Apartheid und die Mauer: Zwei überwunden geglaubte WELT-ÜBEL feiern
Wiederauferstehung

Die Apartheid-Mauer zwischen Israel und Palästina - Von Rupert Neudeck /
GRÜNHELME

29. August 2005

Da war sie wieder, die Aktualitätsterror-Demonstration. Nach dem einwöchigen Besuch in Palästina und Israel sind wir für eine Pressekonferenz im Ambassador Hotel in Jerusalem angemeldet für die Medien. Aber eine Stunde vorher platzt die Nachricht herein von dem Versuch des Selbstmordanschlags eines Palästinensers in Beer Sheva. Schon sind alle Journalisten dort in Beer Sheva, auch die palästinensische Autonomiebehörde hat eine
Pressekonferenz angesetzt.

Wir erfahren immer noch nicht zureichend, wie tiefgreifend die tägliche Demütigung der Palästinenser geworden ist. Sie wird trotz aller positiver Nachrichten über die Evakuierung der 8.000 Siedler vom Gaza Streifen und des sog. "disengagement" jeden Tag schlimmer. Was wir ja im Gedränge nicht erfahren: Die Mauer wird nach der Evakuierung der Siedlungen im Gaza Streifen auf der Westbank heftig weitergebaut. Ganz Ost-Jerusalem wird von der Westbank getrennt durch die Mauer. Ganz Bethlehem ist eingeschlossen, ein Riesen-Stahltor bildet den einzigen Öffnungsvorgang, für den aber Israel und seine Armee allein den Schlüssel haben. Die Bantustanisierung der Gebiete (BANTUSTANs waren die Reservate für die Schwarzafrikaner in Südafrika: Anm. der Redaktion) um Ost-Jerusalem ist für den Besucher nicht zu übersehen.

430.000 Siedler sind es schon, 230.000 auf der Westbank und 200.000 in Ost-Jerusalem. In den israelischen Staatsmedien dürfen die 200.000 aber nicht Siedler genannt werden, handelt es sich doch um schleichende Landnahme.

Das Gebiet, das jetzt östlich von Jerusalem und in Ost-Jerusalem eingemauert wird, ist größer als der ganze Gaza Streifen. 18.000 Siedler sollen in den letzten 3 Monaten zu den 430.000 gekommen sein (230.000 auf der Westbank, 200.000 in Ost-Jerusalem). Es wird auf der Westbank gemauert und gemauert, Straßen und Sicherheitstrakte werden fortschreitend ausgebaut.

Insgesamt sind in den letzten Jahren über 489.000 Olivenbäume gefällt worden. Wenn man sich klarmacht, was für ein Symbol und Nahrungswert die Olivenbäume für die Bevölkerung der okkupierten Gebiete darstellt, kann man erahnen, was das für eine zusätzliche Schädigung und Demütigung bedeutet.

Die Kontrolle der Palästinenser, aber auch der Besucher von außen wird immer heftiger und ausgefeilter. Übrigens auch auf dem neuen Ben Gurion Flughafen Tel Aviv. Das erste Mal werden wir ausdrücklich nach den Info-Papieren gefragt, die wir bekommen haben, nach den Büchern, die wir nicht gekauft, sondern geschenkt bekommen haben. Vor der Kontrolle des
Koffers fragt mich die nette Geheimdienstfrau am Sicherheits-Check vor dem Flughafen, wo ich die Papiere von der UNRWA über das Disengagement auf dem Gaza Streifen verpackt habe, im Koffer oder im Handgepäck?

Ob wir alle Papiere in Israel oder in den besetzten Gebieten bekommen haben? "Nein", sage ich, weil ich ja auch einige mitgenommen habe aus Deutschland. Ob ich "Geschenke" mitgenommen habe? Ich sage: "Nein". Dann zieht das blutjunge Mädchen ein Buch heraus. Ob ich das in Israel gekauft habe? "Nein, das hat mir die Ghada Zeidan in Bethlehem gegeben. Es ist ein polittouristisches schönes Buch über "Palestine and the Palestinians". Dann sagt die Dame, als ich ihr erkläre, dass ich das Buch nicht gekauft, sondern bekommen habe: "Dann ist das also doch ein Geschenk!" Als ob es nicht zwischen dem Kauf von Büchern und dem "Geschenk" eine ganze Palette gäbe.

Kurz, man fahndet in Israel jetzt auch nach Papieren und Büchern und schaut sich die genau an, die man mitbekommen hat. Das war auch der einzige Grund, weshalb ich und andere in unserer europäischen Delegation den Koffer öffnen mussten.

Auch schändlich anzusehen, wie ein sein ganzes Leben nur friedfertiger Mensch wie der irische Ex-Kultusminister Michael Higgins hochnotpeinlich nach seiner Reise befragt wird am Flughafen. Wie ein kleiner Junger steht er da vor einem Mädchen, das penibel alles aufschreibt.

Die Siedlungen nehmen täglich zu an Siedlern und die Mauer wird weitergebaut. Das Zerhacken dieses Geländes ist wirklich unerträglich.

Wir sehen Hebron wieder, das furchtbarste Stück an Demütigung für die Palästinenser: 150.000 Menschen werden von knapp 400 Siedlern mitten in der Stadt terrorisiert und schikaniert. Die gesamte Innenstadt und der Bazar sind geschlossen. Auf das Netz über die Hauptstraße ist wieder aller möglicher stinkender Unrat gekippt worden. Während die achtköpfige Delegation durch den Souk geht, wird von oben eine schwere Flasche von einem
Siedler geworfen, die um Haaresbreite ein Kind verfehlt. Große Aufregung, ein holländisches RTL-Team filmt diese Szene.

Die Delegation, ganz privat, ohne jede Regierungsbeteiligung, wird geleitet von dem ehemaligen (1977-1982) holländischen Premierminister Andreas van Agt. Beteiligt sind der Ex-Minister für Kultur in Irland Michael Higgins, der Ex-Botschafter Frankreichs Lucien Champenois, dazu kommt der deutsche Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm.

Die Delegation wird verstärkt mit einem der Herkunft nach deutschen Juden (geboren 1924 in Bielefeld, seit 1938 in den Niederlanden): Hajo Meyer, Auschwitz Überlebender. Auf dessen Arm steht noch die Auschwitz Nummer. Hajo Meyer ist entsetzt über dieses unglaubliche schlimme Feld von täglicher und nächtlicher Demütigung, das er beobachten muss.

Er macht auch bei der Pressekonferenz kein Hehl aus seinem Herzensanliegen. Er betont, er habe nun wirklich persönliche Erfahrung mit Demütigung. Aber was er hier mitangesehen hat, geht weit über das hinaus, was er für möglich gehalten hat.

Wir sitzen zusammen am letzten Abend und fassen unsere Eindrücke zusammen: Nach Besuchen in Jerusalem, Beit Jala, Bethlehem, Gaza Hebron und Ramallah und nach Gesprächen mit aktiven Politikern auf beiden Seiten sind wir zu den folgenden Konklusionen gekommen:

1. Trotz der weltweiten Publizität über die Evakuierung der Siedlungen in Gaza kann die bloße Tatsache der Evakuierung die Okkupation für die 1,4 Millionen Palästinenser auf dem Gaza Streifen nicht beenden. Wenn nicht energische Schritte in Richtung Öffnung (Flughafen, Hafen, Zugang nach Ägypten) unternommen werden, bleibt Gaza ein Open Air Gefängnis für die Menschen ohne wirtschaftliche Lebensfähigkeit.

2. Die 38 Jahre der Okkupation von palästinensischen Territorien mit den permanenten Verletzungen des humanitären Völkerrechts führen zu täglichen Demütigungen ihrer Bürger.

3. Die illegalen Unterdrückungspraktiken, insbesondere der Apartheid Mauer und die sich schnell ausdehnenden Siedlungen überall auf der Westbank ersticken jedes ökonomische Leben und produzieren den Extremismus. Das hält den teuflischen Zirkel von Revanche und Gegenrevanche ständig am Kochen. Dieser Teufelskreis – so meinen wir – kann nur durch Intervention von außen gebrochen werden.

4. In der gegenwärtigen politischen Situation ist nur die Europäische Union fähig, hier eine politische Vermittlerrolle zu spielen. Sie sollte zum frühest-möglichen Zeitpunkt eine internationale Friedenskonferenz einberufen. Wenn Israel nicht einer solchen Einladung Folge leisten würde, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder nur einen permanenten Krieg zwischen den beiden Parteien oder ökonomische Sanktionen gegen Israel von Seiten der EU.

Wir sprachen mit Teilnehmern an dem Konzert des Westöstlichen Diwan Orchesters unter der Leitung von Daniel Barenboim am 21. August 2005 in Ramallah im großen Kulturpalast. Mustafa Barghouti, Generalsekretär der Palestinian National Initiative, hatte Daniel Barenboim bei sich im Haus.

Die beiden Übertragungswagen mussten eigens aus Deutschland auf dem Land, dann (von Griechenland) auf dem Seewege bis nach Haifa und dann mit tatkräftiger Unterstützung der Deutschen Botschaft und des Vertretungsbüros in Palästina nach Ramallah gebracht werden. Israel konnte diese beiden Übertragungswagen nicht stellen, allein schon die Versicherungen sträubten sich, so etwas zu unterstützen.

Die vier israelischen Mitglieder des Orchesters Avi, der Cellist Yossi, die Flötistin, Nurit die Geigerin und Mosche der Trompeter haben in einer Erklärung gesagt. "Welche Freude war es für uns, an einem so schönen Platz zu sein und die begeisterte Menge endlos applaudieren zu hören. Es waren Menschen, die uns hören wollten und uns herzlich begrüßten – trotz all dem, was wir ihnen und ihrem Leben im Laufe von 38 Jahren Besatzung angetan haben".

Der Maestro Barenboim, sagte, er sei keine politisch denkende Person. Aber, so fügen die vier Israelis hinzu, "in diesem gequälten Land kann nichts, was gesagt oder getan wird, unpolitisch sein".

Bei diesem Konzert hätten sie gespürt, dass ihre – die Sicherheit der Israelis von der Freiheit der Palästinenser abhängt. "Sollten wir nicht diejenigen sein, die mit der Kampagne beginnen, die Besatzung zu beenden und die Mauern und Kontrollpunkte abzureißen?"

Die vier schließen mit dem wunderbaren Satz, den sich unsere Delegation sehr gern zu eigen macht: "Wir hoffen sehr, dass wir noch ein Konzert an der Mauer geben können, so dass wir mit Hörern, Trompeten und Cymbeln mithelfen können, dass die Mauer in sich zusammenstürzt."

Nach oben