Die Israelische Apartheid und der Gaza-Abkopplungsplan

von Mohammed Abed*ZNet 08.09.2005Das Gebiet des historischen Palästinas ist die Heimat zweier Ethnien, der israelischen und der palästinensischen. Heute ist das gesamte Gebiet unter der vollständigen politischen und militärischen Kontrolle Israels, einem Staat, der sich so definiert, dass er nur den Interessen einer dieser Gruppen dient, anstatt jeder Person, welche unter seine politische Kontrolle fällt, unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft. In seiner Geschichte hat Israel versucht seine militärische Macht zur Vertreibung von Nichtjuden aus dem historischen Palästina zu nutzen. Tatsächlich war die Gründung Israels 1948 erst durch eine koordinierte Kampagne ethnischer Säuberungen gegen PalästinenserInnen möglich. Die PalästinenserInnen waren, als der Staat
Israel gegründet worden ist, nicht nur die einheimische Bevölkerung, sie bildeten zwei Drittel der Bevölkerung. Obwohl die meisten ins Exil gerieten, blieben einige. Heute bilden die PalästinenserInnen, das erste Mal seit der Vertreibung so vieler von ihnen aus ihrer Heimat, wieder die Mehrheit in jenem Gebiet, welches unter der Kontrolle Israels steht. Im Schleier eines regionalen Krieges des Jahres 1967, vertrieb Israel weitere 400.000 PalästinenserInnen aus den Gebieten, welche heute als Westjordanland und Gaza bekannt sind. Seit 1967 gab es nur wenige Gelegenheiten zur ethnischen Säuberung. Daher wandte sich Israel einer alternativen Politik den PalästinenserInnen gegenüber zu. Ein zentraler Punkt ist die Idee, dass die beiden ethnischen Gruppen des historischen Palästinas physisch von einander getrennt sein sollen. Aber die Trennung ist kein Vorspiel zu politischer und territorialer Gleichberechtigung. Die Politik zielt mit einer Vielfalt von Mitteln darauf ab, den PalästinenserInnen Land zu enteignen und auf diesem Land israelische JüdInnen anzusiedeln. Wenn alles nach Plan verläuft, werden die PalästinenserInnen auf, von einander getrennten, Gebieten konzentriert werden, welche nur einen Bruchteil jenes Gebiets ausmachen, auf welches sie einen legitimen moralischen Anspruch haben.Während Israel die internationale Gemeinschaft durch Behauptungen besänftigt, dass dieses neue politische Schema Selbstbestimmung erlaubt, wird den PalästinenserInnen in Wirklichkeit die politische Macht verwehrt, ihre individuellen Rechte zu schützen, oder irgendeinen Aspekt der Zukunft ihrer Ethnie zu beeinflussen. Ein Leben unter diesen Umständen ist natürlich unerträglich, also werden viele der dort lebenden Menschen schließlich wegziehen, oder ihre Kultur und Identität wird zerstört.Dieses Projekt ist abgesehen von drei Hindernissen gut vorangekommen. Das erste ist, dass die einheimische Bevölkerung - die PalästinenserInnen - sich zu einem Aufstand erhoben und sich als ernstzunehmende Gegner gezeigt haben.Das zweite ist, dass die internationale Gemeinschaft weiterhin auf ein Ende der gewalttätigen Konfrontationen und auf eine friedliche Lösung des Konflikts zwischen Israel und den PalästinenserInnen drängt. Und drittens hat sich in Gaza das israelische Kolonisierungsprojekt als schwierig umzusetzen erwiesen. Um mit diesen Problemen mit einem Schlag fertig zu werden, hat die Regierung Israels etwas erfunden, was sie den
"Abkopplungsplan" nennt. Gaza ist territorial unwichtig und hat im Unterschied zu anderen Gebieten des historischen Palästinas wenig religiösen, kulturellen oder wirtschaftlichen Wert für Israel. Was es jedoch hat, ist eine sehr hohe Bevölkerungsdichte, aber von der falschen Sorte. Um die wenigen israelischen JüdInnen zu schützen, die sich dort angesiedelt haben, musste Israel enorme menschliche und materielle Ressourcen aufwenden.Folglich sind die Kosten einer Aufgabe des Gebiets durch die SiedlerInnen und die Armee minimal. Indem Israel die Kontrolle der Grenzen, des Luftraumes und der Gewässer Gazas beibehält, hat es weiterhin Macht über die Wirtschaft und über die politische Zukunft der im Gazastreifen ansässigen PalästinenserInnen.Der Abkopplungsplan bringt auch viele Vorteile mit sich. Tatsächlich erlaubt er Israel das oben genannten erste und zweite Problem zu lösen. Indem die Illusion eines vernünftigen politischen Kompromisses geschaffen wird, lässt der Plan den palästinensischen Widerstand irrational erscheinen.Warum sollte sich schließlich jemand gegen ein solch großzügiges erstes Entgegenkommen währen? Und schließlich befriedigt der Plan den Ruf der internationalen Gemeinschaft nach Fortschritten im "Friedensprozess"; dies sieht zumindest wie ein erster Schritt in die richtige Richtung aus. Aber der größte Vorteil des Planes ist, dass er die Aufmerksamkeit der Welt monopolisiert, [Israel] Zeit verschafft und jene Art von politischem Kapital anhäuft, welche es Israel erlaubt, seine Kolonisierung der palästinensischen Länder zu intensivieren und seine Politik der ethnischen Trennung zu stärken.Während die Welt sich wie besessen auf den Rückzug aus dem Gazastreifen und dessen langem politischen Nachspiel konzentriert, wird Israel damit beschäftigt sein, sein Kontrollsystem territorial zu stärken und es mit einer de-facto Legitimität zu versehen. Die Trennmauer wird, das Urteil des Internationalen Gerichthofes ignorierend, weitergebaut; dieser hat in klaren Worten dessen Illegalität bekundet. Die Mauer schneidet tief ins Westjordanland hinein, und sein Verlauf zerstört den territorialen Zusammenhang des Gebiets. Die Siedlungen und die diesen gewidmete Infrastruktur werden weiter ausgebaut. Erst kürzlich hat Israel in Ostjerusalem große palästinensische Flächen konfisziert, um weitere 3.500 Häuser in der Siedlung Ma'ale Adumim zu bauen.Die Definition von Apartheid ist Abtrennung ohne Selbstbestimmung. Das Apartheids Südafrika konzentrierte seine schwarze Bevölkerung auf territorial getrennten "Homelands". Das System der Homelands gab den Schwarzen die Möglichkeit ihre lokale Verwaltung selbst zu betreiben, während es ihnen Selbstbestimmung und andere grundsätzliche Menschenrechte versagte. Israel ist dabei, im historischen Palästina ein ähnliches System
zu errichten. Die israelische Version wird den Gazastreifen, 40 Prozent des Westjordanlandes und gewisse Gebiete innerhalb Israels umfassen, wobei in letzteren eine breite Palette von rassistischer Gesetzgebung die palästinensische Minderheit isoliert und benachteiligt. In diesen Gebieten werden die PalästinenserInnen weiterhin ohne die grundlegendsten Freiheiten leben: ohne Selbstbestimmung und ohne irgendeine Art von Kontrolle über ihre eigene Zukunft.Das ist nicht der einzige Grund, weswegen Israel korrekt als Erbe des Rassismus und der Brutalität des Apartheid-Südafrikas bezeichnet werden kann. Es ist war, dass Israel, seit dem Beginn der zweiten Welle jüdischer Ansiedlung im Jahr 1905, daran arbeitete, eine "reine Siedlerkolonie" zu werden. Sie vermied Abhängigkeit von billiger einheimischer Arbeit und zielte darauf ab, eine rein jüdische Wirtschaft aufzubauen; dagegen hingen die wirtschaftlichen Privilegien von Weißen in Südafrika immer von der Ausbeutung der schwarzen ArbeiterInnen ab. Es ist auch wahr, dass Israel ein "Apartheid-Plus"-Staat ist, in jenem Sinne, dass es aktiv gegen die Anwesenheit von einheimischer Bevökerung auf den von ihm kontrollierten Gebiet vorgeht, und deren totale Vertreibung anstrebt.Diese Unterschiede tragen jedoch sehr wenig dazu bei, den Vergleich zu schwächen. Die palästinensischen arabischen BürgerInnen Israels sind räumlich von einander getrennt und ihre Gemeinschaften werden wirtschaftlich bewusst geschwächt. 93% Israels ist als staatliches Land definiert, welches in Ewigkeit zum alleinigen Nutzen der JüdInnen gehalten wird, und nicht für die BürgerInnen Israels. Die Verwaltung dieser Länder obliegt quasistaatlichen Agenturen, welche sicherstellen, dass kein(e) BürgerIn arabischer Abstammung in diesen Gebieten Land kaufen, pachten oder bearbeiten kann. Während nichtjüdischen BürgerInnen diese Ressourcen verweigert werden, werden ihre Länder und Häuser durch den Staat mit Hilfe vielfältiger bürokratischer Mechanismen enteignet und zerstört. Zur wirtschaftlichen Schwächung ihrer Gemeinschaften gehört unter anderem auch,
dass ihren Bildungseinrichtungen und ihren elementaren kommunalen Aufgaben staatliche Gelder versagt werden. Das Ergebnis ist, dass israelische BürgerInnen palästinensischer Abstammung Jahr für Jahr auf allen wichtigen sozioökonomischen Indikatoren schlechter abschneiden als die jüdischen. Die Isolierung der palästinensischen Gemeinschaft in Israel wird durch andere Maßnahmen, welche schlichtweg rassistisch sind, verstärkt. Die wichtigsten Autobahnen in Israel haben keine Abfahrten zu arabischen Städten und Gebieten. Die Diskriminierung umfasst sogar Gesetze über Aufenthaltsrecht, Bürgerschaft und Ehe. Einer Palästinenserin vom Westjordanland oder Gaza, welche einen Israeli heiratet, verbietet das Gesetz sich in Israel niederzulassen und eines Tages die Staatsbürgerschaft verliehen zu bekommen. Dieses Gesetz gilt nur für palästinensische AraberInnen. Während Israel das international anerkannte Recht auf Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge, welche 1948 vertrieben worden sind, leugnet, verleiht es jeder Person jüdischer Abstammung sofort die israelische Staatsbürgerschaft und erlaubt ihr auf Ländern zu siedeln, auf welche die PalästinenserInnen einen legitimen Anspruch haben. Das Rückkehr-Gesetz ist eine der vielen
Komponenten von Israels Matrix von Apartheidsgesetzen. Schließlich kann jeder israelische Bürger palästinensischer Abstammung mit vollkommener Straflosigkeit von GrenzpolizistInnen oder der Armee getötet werden, wie es im Oktober 2000 geschah.

Als die internationale Gemeinschaft sich mit der Apartheid in Südafrika konfrontiert sah, boykottierte sie das Regime, bis es durch ein politisches System ersetzt war, welches die Gleichheit von Weißen und Schwarzen sicherstellte. Nach beinahe 60 Jahren brutaler Behandlung der indigenen palästinensischen Bevölkerung durch Israel, sollte sie in diesem Fall wieder das gleiche tun.

* Mohammed Abed ist Dozent an der Philosophischen Fakultät der Universität von
Wisconsin-Madison.

[ Übersetzt von: ZMag.de | Orginalartikel: "Disengagement Invigorates
Israeli Apartheid" ]

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