südlichen Gazastreifens spielten, verfluchten und in anderer Weise provozierten, um auf sie zu schießen. Er schrieb in Harpers Magazin (10) :
Die meist nicht älter als 10 oder 11jährigen Jungen flitzen in kleinen Rudeln die Dünenhänge zum Elektrozaun hinauf, der das Flü-Lager von der jüdischen Siedlung trennt. Sie werfen Steine gegen zwei gepanzerte Jeeps, die oben auf der Düne parken und mit Lautsprechern versehen sind. Eine Lärmgranate explodiert. Die Jungen ...laufen auseinander und rennen mühsam durch den tiefen Sand. Sie verstecken sich hinter einer Düne vor mir. Es gibt keine Geräusche von Schusswaffen. Die Soldaten schießen mit Schalldämpfern. Die Kugeln aus den M-16-Gewehren durchschießen die dünnen Körper der Kinder. Im Krankenhaus sehe ich später die Zerstörung: die Mägen zerfetzt, klaffende Löcher in den Gliedern und an den Körpern .
„ Gestern erschossen die Israelis an dieser Stelle acht ... sechs von ihnen waren unter achtzehn, eines war 12 ... Kinder wurden auch in anderen Konflikten, von denen ich berichtete, erschossen ... Todesschwadronen erschossen sie in El-Salvador und Guatemala, Mütter mit Kindern wurden in Algerien in einer Reihe aufgestellt und massakriert und serbische Scharfschützen nahmen Kinder in Sarajewo ins Visier und beobachteten, wie sie auf der Straße zusammenbrachen – aber ich habe nie vorher Soldaten beobachtet, wie sie Kinder wie Mäuse in eine Falle locken, um sie aus Spaß zu morden.!
Gideon Levy berichtet von einer anderen Art und Weise, Kinder zu töten, von einer Art des langsamen Todes, wie bei mittelalterlichen Belagerungen. Als ein 10jähriges Mädchen aus El-Sawiya, nahe Nablus, starke Bauchschmerzen hatte, versuchte der Vater, sie in das nächste Krankenhaus nach Nablus zu bringen; die gnadenlose israelische Belagerung jedoch blockierte alle Wege aus dem Dorf. Am nächsten Morgen starb Ella, weil der Blinddarm geplatzt war. Sie hätte in jedem Krankenhaus behandelt werden können (11)

Ob an den Checkpoints, in den Klassenzimmern, in ihren Wohnzimmern oder auf der Straße – die palästinensischen Kinder haben längst jede Immunität verloren, die sie auch unter einer Besatzung genossen hatten, die besonders sensible auf ihr Image achtet, das sie in der westlichen Öffentlichkeit pflegt. So war es bis vor dem 11. September. Seitdem jedoch und nach der effektiven Israelisierung der US-Politik empfinden die Israelis diesen wie einen „Glücksfall“ - wie Nethanyahu das Verbrechen vom 11.9. in seiner 1. öffentlichen Reaktion danach nannte. Tatsächlich hat sich Israel immer mehr einer Kombination des französischen Kolonialmodels in Algerien und dem des Apartheidmodels Südafrikas genähert, während es unerschütterlichen Schutz der neuen Weltmacht und eine heuchlerische, unterwürfige Haltung von den meisten europäischen Regierungen genießt, die Israel weiter als bevorzugten Partner und als westlichen Außenposten im Nahen Osten behandeln. Dank dieses schändlichen, betrügerischen Einverständnisses werden palästinensische Kinder nicht länger vor Israels schlimmsten Verbrechen verschont, die mit empörender Straffreiheit begangen werden.
Wenn eine Nation versäumt, Mord ordnungsgemäß und gerichtlich zu untersuchen und Täter zu bestrafen – aber einen absichtlichen, kaltblütigen Mord an einem wehrlosen Kind unter dem Vorwand der Sicherheit duldet oder gar ermutigt, verliert nicht nur jeden Anspruch von Moralität, die es je gehabt haben mag, sondern vernichtet auch jedes restliche Argument für seinen Wert, als rassistischer Kolonialstaat weiter zu existieren , der sich im wesentlichen außerhalb des Gesetzes bewegt.
Es ist die Verantwortung der Menschheit als ganzes und besonders des Westens - wie in der Vergangenheit gegenüber Südafrika - Sanktionen und Boykotts gegenüber Israel zu verhängen, um es dahin zubringen, die Regeln des internationalen Gesetzes und der sich ständig weiter entwickelnden universalen moralischen Prinzipien einzuhalten.

Iman bedeutet im Arabischen „Glauben“. Man kann kaum erraten, warum die Eltern von Iman al-Hams ihr diesen Namen gegeben haben. Aber es mag wohl ihr Glaube an ihre Fähigkeit gewesen sein, trotz der Besatzung, des Exils und der Armut durchzuhalten. Dieser Glaube liegt nun mit Iman in Rafah begraben. Mit Besatzung gibt es keinen wirklichen Frieden, keinen Fortschritt, keinen Raum für ein bescheidenes Leben oder irgendein Gefühl von Sicherheit. Palästinensische Kinder verdienen das Leben, Freiheit, Würde und Hoffnung. Am wenigsten verdienen sie, von der „einzigen Demokratie der Region“ hingerichtet zu werden.

Omar Barghouti ist ein unabhängiger palästinensischer politischer Analyst. Sein Artikel „ 11.9. Putting the Moment on Human Terms“ wurde unter den „Besten von 2002“ von The Guardian“ ausgesucht. Er ist zu erreichen unter jenna@palnet.com

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs)

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