Israel und Palästina in den Medien der USA und Europas

Wann werden Palästinenser gleichberechtigt sein?

Kathleen Christison, 26.8.05, Counterpunch, USA (Orginaltitel:“Don’t think of a Jewish State!- Can Palestine be put into the Equation?”

“Wenn wir gewaltfrei demonstrieren, dann ist die Welt wenigstens mit uns,” sagte neulich ein junger palästinensischer Bewohner des Westbankdorfes Bilin zum britischen Journalisten Graham Usher. „Wenn wir mit Gewalt Widerstand leisten, ist sie nicht mit uns“.

Usher, ein langjähriger Korrespondent in Jerusalem und in den besetzten Gebieten, beschrieb eine gewaltfreie Protestdemo gegen Israels Trennungsmauer, die seit Februar ununterbrochen in diesem winzigen Dorf, das nur 3 Meilen von der 1967er-Grenze entfernt liegt, stattfindet. Die palästinensischen Bewohner von Bilin, palästinensische Aktivisten aus den benachbarten Orten, israelische Friedensaktivisten und Internationale von ISM haben eine fast permanente Präsenz in Bilin gehalten, um gegen die Konfiszierung des größten Teils des landwirtschaftlich genutzten Landes für den Mauerbau zu protestieren. Die Demonstranten haben sich selbst der gewaltfreien Taktik verpflichtet – sie haben sogar das Steine-werfen verboten. Die israelischen Sicherheitskräfte reagierten mit Scharfschießen, und dem Abfeuern von mit Gummi-ummantelten Kugeln in die Menge, mit Schlägen und Tränengas. Und mindestens einmal wurde gefilmt, wie isr. Provokateure als Palästinenser verkleidet, Steine gegen die Polizei warfen und so einen Angriff auf die Demonstranten provozierten und die Verhaftung einiger Palästinenser verursachten. Mehr als 100 Palästinenser, Israelis und Internationale wurden durch israelische Polizei und Militär verletzt.

Und der Bau der Mauer geht unerbittlich weiter.

Diese palästinensische Gewaltlosigkeit ist ein erstaunliches Schauspiel, eines Gandhi und Martin-Luther-King wert. Aber man fragt sich, wie die Hoffnung der jungen Palästinenser jemals erfüllt werden kann. Sie hoffen, dass die Welt mit ihnen solidarisch ist, wenn sie gewaltfrei demonstrieren. Wie soll es denn die Welt erfahren? Woher werden es denn die Israelis und Amerikaner, geschweige denn alle Welt jemals erfahren, dass Palästinenser und ihre paar Freunde aus den israelischen und internationalen Friedensbewegungen für den Grundsatz ihr Leben riskieren, dass Israels Gewalt und Aggression gegen Palästinenser auf gewaltfreien, nicht aggressiven Widerstand stößt?

Wer kümmert sich denn in der Welt darum? Anscheinend niemand. Auf der Suche nach dem Namen Bilin oder Bil’in in den Washington Post- und den NY-Times-Archiven ( vgl. FAZ, FR, Spiegel ua!) fand man nichts in der W.-Post und nur zweimal in der Times; beides nur kurze Nachgedanken am Ende eines langen Artikels, jedes Mal über israelische Kräfte, die seit fünf Monaten mit Demonstranten „zusammenstoßen“ – obwohl es ein monatelanger Protest war; auch keine Erwähnung davon, dass es gewaltfreie Proteste waren. Wenn CNN und das Fernsehen Bilin überhaupt erwähnen, dann nur minimal.

Mit dem noch kleineren Dorf Khirbet Tana in der zentralen Westbank geschieht dasselbe; man beachtet es nicht, noch schlimmer: als es Anfang Juli vom israelischen Militär total eingeebnet worden war, hat nur die Haaretz-Journalistin Amira Hass darüber geschrieben. Fast jede der Dorfbauten, in denen 450 Menschen und eine große Schafherde lebten, wurden zerstört; nur die 200 Jahre alte Moschee und zwei andere Strukturen blieben stehen. Doch dieser Ethnozid im kleinen war für die Zeitungen von keinem Interesse; die New York Times nahm keine Notiz davon. Auch die anderen größeren US-Zeitungen nicht ; denn hätte man es getan, dann hätte man – wie Amira Hass – anerkennen müssen, dass Israel nicht nur „beachtliche soziale Strukturen“ zerstört, sondern dass seine zerstörerische Aktion nur eine andere Methode ist, die breiten Ränder der palästinensischen Westbank anzugreifen, ihre Bewohner zu enteignen, um die Annexion an Israel vorzubereiten.

Sterbendes Palästina.

Palästina kämpft in fast totaler politischer Finsternis um sein Überleben. Ein besonderer Horror umgibt immer Morde, die im Finstern geschehen, da dem Opfer niemand zu Hilfe eilen und nicht einmal von seinem Todeskampf berichten kann. Gräueltaten wie der Mord an den drei jungen Bürgerrechtsarbeitern 1964 in Mississippi hat solchen Schrecken ausgelöst, ebenso die Morde an den „Desaparecidos“ 1970 in Argentinien und das Klopfen mitten in der Nacht an Türen im Nazi-Deutschland oder im Stalinistischen Russland, was jedes Mal Verschwinden und sicheren Tod bedeutete. Solcher Horror geschieht heute in Palästina. Israel terrorisiert ein ganzes Volk und zwar ganz klar mit der Absicht, dieses Volk als eine vereinigte nationale Einheit zu teilen und zu verhindern, dass es jemals einen lebensfähiger Nationalstaat bilden kann. Praktisch beleuchtet keine der Medien - und niemand im öffentlichen Diskurs - die überall herrschende Finsternis.

Palästina wird langsam durch Israel zu Tode gebracht --- und Tod ist kein zu starkes Wort. Es ist ein Tod durch ethnische Säuberung. Es ist ein Tod durch den Diebstahl des Leben- spendenden Landes; durch Mord an seinen Menschen und ihre Einschüchterung ; auch durch Entfernung arabischer Straßenschilder, die auf palästinensische Städte hinweisen, als ob sie nicht mehr existierten; durch Zerstörung palästinensischer Landwirtschaft, seines wirtschaftlichen Potentials, seines Transportsystems, seines Wassers, seiner Infrastruktur, die Zerstörung seiner Häuser. Und kaum jemand in der Welt weiß darum.

Diesen Geschichten aus Mississippi, Argentinien und von anderen Orten ist eines gemeinsam: sie sind Opfer, die im Geheimen terrorisiert werden, sie sind hilflos und unschuldig, sie sind Schwarze, Juden oder deren Verteidiger oder friedlich nach Gerechtigkeit Suchende. Niemand wird ihren wirklichen Schrecken kennen. Aber da sie Unschuldige waren, ist unsere Empörung grenzenlos. Und weil sie hilflos waren – absolut ohne Möglichkeit der Rettung vor einem Lynchmord oder einem diktatorischen Sicherheitsapparat - ist unser Entsetzen offensichtlich. Aber wo bleibt das Entsetzen über die Situation in Palästina?

...Die angeblich zum progressiven Lager Gehörenden kann man, was dieses Problem betrifft, in zwei Kategorien teilen. Zu der einen Kategorie gehören jene, die Israel aktiv stützen, die zwar gegen die Besatzung sind, aber glauben, dass Israel als jüdischer Staat ein wunderbares Unternehmen sei, und die deshalb nicht wagen, Israel selbst zu kritisieren, oder Israels Gräueltaten nicht zur Kenntnis nehmen wollen. In der 2. Kategorie sind Progressive, die in ihrem Innersten die in Palästina geschehenen Gräueltaten ehrlich erkennen, die aber so sehr eingeschüchtert werden, dass sie aus Angst als antisemitisch eingestuft zu werden, sich abwenden, oder die glauben, dass andere Dinge wie z.B. sich gegen Bush und den Irakkrieg zu wenden, wichtiger sei.

Die Folge ist eine schreiende Stille über Palästina und sein Schicksal. Wo in diesem Spektrum auch immer diese zionistischen oder nicht-zionistischen Progressiven oder die eifrigen Unterstützer Israels auf der Rechten oder die christlich-zionistischen Unterstützer auch stehen, letzten Endes nimmt keiner den Tod Palästinas zur Kenntnis. Und das Problem wird von Tag zu Tag ernster. Während Zeit vergeht, und andere große Ereignisse geschehen, gerät Palästina immer weiter in den Hintergrund und wird letztlich ganz vergessen. Es ist zu einer „alten Geschichte“ und so zu einem komplizierten Problem geworden, das man gern zur Seite schiebt. ...

Obwohl ein paar große christliche Kirchen einige lobenswerte Schritte unternehmen, um Israels Mauer zu verurteilen und sich von Gesellschaften trennen, die die Besatzung unterstützen, so geschieht dies nur zögerlich und sehr langsam. Das Problem ist für die meisten kirchlichen Gruppen zu umstritten; die tapferen, aber vorsichtigen Schritte, die die Presbyterianer unternommen haben, um die sie sich in unerträglicher Weise ein Jahr lang ohne eine definitive Maßnahme bemüht hat, hat der Kirche unglaubliche Bauchschmerzen bereitet. Mitglieder der Kirche und einzelne organisierte jüdische Gruppen und andere christliche Sekten sind nicht einmal so weit gegangnen. Theologen und Kirchen, die in den USA den Weg für den Kampf um die Bürgerrechte und den Anti-Apartheid-Kampf in Südafrika vorbereiteten und die brillante Thesen gegen Ungerechtigkeit irgendwo sonst aufstellen können, haben wenig oder nichts zu Israels Unterdrückung der Palästinenser zu sagen. Christlich-jüdische Dialoggruppen ignorieren zum größten Teil den israelisch-palästinensischen Konflikt überhaupt, ja weigern sich sogar, die Tatsachen der Situation vor Ort zur Kenntnis zu nehmen. Die katholische Kirche unter dem verstorbenen und dem gegenwärtigen Papst ist so damit beschäftigt, die Verbindung des Vatikans zum Judentum zu stärken und für seine Beziehungen zu den Nazis in den 30er und 40er Jahren zu sühnen, dass es ihm jetzt zu unangenehm wäre, direkte Kritik an der Politik Israels und der USA gegenüber den Palästinensern zu üben.

Mit Europa ist es kaum besser. Tony Blair war noch nie bereit, jenseits der von den USA gesetzten Grenzen diesen Konflikt betreffend anzuschauen. Er hat sich anscheinend dafür entschieden, seine wichtigsten politischen Maßnahmen auf die Londoner U-Bahn-Attentate zu konzentrieren und dabei eine neu erfundene Islamophobie in den Mittelpunkt zu stellen. Er ist zu einem tobenden George Bush en miniature geworden, absolut blind gegenüber dem Gedanken, dass westliche Raubzüge in der arabischen und muslimischen Welt unvermeidlich arabischen und muslimischen Hass gegen den Westen erzeugt. Was Frankreich betrifft, so ist es seit der Ära De Gaulles ein Kritiker Israels, ein treuer Anhänger der Anti-Kriegs- und Anti-USA-Haltung auch während des laufenden Irak-Krieges – es zuckt aber auch nur mit den Achseln, wenn es sich um Palästina handelt. Es hat gerade Ariel Sharon herzlich in Paris empfangen. Wieder war es nur Amira Hass, die die Bedeutung dieser Geste feststellte. Nachdem sie die lange Liste von Beispielen ständiger israelischer Strangulierungen der Palästinenser brachte, während Jacques Chirac Sharon umarmt, fragt sich Amira Hass: „Warum sollte Chirac und andere europäische Führer sich für die Millionen Kleinigkeiten kalkulierter Enteignungen interessieren, die das Leben des palästinensischen Volkes bestimmen. Lappalien, die an einander gefügt, ein klares Bild ergeben: Sharon ist fest entschlossen dabei, seinen Gesamtplan zu realisieren: den größten Teil der Westbank unter die Herrschaft Israels zu integrieren.“ Sie folgert daraus, dass Europa eine historische und moralische Verantwortung für beide trägt, für die Israelis und die Palästinenser und dass dies genügt, Europa zu verpflichten, Israel bei der Erfüllung dieses Gesamtplanes nicht zu unterstützen.“

Aber natürlich genügt das nicht .

Formuliere dies noch einmal! Denke neu darüber nach!

... so dreht sich die hochheilige Idee von Israel als einem jüdischen Staat und die Realität des arabisch-israelischen Konfliktes allein um die Garantie einer dauerhaften Existenz Israels. All dies überwältigt und füllt den öffentlichen Diskurs in den USA so sehr, dass alle anderen Möglichkeiten sekundär bleiben und nur in der einzigen Beziehung beurteilt werden, wie sie irgendwo und irgendwie Israels Sicherheit und Überleben berühren. Der Punkt, neu darüber nachzudenken, es neu zu formulieren, würde bedeuten, das Denken der Allgemeinheit für andere Möglichkeiten zu öffnen wie z.B. die Anerkennung der palästinensischen Rechte in Palästina - das Recht echter Unabhängigkeit, das Recht der Unantastbarkeit der Häuser und des persönlichen Eigentums, das Recht auf ein Leben ohne Menschenrechtsverletzungen durch eine Besatzungsmacht – also neu darüber nachdenken, dass in einer gerechten Welt dies genau so wichtig ist, wie Israels Recht, zu existieren.

Es gibt aber guten Grund zu glauben, dass jedes neue Formulieren eine fast hoffnungslose Aufgabe ist, weil das in Jahrzehnten aufgebaute Denksystem über „Israel-als-jüdischer-Staat“ - zum großen Teil auf dem Mitgefühl für Juden als einem geschundenen Volk beruhend – einen so festen Platz in den Medien und den Köpfen hat, dass es fast unmöglich erscheint, in dieses System einzubrechen, um die Botschaft zu verändern. Letzten Endes sind es allein die Medien, durch die das Denken der Kriegsgegner-Aktivisten, Kirchengruppen, zionistischen und nicht-zionistischen Progressiven, der Politiker und der allgemeinen Öffentlichkeit geändert werden kann. Aber die Medien werden nicht mitmachen. Ein kleines Beispiel: Amira Hass, fast die einzige Stimme in den Medien, die die Wahrheit sagt, berichtet, dass sie, als sie einen europäischen Journalisten fragt, warum er nicht über die Mauer schreibe, die da rund um Jerusalem gebaut wird und den Ost-Jerusalemer Vorort Anata total umgibt, antwortete der Journalist, dass sein Zeitungsverleger nur am Gaza-Abzug interessiert sei, weil dies voller Aktionen und aufregend sei. Die Zeitungsverleger sind nicht mehr an den sich immer wiederholenden Details über den Schaden, den die Mauer verursacht, interessiert.

Unterdrückung ist eine fiese Sache.

Etwas Aufregendes allerdings geschah einem Palästinenser vor wenigen Wochen; doch auch dies ging praktisch unbemerkt von den Medien über die Bühne. Eine Gruppe israelischer Teenagesiedler aus der Westbank kamen, um gegen den bevorstehenden Abzug zu protestieren, in den Gazastreifen. Sie schlugen einen palästinensischen Teenager beinahe zu Tode, als er bewusstlos am Boden lag. Eine Gruppe israelischer Soldaten und ein internationales Presse-Team beobachtete dies und griff nicht ein. Israelische Zeitungen hatten den Anstand, so entsetzt zu sein, dass sie diesen Vorfall mit „Lynchen“ bezeichneten. Die US-Medien ignorierten dies. Wie in einem alten Rätsel fragt man sich: macht ein fallender Baum mitten im Wald Lärm, wenn es niemand hört? Dies kann man auch auf die Palästinenser anwenden: Leiden die unter israelischer Besatzung lebenden Palästinenser wirklich unter der Unterdrückung, wenn die Medien nichts davon berichten?

Ein Vergleich der Medien-Berichterstattung ....... über die Evakuierung der Siedler im Gazastreifen mit der Berichterstattung über die massive Zerstörung palästinensischer Häuser, die seit Jahren im Gazastreifen, in der Westbank und Ost-Jerusalem vor sich geht, stellt sich die erstere im Vergleich zu jener über Palästina wie immer als „ weit verbreitetes Schweigen“ dar. Während des Abzugs der Siedler berichteten 900 Journalisten aus aller Welt Tag für Tag von der fürs Fernsehen fabrizierten Angst und Pein der 7-8000 Siedler und der opportunistischen Fanatiker, die von außerhalb Gaza kamen, um die Siedler zu unterstützen. Niemals wurde solches Theater jedoch um die Angst und den Schmerz der Palästinenser gemacht, als buchstäblich Tausende ihrer Häuser zerstört wurden, und Zehntausende von Unschuldigen obdachlos wurden, weil Israel ihr Land zu einer „Sicherheitszone“ erklärte, oder das Haus als zu nah an einer israelischen Siedlung wähnte oder es im Weg des Mauerbaus stand oder weil man keine Baugenehmigung hatte, die Palästinenser gar nicht bekommen. Dies sind reine, sich ständig wiederholende Details der Unterdrückung – und anscheinend nicht so emotional, aufregend oder plastisch wie der jüdische Schmerz.

Auch wenn die Medien in den USA und in Europa schweigend über die Todeswehen Palästinas hinweggehen, versäumen sie selten eine Gelegenheit, den Palästinensern.eine Lektion zu erteilen: Israel hat einen unübertrefflich mutigen Schritt in Gaza unternommen ( „den bedeutendsten und schmerzvollsten Schritt in Richtung Frieden, der jemals im Mittleren Osten gemacht wurde“, trompetete eine Zeitung mit spektakulärer Übertreibung) . Die Zukunft hängt nun ganz davon ab, wie sich die Palästinenser verhalten. Unter „Verhalten“ versteht man, weder die Israelis noch die Medien zu stören, die verbreiten, dass der Frieden schon um die Ecke sei, wenn nur die Palästinenser kooperieren. Unter „Verhalten“ ist auch gemeint, dass sie sich ganz sicher nicht über Israels massive Konsolidierung und Expansion in der Westbank beklagen dürfen, während die Welt nach Gaza schaut.

„Verhalten“ bedeutet im Wesentlichen, Kapitulation. Die neue Nach-Gaza-Medien-Propaganda läuft darauf hinaus, wie es kürzlich in der (Fox-) Sonntags-Talkshow ausgedrückt wurde: Israel ist aus dem Gazastreifen, die Mauer hat dem Terror ein Ende gesetzt, die Palästinenser haben keine Druckmittel mehr und müssen deshalb ihre Forderungen aufgeben und „ein Abkommen erreichen“ – d.h. Kapitulation gegenüber allem, was Israel diktiert. Auch wenn dies ein Rezept vom rechten Flügel ist, gibt es bei diesem Thema kaum einen Unterschied zwischen der Rechten und der Linken. Man kann ziemlich sicher sein, dass dies in etwa die neue Wahrheit für das ganze Spektrum der Hauptmedien in den USA sein wird.

Jene Medien-Kommentatoren und -Redakteure, die meist dazu neigen, den Palästinensern mit den Fingern zu drohen, sind am wahrscheinlichsten diejenigen, die ignorieren, was auf der Westbank wirklich vor sich geht . Der Kolumnist der Washington Post, Jackson Diehl, einer der vielen, der vor dem Abzug eine ganze Spalte seiner Enttäuschung widmete, dass die Palästinenser sich irgendwie nicht der Lage gewachsen zeigten .( „Palästinensische Führer,“ verkündete er mit atemberaubender Kurzsichtigkeit, „ konzentriert euch mehr auf die US-Vermittler, um mehr Konzessionen von Israel zu erhalten .....“ )– der aber niemals die Westbank erwähnte oder die vielen Schritte, die Israel unternahm, um Palästina abzuwürgen. Die letzte Nummer einer Monatszeitschrift ( Atlantic Monthly) hatte einen 20 000 Wörter langen Artikel über „Wie Yassir Arafat Palästina zerstört“ ohne die Siedlungsexpansion in der Westbank, die Mauer, die Zerstörung von palästinensischem Eigentum und die anderen Arten, wie Israel Palästina zerstört, zu erwähnen. So geht das Phänomen von Palästinas Verschwinden unsichtbar über die Bühne.

Diese Beispiele sind nur die Spitze des Eisberges, der „Jüdischer Staat“ genannt wird: ein Denk- und öffentliches Diskurs-System, in dem alles Israelische als gut und alles Palästinensische als schlecht oder bestenfalls als nicht der allgemeinen Aufmerksamkeit wert erachtet wird; ein Denk-System, das alle Entwicklungen in der Region nur im Sinne von Beeinträchtigung der Existenz oder des Überlebens von Israel als einem jüdischen Staat betrachtet. Israel ist also immer unschuldig, immer das Opfer, jeder gewaltfreie Widerstand gegen Israels Aggression wird nur in dem Sinne betrachtet, wie es Israels Zukunft berührt. So ist es fast unvermeidlich, dass alle, die in diesem Sinne denken, jedes Tun der Palästinenser als Bedrohung von Israels Zukunft betrachten. (wie z.B. das Banner in Fußballstadium in Basel: „Free Palestine!“ am 3.9.05. ER)

Die Medien sind der Hauptlieferant dieses „Jüdischen Staats“-Systems von Richtlinien und deshalb auch der Hauptlieferant des Denk-Systems, das die Palästinenser und ihre Notlage als eine ständige Wiederholung ( von Lappalien) betrachten. Die Details der palästinensischen Unterdrückung werden immer nur in Beziehung - im Sinne der oben beschriebenen Medien - beurteilt, welche Bedeutung sie für das jüdische Leiden haben. Die Medien schweigen über das tägliche Töten von palästinensischen Zivilisten, einschließlich Kindern – egal, ob es durch Scharfschützen, durch Raketenangriffe, unter plattgewalzten Häusern, als „Kollateralschaden beim gezielten Töten von militanten Führern geschieht. Das Töten findet, wie die Human Rights Watch (Menschenrechtsorganisation) kürzlich charakterisierte, in einer Atmosphäre totaler Straflosigkeit statt. Das Schweigen der Medien und die Gleichgültigkeit des Westens hilft mit , diese Atmosphäre auszubrüten, in der die israelischen Soldaten die Genehmigung des Tötens haben, wann immer sie wollen.

Studien über US- und britische Medien zeigen wiederholt, dass der Tod palästinensischer Zivilisten wenig Medienaufmerksamkeit erhält, während der Tod von Israelis unverhältnismäßige Aufmerksamkeit erhält. So gewinnt man den Eindruck, als würde die Tötungsrate der Israelis viel höher sein, als die der Palästinenser – während tatsächlich während der ganzen Intifada die Zahl der palästinensischen Getöteten immer drei-vier mal höher lag. Nur wenige TV-Konsumenten kennen die wahre Geschichte dieser unverhältnismäßigen Zahl palästinensischer Getöteten. Die Journalistin Alison Weir ( Leiterin von „IFAmericansknew.org) hat ausgedehnte Studien über die Berichterstattung in den US-Hauptmedien, -Zeitungen, Magazinen, Fernsehen gemacht und durchgehend entdeckt, dass die Medien über die palästinensischen Getöteten viel weniger berichten und zwar in einem Verhältnis von 3:14 . Während des 1.Jahres der 2. Intifada (Okt.2000 – Sept.2001) fand Weir z.B. heraus, dass trotz der viel höheren Tötungsrate, die Medien über alle israelischen Getöteten drei bis vier mal mehr berichteten als über palästinensische Getötete und über den Tod israelischer Kindern sogar 14 mal mehr als über den Tod palästinensischer Kinder. In einer ähnlichen Studie hat Weir über das Jahr 2004 genau diesen Unterschied wieder festgestellt.

Eine gründliche Studie über die Berichterstattung des britischen Fernsehen über den Konflikt im Jahr 2004 - einschließlich des Inhaltes und der Auswirkungen der Berichte auf das Verständnis und die Haltung des Fernsehpublikums - zeigte ähnliche Verdrehungen. In einem Artikel, der die umfangreiche .... Studie („Schlechte Nachrichten aus Israel“ von Glasgow Universitätsforschern Greg Philo und Mike Berry) untersucht, schrieb ein früherer BBC-Nahost-Korrespondent, die britische Rundfunk- und Fernsehberichterstattung über die Intifada sei hauptsächlich unredlich – was das Konzept, die Behandlung und die Ausführung betrifft. Tim Llewellyn, der zehn Jahre lang für BBC über den Nahen Osten berichtete, bestätigt die Schlussfolgerungen des Buches. Er hatte nach seinen Erfahrungen beobachtet, dass die „Rundfunksprecher“ allein mit ihrer Sprache bzw. ihrem Ausdruck den besetzenden Soldaten den Vorzug gaben, im Vergleich zu den besetzten Arabern, indem sie die letzteren im wesentlichen als fremde Stämme beschrieben, die das Überleben Israels bedrohten – dabei ist es genau umgekehrt.

Die Glasgow-Untersucher beobachteten zwei Jahre lang die Berichterstattung des britischen Fernsehens und fanden heraus, dass Israelis in Interviews und in Zitaten mehr als doppelt so oft erscheinen wie Palästinenser; dass die Berichterstattung keine historischen Hintergründe über die Ursprünge des Konfliktes oder über die Enteignung der Palästinenser 1948 bringt; dass die Besatzung oder das Konzept der israelischen Kontrolle über israelische Gebiete nie erwähnt wurde, ja, nicht einmal das Wort „Besatzung“ kam vor; dass israelische Siedlungen und andere Merkmale der Besatzung, wie die Landenteignungen, niemals beschrieben werden, ja, bei der Besatzung eine wesentliche Rolle spielen.

Der Forschungsbericht über das TV-Publikum in Schottland und England fand weitgehende Ignoranz und Verwirrung über den Konflikt vor. Die Lücken im Wissen des Publikums entsprechen den Lücken in der Berichterstattung. Die meisten Zuschauer/ Zuhörer, die nichts über die Geschichte und nur selten das Wort „Besatzung“ hörten, wussten nicht, wer wen besetzt hält. Nur etwa erstaunliche 10% verstanden, dass Israel palästinensische Gebiete besetzt und nicht umgekehrt, und die meisten dachten, dass die Palästinenser jeweils den Kampf beginnen. Wie Llewellin aus den Ergebnissen der Studie entnahm, war das Ergebnis der „verdrehten Linse“ des Fernsehens, dass die Israelis eine Identität und eine Existenz haben, die der Zuschauer versteht. Die Palästinenser bleiben anonym, unsympathisch, ihre Persönlichkeiten und ihre Ansichten bleiben unter ihrer Bürde des Leids und dem Jargonwort „Terror“ vergraben..

Aber wie kann dies verändert werden?

… die Medien-Berichterstattung über den palästinensisch-israelischen Konflikt ignoriert den palästinensischen Standpunkt. Er passt einfach nicht mit dem tief verwurzelten Denken der Medien zusammen - oder mit der teuer finanzierten und enorm erfolgreichen Lobby- und Propaganda-Kampagne organisierter Unterstützer Israels zusammen. All dies ist abwechselnd ein größerer Grund, warum die Öffentlichkeit die palästinensische Geschichte nicht kennt. Sie ist kein Teil des akzeptierten, politisch korrekten öffentlichen Denkens. Israel als Unterdrücker passt nicht in das Bild von Unschuld und Moral, das in uns hineingetrommelt wurde; Israel als ( militärisch) besonders stark , passt nicht in das Bild des jüdischen Opfers, mit dem wir alle aufgewachsen sind; Israels Soldaten als Killer passen nicht in das Konzept der „Reinheit der Waffen“, von denen uns immer erzählt wurde und das noch immer dem israelischen Militär eingeflößt wird; Israel als Verursacher eines Ethnozids gegen ein ohnmächtiges Volk passt nicht zum „Opfer eines Völkermord“-Images, das in den Gehirnen der meisten Amerikaner ( und Europäer ! ER) steckt.

...Israel und seine Unterstützer können über „Jüdischen Staat“ oder über „Bedrohung von Israels Existenz“ oder über „Antisemitismus“ reden und werden sofort und mitfühlend verstanden. Die überkommene Grundlage für die Berichterstattung ist, dass es in diesem Konflikt nur um Israels Überleben geht; seit einem halben Jahrhundert hat man uns alle glauben gemacht, dass die Araber Israel als Staat zerstören und Juden töten wollen; und deshalb muss sich Israel – natürlich mit massiver Hilfe der USA – um jeden Preis verteidigen, und dass deshalb Israels Sicherheit äußerst wichtig ist. Weitere Erklärungen sind nicht nötig. In Wirklichkeit geht es aber nicht um Israels Überleben, das gar nicht in Gefahr ist – es geht um das Überleben der Palästinenser und die Bedrohung der palästinensischen Existenz als Volk und Nation. ...

Die Palästinenser selbst werden nicht verschwinden, trotz Israels größter Anstrengung, und sie werden ihren Kampf nicht aufgeben – jetzt nicht, nachdem sie 60 Jahre lang erfolgreich gegen einen gemeinsamen multinationalen Versuch, sie zum Verschwinden zu bringen, kämpften. Aber Israels Besatzung von palästinensischem Land und die israelische Gewalt zerstört jede Möglichkeit einer palästinensischen Staatsbildung. Während die Medien die Besatzung und die Politiker die Gewalt Israels ignorieren, weiß das westliche Publikum wenig und kümmert sich wenig darum. Palästina und die Palästinenser werden terrorisiert und im Dunklen gemordet. Keiner hilft ihnen, nur wenige bemerken ihr Sterben. Sie sind hilflos und stehen der Macht einer massiven israelischen Militär- und Propagandamaschine gegenüber, die von den westlichen Medien begünstigt wird.

Kathleen Christison ist eine frühere politische CIA-Analystin gewesen und hat sich 30 Jahre lang mit Nahostthemen befasst. Sie ist die Autorin von „Perceptions of Palestine“ (Wahrnehmung von P.) und „ The Wound of Dispossession“ (Die Wunde der Landenteignung“) . Ihre E-Mail-Adresse: christison@counterpunch.org http://counterpunch.org/christison08262005

(dt. und etwas bearbeitet :Ellen Rohlfs)

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