Nahostkonflikt: Einseitigkeit ist Medienprogramm

Eine Studie britischer Wissenschaftler über die Berichterstattung zu Israel und Palästina

Peter Ullrich
Was für Nachrichten kommen aus Israel? Meist keine guten. Und was verstehen die Leute, die diese Nachrichten im Fernsehen vorgesetzt bekommen? Meist nicht viel. So könnte man die Ergebnisse der vorliegenden Studie »Bad News from Israel« zur Berichterstattung über den Nahostkonflikt zusammenfassen. Forscher der Universität Glasgow haben es sich zur Aufgabe gemacht, den medialen Verarbeitungsprozeß einer Nachricht aus diesem Themenbereich zu verfolgen, also die Ereignisse selbst, ihre Behandlung in den Medien und ihre Rezeption beim Publikum. Den Hauptteil bildet eine großangelegte Untersuchung der TV-Nachrichtenberichterstattung im britischen Fernsehen. Das Ergebnis ist eindeutig. Die Berichterstattung unterstützt deutlich eine Sichtweise des Konfliktes, die der israelischen Regierung sehr genehm sein kann. So werden Israelis mehr als doppelt so oft interviewt wie
Palästinenser. Israelische Handlungen werden eher in einen Kontext gestellt und, meist als »Reaktion«, erklärt, während die palästinensische Seite eher als Urheber gewalttätiger Ereignisse erscheint. Israelischen Opfern wird deutlich mehr Raum gewährt, obwohl ihre Zahl deutlich geringer ist als die der Palästinenser. Auch die Art der Präsentation unterscheidet sich gewaltig. Wörter wie »brutaler Mord« oder »kaltblütige Tötung« kommen nur in der Schilderung palästinensischer Gewaltakte vor, das Wort »Terrorist« ist selbst bei ähnlichen Gewalttaten ausschließlich für Palästinenser reserviert.

Besonders betonen die Autorinnen und Autoren, daß Gewalt die Berichterstattung dominiere, während Informationen über Hintergründe fast komplett fehlten. So werden z. B. die israelischen Siedlungen eher als verletzliche Gemeinden dargestellt und nicht als strategische Elemente einer illegalen Besatzungspolitik. »Fehlender historische Hintergrund« lautet denn auch die stille Anklage des Buches. Sie ist die Ursache dafür, daß sich das Publikum von den Fernsehnachrichten reichlich desinformiert fühlt.

In Gesprächsgruppen und Interviews wurden Menschen in Großbritannien, Deutschland und den USA zu ihrem Verständnis der Nachrichten befragt – mit erstaunlichen Ergebnissen: Viele wissen nicht, wer die in den Nachrichten auftauchenden Parteien sind, und worüber sie streiten. Kaum bekannt sind die verschiedenen Kriege und daß die Millionen palästinensischer Flüchtlinge aus diesen herrühren. Einige Interviewte denken gar, Palästina sei die Besatzungsmacht, während andere den Konflikt für eine Grenzstreitigkeit zwischen zwei souveränen Staaten halten. Die Mehrheit überschätzt die Zahl israelischer Opfer und unterschätzt die palästinensischen.

Den beeindruckenden Ergebnissen stehen die Schwächen des Buches gegenüber. Insbesondere im analytischen Teil verliert man sich schnell in der Vielzahl schlecht strukturierter Beispiele, oft ohne Genaueres über deren Stellenwert zu erfahren. Mehr Gliederung und Zusammenfassungen täten dem Buch gut. Den selbst gesetzten Anspruch, die Ausgewogenheit der Berichterstattung zu überprüfen, kann die Forschungsgruppe oft nicht einlösen. Ganz klar erkennbar neigen die Autoren zu Standpunkten, die näher an einer palästinensischen oder links-israelischen Sicht der Dinge liegen. Am deutlichsten wird dies im vorangestellten umfangreichen Geschichtskapitel. Dort wird nicht, wie angekündigt, eine Gegenüberstellung der konkurrierenden histories of the conflict vorgenommen, sondern eine Sicht vertreten, für die in Israel die Generation der »Neuen Historiker« steht. Nichts spricht dagegen, diesen Standpunkt einzunehmen. Es stünde der Studie diesbezüglich etwas mehr Ehrlichkeit gut zu Gesicht. Es ist gerade bei diesem Konflikt, der so vielfältig behandelt und kontrovers diskutiert wird, kaum einer neutralen, nicht vorbelasteten Position zu sprechen, während nur die anderen von den Medien desinformiert werden.

* Greg Philo/Mike Berry: Bad News from Israel. London 2004, Pluto Press,
315 Seiten, 10,99 Pfund, ISBN: 0745320619

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