Im Schatten von Gush Kativ
Gideon Levy, Haaretz, 20.5.05
Nur in
Sarajewo habe ich solch große Zerstörung gesehen. In Sarajewo
und in Rafah. Ein Stadtteil nach dem anderen, in dem es kein einziges
Haus gibt, das nicht beschädigt wurde, keine Wohnung, die nicht
aufgerissen, keine einzige Mauer ohne Einschusslöcher wie Pockennarben.
Bewohner, die in Gebäudeskeletten leben, nachdem ihre früheren
Wohnungen zerstört wurden. Da gibt es Familien, die seit Jahren
nachts im Hof eines Krankenhauses Schutz finden, weil sie Angst haben,
in ihren Häusern beschossen zu werden. Flüchtlinge –
zum zweiten oder dritten Mal, deren elende Flüchtlingshütte
sogar zerstört wurde. Traumatisierte Kinder, die sich noch nicht
an die verhältnismäßige Ruhe der letzten Wochen gewöhnt
haben.
Hinter den Zementmauern und den Eisenzäunen, die Gush Kativ umgeben,
und weit weg von den Augen der Medien, die viel über die ( zukünftigen)
Traumata der Siedler berichten, verbirgt sich eine weit bitterere Realität:
Das Leben von zehn Tausenden Bewohnern von Khan Yunis wurde genau wegen
Gush Kativ zur Hölle. Die Schutzmauer versteckt alles, die offenen
Flächen, die von allen Gebäuden und aller Vegetation „gesäubert“
wurden, halten alles auf Distanz. Doch die Zerstörung und das Leiden,
die Ruinenberge und die Behinderten, die sich in ihnen bewegen und der
Unterschied zwischen den Häusern der Siedlungen und den Häusern
von denen, die vorher hier lebten, die Flüchtlinge aus Ashkalon
und Beer Sheba, können nicht versteckt werden.
Hier Gras – dort Sand, hier Ruinen – dort private Häuser;
hier Industriezonen und Gewächshäuser – dort fast vollständige
Arbeitslosigkeit; hier Panzer, Schutz und Befestigungen – und
dort hilflose Bewohner. Die Zementmauer kann die Wirklichkeit verbergen
– sie kann sie aber nicht ausradieren. Man kann fast nichts von
Gush Kativ sehen, aber würde es etwas ändern, wenn die Siedler
die Zerstörung und das Leiden, das sie verursacht haben, sähen?
Familien, deren Häuser zerstört wurden und deren Land gestohlen
wurde und deren Leben wegen Gush Kativ zu einem Leben aus Angst und
Demütigung geworden ist. Auf dem Höhepunkt des großen
Trauerliedes über das Schicksal der Siedler von Gush Kativ sollte
man sich an die Leidenslast erinnern, die sie ihren Nachbarn, den Bewohnern
dieser armen und übervölkerten Region durch israelische Akte
und Feindseligkeit vermacht haben. Wenn schon der Anblick der Siedlerkinder
Kopfschmerzen bereitet, die bald von ihren Häusern in andere umgesiedelt
werden, wie ist es dann mit den verängstigten Kindern der Nachbarn,
die von Panik umgetrieben werden, oft heimatlos sind und im Sand ohne
Gegenwart und Zukunft versinken.
Die Siedlung
Nezarim liegt an der Küstenstraße im Herzen des Gazastreifens
und vor einem Ruinenberg. Kfar Darom liegt nicht weit davon und rund
herum gibt es noch mehr Ruinen. Jede Siedlung hier wurde auf Ruinen
und noch mehr Ruinen gebaut. Auch wenn das mehrstöckige Haus der
Abu Nahiya Familie gegenüber von Kfar Darom noch steht, so ist
es völlig mit Tarnnetzen bedeckt, ein Zeichen dafür, dass
die IDF das Haus übernommen hat – und nicht der Künstler
Christo.
Ein Fischhändler bietet an der Dir al-Balah große Sardinen
aus einem Eimer an. Der Soldat, der alles übersieht und nicht gesehen
wird, tyrannisiert von der Höhe seines Wachturms am Abu Houli-Kontrollpunkt,
dem Gush-Kontrollpunkt die Tausenden von Fahrern. Die Straße oben
drüber ist nur für Juden und ohne Kontrollpunkt und ohne Befehle.
Die Straße darunter ist für die Palästinenser mit Befehlen,
die aus einiger Entfernung von Soldaten mit Hilfe eines heiseren Megafons
ihnen ins Gesicht geschleudert werden: „Vorwärts!“,
„Halt!“ wie ferngesteuertes Spielzeug. Die Fahrer gehorchen
ruhig und fahren oder fahren nicht – so ist es seit Jahren auf
der einzigen „Schnellstraße“, die durch den Gazastreifen
führt. „Wie alt mag der Soldat sein, 19? Und wie alt bin
ich, dass ich mir von ihm sagen muss, ob ich fahren darf oder nicht?“
fragt ein Passagier im gelben palästinensischen Taxi, das nach
Süden, nach Khan Yunis fährt.
Während der Wartezeit am Checkpoint – draußen ist es
heiß – ergibt sich im Inneren des überfüllten
Taxis eine Meinungsumfrage, ob die Häuser zerstört oder nicht
zerstört werden sollen. Das Ergebnis ist klar: vier der Passagiere
sind fürs Zerstören der evakuierten Hauser in den Siedlungen,
einer ist dagegen und zwei andere glauben gar nicht daran, dass es eine
Evakuierung gibt.
Die Unterstützer der Zerstörung sagen, die Häuser der
Siedler passen nicht für die Bedürfnisse der Menschen in Gaza,
die unter engsten Bedingungen leben. „Auf jeden Fall werde ich
nichts bekommen. Werden sie kommen und zu mir sagen: Nimm ein Haus?
Die Regierung und die Armee wird alles nehmen. Alle Häuser werden
an die Generäle vom Ausland (Tunisleute) gehen. Wir sollten alle
Häuser zerstören und Häuser mit vielen Etagenwohnungen
bauen,“ sagte der Fahrer.
Land in
Neveh Dekalim
Im Haus der Ashour al-Ara ist eine andere Welt. Ein Garten mit Fruchtbäumen,
einem Balkon mit Grün, ein großes Haus an der Hauptstraße
nach Khan Yunis, aber weit weg vom Tumult. Der Hausbesitzer sprüht
Eau de Cologne über die Hände der Gäste und serviert
frischen Orangensaft. Der 65Jährige zupft seine fleckenlose weiße
Keffiye auf dem Kopf zurecht.
Hundert Dunum Land, die seiner Familie gehören liegen in der Siedlung
Neveh Dekalim. Das Hotel der Siedler liegt auf seinem Land, sagt er.
Er möchte auch, dass die Häuser zerstört werden.
„Wir werden wieder Fruchtbäume pflanzen und die Häuser
der Familien wieder aufbauen,“ lächelt der reiche, alte Mann,
dem das Leben gut mitgespielt hat, selbst wenn ihm Land gestohlen worden
war. Ara hat 38 Enkel, und er will sie alle auf das Land neben dem Meeresufer
ansiedeln – in Neve Dekalim.
Khan Yunis mag die einzige Stadt auf der Welt sein, die am Ufer des
Meeres liegt und deren Bewohner daran gehindert werden, sich ihm zu
nähern. Für sie gibt es kein Meer und kein Fischen, weil die
Siedlung die Küste vor der Stadt weggenommen hat. Auf dem Dach
eines anderen Wohnhauses, das Aras großer Familie im Al Karara-Stadtteil
am Rande Khan Yunis gehört, zeigt uns der alte Mann Ashour sein
Land jenseits der Sanddünen und des Checkpoints.
Rechts ist Nezer Hazani, in der Mitte das Ghaneital und links Neve Dekalim,
der große Kuhstall und die gut gepflegten Gewächshäuser.
„Auf dieser Straße fuhren wir sonst zum Meer,“ sagte
er voll schöner Erinnerungen. Bis zur Waffenruhe wagten sie nicht,
auf dieses Dach zu gehen – es liegt gegenüber eines IDF-Militäraußenpostens.
Fast 20 Bewohner dieses Stadtteils wurden während der Intifada
getötet. „Bald werden wir zusammen zu unserem Land gehen
und Sie werden sehen, was für einen wunderbaren Ort wir hatten,“
lächelte der alte Mann. Dann ging er zu der Aussichtsstelle im
Hinterhof des Hauses zu den Aprikosenbäumen und bediente die Gäste
mit noch einem Glas frischen Orangensaftes.
Die Straßen von Khan Yunis - eine Region aus Sand und Verzweiflung.
Der Al-Amal-Stadtteil, Stadtteil der Hoffnung, war für die eine
Quelle der Hoffnung, die aus den städtischen Flüchtlingslagern
evakuiert wurden. Aber jetzt nach der 2. Intifada sind Häuser dieses
Stadtteils in Ruinen oder beschädigt. Aus jeder der sandigen Gassen
kann man die Gush Kativ bewachenden IDF-Außenposten sehen, die
nur Furcht verbreiten. Mit Tarnnetzen bedeckte Türme und unsichtbare
Soldaten, die jeder Zeit losschießen können. Keiner wagt
sich näher ´ran als an die letzte Häuserreihe. Ein sandiges
Tal trennt den Ortsteil von der befestigten Siedlung. Ein israelisches
Militärflugzeug braust über den Himmel. An einer Straßenecke
haben die Bewohner aus Zementblöcken eine Schutzmauer gebaut, damit
die in der Gasse Gehenden geschützt sind. Kinder des Meeres ohne
Meer, 2km vom Strand entfernt. Über jedem Wachturm flattert eine
israelische Flagge, die die Bewohner daran erinnert, wer die Herren
im Land sind. Später werden sie überrascht sein, wenn nach
der Evakuierung der Siedler die Leute auf ihren Dächern tanzen.
...
Eine Reihe Gebäudeskelette, jedes 5-6 Stockwerke hoch, sind dicht
bewohnt. Diese Gebäude wurden nie vollendet. Die Obdachlosen aus
dem nahen Flüchtlingslager hausen hier, nachdem ihre Hütten
in den letzten 2 Jahren zerstört wurden. Da gibt es keine Fenster,
keinen Verputz, die Strom- und Wasserleitung ist improvisiert, die Betonböden
und grauen Backsteine vermitteln eine triste Atmosphäre. An Stelle
von Fenstern ist Pappe und Stoff – nur wenige können sich
wirklich installierte Fensterrahmen und Fenster leisten. ...
Die Wohnungen sind zum Bersten überfüllt. An einige Gebäude
wurden Schuppen angebaut, um ein paar Kinder mehr unterzubringen. Um
die nächste Umgebung etwas menschlicher zu machen, wurden mit jämmerlicher
Bemühung vor einigen Gebäuden kleine und armselige Gärtchen
angelegt. Es sind nur einige 100m nach Neve Dekalim – aber sie
sehen nichts. Die Mauer schützt.
Tausende
von Einschüssen
Wir klettern über einen Steinhaufen, der zu einer Treppe eines
der Gebäude führt. In der untersten Etage lebt die Familie
von Awad Sayed Zeidan. Früher lebten sie im Khan Yunis-Flüchtlingslager.
Doch eine Rakete zerstörte ihre Hütte. Sie sind Flüchtlinge
aus Jaffa. Mehrere Monate lebten sie bei Verwandten. Bis sie hörten,
dass Leute in diesen Rohbauten Unterschlupf suchten. Zehn Kinder von
19 Monaten bis 15 Jahre alt, der Vater ist arbeitslos, seitdem Israel
seit Beginn der Intifada seine Tore geschlossen hat. Die Wohnung stinkt.
Die schmutzige Nische dient als Küche ...Ein Familienmitglied wurde
durch eine Granate nahe am rechten Auge verletzt. Nun ist eine Narbe
im Gesicht des Jungen. Er selbst war wie durch ein Wunder gerettet worden.
Iman, die Mutter kehrt den Betonboden. Küken rennen durch den Flur.
Ob sich ihr Leben nach der Evakuierung ( der Siedler) ändern wird
. Awad lächelt verlegen: „ Vielleicht ist es ruhig. Vielleicht
bauen sie ein Haus für uns. Vielleicht ist es dann für die
Kinder ruhiger. Wir haben schon an die UNRWA geschrieben und darum gebeten,
dass man uns ein Haus baut für das zerstörte“. „
Wartet bis nach dem Abzug“ dann werdet ihr vielleicht ein Stückchen
Land bekommen, auf dem ihr ein Haus bauen könnt“, antwortete
die internationale Organisation.
Zwei Mietshäuser mit je 20 Wohnungen stehen wie ein Kartenhaus
in sich zusammengebrochen. Die IDF sprengte sie vor einem Jahr in die
Luft, weil sie zu nah an Neve Dekalim standen. So gab es 500 weitere
Obdachlose – doch wen interessiert die Zahl ? Alle übrigen
Mietshäuser in der 1.Reihe gegenüber dem unsichtbaren Neve
Dekalim, sind teilweise zerstört. Tausende von Einschüssen
und einige größere von Granatbeschuss zeugen von den Tagen
des Schreckens. Hier herrschte Krieg. In den westlichen Räumen
wagt keiner zu leben. Dort hängen nur Teppiche in der Luft. Die
Familie drängt sich nur in den östlichen Räumen zusammen,
auch heute während der Zeit der Feuerpause. Selbst jetzt ist es
gefährlich hier – gegenüber dem Militärposten -
zu stehen.
Wir betreten ein Mietshaus. Es ist gut eingerichtet: eine Haussprechanlage
am Eingang, Stillampen im Empfangsbereich, Ornamente am Gebäude,
Sattelitenfernsehantennen auf dem Dach. Es ist der Stadtteil der oberen
Klasse von Khan Yunis. Aber einige der Wohnungen stehen leer. Wer kann,
ist aus dem Inferno geflohen.
„Turmos,turmos!“( eine Art Bohnen) ruft ein Straßenverkäufer
von seinem Dreirad ...“ein Beutel für 1.5.Schekel! Es gibt
keine Käufer. .....
Im südlichsten Haus – gegenüber von noch einem IDF-Außenposten lebt Fuad H. Er sitzt im Sand vor seinem Haus im Schatten eines jungen Feigenbaumes. Die Zweige des Baumes verbergen uns vor den Soldaten im Militärposten, der sogar so beängstigend wirkt, auch wenn uns 200 m trennen. Die israelische Flagge mit dem Davidstern wirkte auf mich noch nie so bedrohend. H.’s Bein ist über dem Knie amputiert. Am 24.11. 2000 trat er vor die Tür und wurde ins Bein geschossen. Er ist 43 Jahre alt und hat 6 Kinder. Er hat keine Mittel, sich eine Prothese zu leisten. Bevor er verwundet wurde, arbeitete er in Israel. Er bat uns, nicht sein Gesicht zu fotografieren, weil er daran denkt, Israel wegen seiner Verletzung gerichtlich zu belangen. Sein Anwalt riet ihm, sich nicht fotografieren zu lassen. Im Augenblick zieht er drei Pfaue in einem Käfig groß. Ein Bein-Amputierter sitzt im Sand und schaut gelegentlich zum israelischen Militärposten, von wo in sein Bein geschossen wurde und gelegentlich zu seinen stolzen Pfauenvögel im Käfig. So verbringt er seine Zeit ..
(dt. und gekürzt : Ellen Rohlfs)
