Nahostfriede vom Mon, 9 May 2005 14:33:59 +0200 (MEST)
RUNDSCHREIBEN NR. 1 der "Jüdischen Stimme
für einen gerechten Frieden in Nahost (Österreich)" und
der "Frauen in Schwarz (Wien)"ZUR GEGENWÄRTIGEN LAGE IN ISRAEL-PALÄSTINA
(APRIL 2005)Gegen Unrecht kann man nicht kämpfen, indem man
darüber schweigtDie von vielen erhoffte israelisch-palästinensische
Annäherung lässt weiter auf sich warten. Zwei Monate nach
dem Treffen zwischen Ariel Sharon und Mahmoud Abbas in Sharm-el Sheikh
hat sich nur wenig bewegt. In den ersten hundert Tagen der Präsidentschaft
Abbas’, haben weder Israel noch die U.S.A. den Palästinensern
nennenswerte konkrete Zugeständnisse gemacht oder in Aussicht gestellt.
Die Palästinenser erwarteten Erleichterungen in ihrem täglichen
Leben, doch der israelische Siedlungs- und Sperrmauerbau geht weiter.
Luftaufnahmen des israelischen Verteidigungsministeriums liefern neue
Beweise, dass die Regierung die Erweiterung von Siedlungen im besetzten
Westjordanland zügig vorantreibt. Die israelische Tageszeitung
"Haaretz" berichtete in ihrer Wochenendausgabe vom 18. März
2005, dass Luftaufnahmen aus dem Sommer 2004 und jetzt erneut umfangreichen
Siedlungsbau bezeugen.Dies bestätigt die Befürchtungen der Palästinenser,
dass Ariel Sharon den Trubel um die Evakuierung von 7-8000 jüdischer
Siedler aus dem Gazastreifen nutzt, um zusätzliches Land in Westjordanien
unter israelische Kontrolle zu bringen. Diese Erweiterung von Siedlungen
ist auch ein Bruch mit der von den U.S.A. 2003 ergriffenen Friedensinitiative,
der sogenannten "road map", gemäss welcher Israel sich
verpflichtete die Siedlungserweiterungen völlig einzustellen (Guardian
Weekly, London, 25.-31. März 2005). Ferner hatte Israel bei dem
Gipfeltreffen in Sharm-el-Sheikh zugesagt, alle Siedlungen aufzulösen,
die seit März 2001 errichtet worden sind.Am 8.März wurde dem israelischen Ministerpräsidenten
ein von seiner Regierung in Auftrag gegebener Bericht über illegale
Siedlungsaktivitäten überreicht, in dem die Verfasserin Talia
Sasson scharfe Kritik an Staatsstellen, die dies unautorisiert gefördert
hatten, übt und damit die Anschuldigungen der israelischen Friedensbewegungen
grösstenteils bestätigt. Sie wirft mehreren Regierungsämtern
flagrante Missachtung des geltenden Rechts vor. Obwohl die sogenannten
"Aussenposten", die im Westjordanland ohne Genehmigungen aus
dem Boden gestampft, von rechtlichen Instanzen als illegal bezeichnet
werden, erhalten viele von ihnen erhebliche Unterstützung aus öffentlichen
Geldern von diversen Ministerien. (Gemeint sind hier "wilde"
Wohnwagensiedlungen, nicht die ebenfalls völkerrechtswidrigen Großsiedlungen
- "Die Presse", Wien, 10.04.2005). Die häufig auf privaten
palästinensischen Grundstücken erstellten Aussenposten dienen
als Vorstufe für Siedlungserweiterungen und für die Gründung
neuer Siedlungen. Die Errichtung von Siedlungen ist ohne Wissen und
Billigung der israelischen Regierung nicht möglich!Den Palästinensern geht es aber nicht nur um die
Enteignung ihres Landes. Die auf strategischen Hügeln erstellten
Niederlassungen verhindern die Kontinuität der palästinensischen
Gebiete und machen daher die Lebensfähigkeit eines künftigen
palästinensischen Staates unmöglich. Laut der israelischen
Friedensgruppe "Peace Now" gibt es etwa über hundert
solcher illegaler Aussenposten. Führer und Sprecher der Siedlerbewegung
versuchen gar nicht erst die Gegebenheiten zu leugnen. Im Gegenteil,
sie
brüsten sich mit der Tatsache, dass sogar im Gazastreifen, wenige
Monate vor der geplanten Räumung, die Bauaktivitäten unvermindert
anhalten (Neue Zürcher Zeitung, 9. März 2005).Inzwischen ging die israelische Regierung einen Schritt
weiter. Wie sogar der, meist den Regierungskurs vertretende, Israel-Korrespondent
des Standard Ben Segenreich, am 22. März 2005 berichtete, treibt
Israel mit dem Segen von Premier Ariel Sharon jetzt alte Pläne
der östlich von Jerusalem gelegenen Siedlung Maale Adumim voran.
Eine neue Zone "E-1" ist in der Absicht geplant, Jerusalem
und die grosse Satellitensiedlung Maale Adumim, die über 30.000
Einwohner zählt, zusammenwachsen zu lassen und so die künftige
Grenzziehung vorwegzunehmen. Zugleich wäre damit aber die territoriale
Kontinuität eines Palästinenserstaates äusserst beeinträchtigt.Bei einem Treffen am 11.April 2005 hat U.S. Präsident
Bush den israelischen Regierungschef Sharon einmal mehr ermahnt, die
Bestimmungen des internationalen Friedensplans, der "road map",
einzuhalten und die Siedlungstätigkeit in den besetzten Palästinensergebieten
zu stoppen. Wie Bush anschliessend vor der Presse erklärte, seien
illegal errichtete
Aussenposten abzubrechen und alles zu unterlassen, was der "road
map" zuwiderlaufe. Sharon gelobte, sich an den Friedensplan zu
halten und namentlich die unbewilligten Aussenposten zu beseitigen (Neue
Zürcher Zeitung, 12. April 2005). Ermahnungen von Präsident
Bush gab es bereits in der Vergangenheit; sie blieben aber reine Lippenbekenntnisse,
denn er hatte ja Sharon die Annexion weiter Teile des Westjordanlandes
zugestanden.Die Europäische Union hat ebenfalls Israel aus
diesen Gründen einen Bruch des Nahost-Friedensplans vorgeworfen.
Das Projekt (E-1) gebe Anlass zu tiefer Sorge, sagte der EU-Chefdiplomat
Javier Solana. Auch US-Aussenministerin Condoleezza Rice kritisierte
Israel. Die Erklärungen Israels hiezu (zur Erweiterung) seien keine
"befriedigende Antwort" ("Der
Standard", Wien, 26.03.2005). Wie aber Sharon in einer Pressekonferenz
erklärte, sei es "der Standpunkt Israels, dass die grossen
Siedlungen (im Westjordanland) bei einem künftigen endgültigen
Abkommen in israelischer Hand bleiben werden" und "mit allen
nachsichziehenden Konsequenzen", fügte er unverblümt
hinzu. An diesem 11. April 2005 gab Sharon dem Sender NBC-TV an, dass
- trotz gegenteiliger US-Erklärungen -, die "road map"
Israel nicht zu einem sofortigen Siedlungsstop verpflichte.Auch die in Genf tagende Menschenrechtskommission der
Vereinten Nationen verabschiedete am 14.04.2005 mit 39 gegen zwei Stimmen
(U.S.A. und Australien) eine Resolution, die von Israel den sofortigen
Siedlungsstop in den besetzten Gebieten verlangte. In einer zweiten
Resolution wurde Israel aufgefordert, Gewaltanwendung gegen palästinensische
Zivilpersonen einzustellen. Unter anderem wurden aussergerichtliche
Tötungen und der Bau
der Sperrmauer verurteilt. Die Resolution wurde mit 229 gegen zehn Stimmen
verabschiedet.Der Abzugsplan Israels aus dem Gazastreifen - der übrigens
aus religiösen Gründen von Juli auf Mitte August 2005 verschoben
wurde - zeigt bereits Auswirkungen auf die Lage der palästinensischen
Bevölkerung im Westjordanland. Der palästinensische Politiker
Saeb Erakat, der für die Verhandlungen mit Israel zuständig
ist, erklärte: "Während die Israelis von der Aufgabe
von 2100 Wohneinheiten im Gazastreifen sprechen, bauen sie dreimal so
viele auf palästinensischem Land in Westjordanien" ("Le
Monde", 20.04.2005). Der oben genannte Erweiterungsplan "E-1",
falls durchgeführt, wird von Jerusalem quer durch das Westjordanland
bis nach Jericho reichen und auf diese Weise einen Keil zwischen dem
Norden und dem Süden treiben, was die bereits sehr begrenzte Bewegungsfreiheit
der Palästinenser in ihrem eigenen Land noch weiter einschränkt
und einen künftigen palästinensische Staat noch mehr in Frage
stellt (Dror Etkes, israelischer Friedensaktivist
in "Le Monde", 12.04.2005). Darauf angesprochen, erwähnte
Sharon die Möglichkeit eines Tunnelbaus, der die beiden Hälften
verbinden sollte....Inzwischen wird der Mauerbau, dessen Verlauf durch palästinensisches
Gebiet vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag als eklatante und
schwerwiegende Verletzung des Völkerrechts verurteilt wurde, fortgesetzt.
Nach Daten der Vereinten Nationen werden 237.000 Palästinenser
zwischen der Mauer und der "grünen Linie" (die Grenze
zwischen dem Westjordanland und Israel bis 1967) gefangen sein. Weitere
160.000 werden auf palästinensischer Seite bleiben, aber von ihren
Feldern abgeschnitten sein. Orte wie Tulkarem, Qalqilia werden zu Geisterstädten.
Viele Stadt- und Landbewohner haben bereits ihre Häuser verlassen
und suchen in der Mitte des Westjordanlandes eine Existenzmöglichkeit
("Jedioth Achronot", Tel Aviv, 13.04.2005). Nach einem Bericht
des Fernsehsenders "Al Jazeera", - der auf einem Artikel der
israelischen Tageszeitung "Haaretz" beruht - plant die israelische
Armee den Bau einer Mauer in Hebron - einer Stadt in der 400 jüdische
Siedler inmitten von 170.000 Palästinensern leben - mit der Absicht
die Stadt zu teilen. Diese Mauer würde die 30.000 in der Altstadt
wohnenden Palästinensern isolieren und gleichzeitig eine der ältesten
Städte der Welt verschandeln.In einem Radiointerview am 21.04.2005 erklärte
Sharon, dass er als Vorbedingung zu einer Verhandlung über die
"road map" von den Palästinensern die Beendigung des
Terrorismus und der Aufrufe zu Gewalttätigkeit fordere. Dies ist
ein immer wiederkehrendes Argument Israels: Sharon gibt sich verhandlungsbereit,
wenn die Palästinenser die Gewalt beenden. Gleichzeitig aber wird
die staatliche Gewaltpolitik Israels durch seine Armee und die
fortwährende Annexion palästinensischen Landes weiter fortgetrieben.
Es wird verschwiegen, dass die Gewalt seitens der Palästinenser
die Folge einer 38-jährigen Besatzungspolitik ist. Obwohl die "road
map" ebenfalls ein Ende des Terrorismus fordert, wird dort gleichzeitig
Israel zu einem Stop des Siedlungsbaus aufgerufen ("Le Monde",
22.04.2005). Darüber setzt sich Sharon aber hinweg. Weiters fordert
er ständig die völlige Entwaffnung aller palästinensischer
Zivilisten, aber nie die der hunderttausenden schwerbewaffneten Siedler.
Wie "Le Monde" vom 06.05.2005 kommentierte, "klänge
Sharon glaubwürdiger, hielte er seinen Teil der Verpflichtungen,
nämlich die Einstellung des Siedlungsbaus, ein. Angesichts ihres
höchst ungleichen Kräfteverhältnisses, scheinen Sharon
nicht willens und Abbas ausserstande, dem auf einem toten Punkt angelangten
Friedensplan einen neuen Impuls zu geben."In einem Interview mit der Zeitung "Haaretz",
ebenfalls am 21.04.2005, sprach Sharon von seinem Plan tausende weitere
Wohneinheiten im Westjordanland entstehen zu lassen. Gleichzeitig erklärte
er am 22.04.2005, dass nach Aufgabe des Gazastreifens keine weiteren
Siedlungsräumungen erfolgen werden. Weiters sehe er sich durchwegs
imstande, keinem
internationalen Druck nachzugeben, - wohl als Zugeständnis an die
250.000 israelischen Siedler im Westjordanland, die nach dem Abzug aus
Gaza um ihre eigene Zukunft besorgt sind. Wie die israelische Historikerin,
Idith Zertal, kürzlich in einem Interview mit "Le Monde"
erwähnte, sind diese Siedlungen und ihr weiteres Überhandnehmen
das eigentliche Problem und das Haupthindernis für die Schaffung
eines palästinensischen Staates. Die Zahl
der Siedler beträgt zwar nur 5% der israelischen Bevölkerung,
doch ist ihr Einfluss ungleich grösser, zumal sie in der Armee,
im Justizapparat und in gewissen Medien unverhältnismässig
präsent sind. Aggressiv, bewaffnet und bestens organisiert, vertreten
viele von ihnen eine messianistische politische Ideologie, die in krassem
Gegensatz zu den demokratischen Prinzipien steht, zu denen sich der
Staat Israel formal bekennt. Doch wenn
die israelische Regierung und ihre Armee gegen die Siedler und ihren
Einfluss vorgehen wollte, würde sie es tun. Sie tut es nicht, sie
verwendet sie für ihre Annexionspolitik.Einer der häufigsten Vorwürfe Israels an die
palästinensischen Medien und politischen Gruppierungen ist, dass
sie Hass und Aufstachelung zu Gewalt predigen. Ein Volk, das tagtäglich
Enteignungen, Misshandlungen, Demütigungen, physischen Verletzungen
und sogar Ermordungen ausgesetzt ist, kann wohl kaum Sympathie für
seine Besatzer aufbringen. Hass gegen die Palästinenser gibt es,
nicht nur aufgrund der Selbstmordattentate, - obwohl nicht ein ganzes
Volk für diese Handlungen verantwortlich gemacht werden kann -
auch seitens vieler Israelis. Der Umstand, dass sich die Palästinenser
überhaupt gegen die Besatzung, oft mit Waffen, wehren, ist für
die meisten Israelis, die die Gründe dafür nicht hinterfragen,
völlig unannehmbar. So bezeichnete Yechiel Hazan, Abgeordneter
der Regierungspartei, des Likud, in einer Rede im Parlament am 13.12.2004
die Araber als "Würmer überall wo sie sich befinden...Solange
wir nicht begriffen haben, dass wir es mit einer Nation von Mördern
und Terroristen zu tun haben, wird es keine Ruhe geben". Hazan
ist im Parlament der Vorsitzende des Siedlerrates von Judäa und
Samarien, d.h. des Westjordanlandes (berichtet in "Le Monde").
Er lehnte es ab der Aufforderung des Sitzungspräsidenten Folge
zu leisten. Graffiti wie "Tod den Arabern" sind auf Häuserwänden,
z.B. in Hebron zu sehen und immer wieder bei israelischen Demonstrationen
zu hören. Die Wut der Siedler richtet sich auch gegen israelische
und internationale Friedensaktivisten, die sich mit den Palästinensern
solidarisieren und ihnen z.B. bei der Olivenernte helfen. Sie werden
von Siedlern bedroht, angegriffen und vertrieben, oft mit Unterstützung
von Soldaten, die doch eigentlich die palästinensischen Bauern
auf ihrem Grund und Boden schützen müsste.Ariel Sharon ergeht sich zwar nicht in Schimpftiraden
wie der Abgeordnete seiner Partei, aber wie "Haaretz" kürzlich
berichtete, erklärte er, "die Araber seien feindselig und
gefährlich. Es wird viele Jahre brauchen, bis der Konflikt gelöst
werden kann. Der Friede mit Ägypten und Jordanien ist ein Friede
zwischen Regierungen. Ihre Völker lehnen uns ab. Das Grundproblem
ist, dass die Araber nicht bereit sind, das Recht des jüdischen
Volkes auf einen unabhängigen Staat anzuerkennen, in einem Land,
das die Wiege des jüdischen Volkes ist..... Meine Eltern brachten
mir bei, dass die Juden alle Rechte auf dieses Land haben und nur sie
haben das Recht, wem auch immer in diesem Land Rechte zu genehmigen....
es muss unterschieden werden zwischen den Rechten "auf dieses Land"
von denen "in diesem Land". ("Courier International",
Paris, 28.04.-3.05.2005). In Anbetracht dieser Einstellung ist es kaum
verwunderlich, wenn die Forderungen der arabischen Bürger Israels
nach Gleichbehandlung auf taube Ohren stossen und die palästinensischen
Verhandlungspartner wohl kaum als gleichwertig angesehen werden.Wie die Zeitung "Haaretz" vom 7.03.2005 schrieb,
ist in den palästinensischen Medien ein auffallender Wandel zu
bemerken: die anti-israelische Hetze gehört der Vergangenheit an.
Andrerseits berichtet die palästinensische Presse - aber auch manche
israelische Zeitungen -
täglich ausführlich von gewalttätigen Vorfällen,
bezeugt von Photos, seitens der israelischen Armee und der Siedler im
Westjordanland und in Gaza.Einige Beispiele : Kinder und Jugendliche, die verletzt
und auch getötet werden, - mit genauen Orts- und Zeitangaben, -
Zerstörung von Olivenhainen durch Bulldozer, Strassenbau von Siedlern
auf palästinensischem Privatbesitz, Vertreibung von Bewohnern aus
ihren Häusern, in denen Militärposten errichtet werden, willkürliche
Ausgehverbote in Dörfern und
Kleinstädten. Weiters: 40 Studenten einer religiösen Schule
(Yeshiwah) überfielen acht palästinensische Arbeiter und fügten
ihnen Verletzungen zu; Arbeiter, die bei Ramallah in einer jüdischen
Siedlung arbeiteten, wurden von solchen Studenten attackiert und nach
Polizeiberichten beinahe gelyncht (berichtet von "Haaretz").
Erst vorletzte Woche attackierten maskierte Siedler in mehreren Orten
Menschen und Wohnhäuser. Am 7. April 2005 erschossen private Sicherheitsleute
der Siedler im Dorf Deir Ballut vier Mitglieder einer palästinensischen
Familie, die auf ihren Feldern arbeiteten.Beim Bau der Sperrmauer kommt es häufig zu dramatischen
Szenen. Bauern, die sich gegen die Enteignung ihres Landes widersetzen,
klammern sich physisch an der Erde fest und müssen mit Gewalt entfernt
werden. Eine friedfertige Protestaktion gegen den Mauerbau am 28.04.2005
in Bil’ in westlich von Ramallah, an der an die 1000 Palästinenser
und 200 israelische Friedensaktivisten teilnahmen, versuchten Sicherheitskräfte
mit Gewalt zu
sprengen. Ausser Tränengas wurde dabei zum ersten Mal ein neuer
Typ von Geschossen verwendet, die - mit Salz, Pfeffer und anderen Substanzen
versehen - besonders schmerzhafte Wunden zufügen. Die israelische
Tageszeitung "Maariv" vom 30.04.2005 bezeichnete es als äusserst
schockierend, dass, wie aus Filmaufnahmen hervorgeht, israelische, als
Araber getarnte Polizeiagenten, sich unter die Demonstranten mischten
und
die Soldaten mit Steinen bewarfen, um diese zu Gewaltanwendung zu provozieren
("Maariv" (hebräisch: "undercover police "demonstrating"
against the fence", http://www.nrg.co.il/on
2Eco%2Eil%2Fonline/1/ART/ 927/ 720. htm1). Bei den häufigen
gewalttätigen Demonstrationen gegen Polizei und Armee seitens der
Siedler hingegen werden solche Mittel nie eingesetzt.Zahlreiche palästinensische Dörfer sind durch
den Bau der Mauer von ihren Wasserresourcen abgeschnitten. Die Bewohner
sind gezwungen Wasser von Zisternenlastwagen zu kaufen, wofür ihnen
meist die Mittel fehlen oder sind von Hilfsorganisationen abhängig,
die sie nur zu einem geringen Maß mit Wasser versorgen können.
Darauf befragt, gibt die israelische Regierung kein Kommentar. (TV-ARTE,
22.03.2005).Die Zeitung "Haaretz" vom 11.04.2005 berichtet
von einer israelischen behördlichen Entscheidung einen Steinbruch
nahe der Stadt Nablus im Westjordanland als Müllhalde zu verwenden,
in der monatlich 10.000 Tonnen Müll aus Israel abgeladen werden
sollen. Wie Yossi Sarid, früherer Minister für Umweltschutz,
dazu sagte, "verbietet Israel den Palästinensern den Steinbruch
und seine Resourcen zu nutzen, andrerseits geben wir ihnen als Gegenleistung
Sharons Müll. Ich sehe dies als einen Bruch internationaler Verträge".Nach einem Bericht von "Amnesty International",
wurden auf Feldern palästinensischer Dörfer südlich von
Hebron giftige chemische Substanzen verstreut. Die dort grasenden Herden
mussten unter Quarantäne gestellt werden, da das Fleisch und die
Milch dieser Tiere als Folge ungeniessbar und daher die Existenzgrundlage
der Bauern gefährdet wurde. Die israelische Naturschutzbehörde
bestätigte, dass es sich um grosse Mengen dieser Giftstoffe handelte,
- und dies in einer Region unter israelischer Kontrolle.Angesichts dieser und anderer täglicher Vorfälle,
bedarf es keiner besonderen Hetze palästinensischer Medien, die
Bevölkerung zu Hass und Feindseligkeit gegenüber Israel aufzuwiegeln.
Die Not und die Drangsal, denen sie täglich ausgesetzt ist, sprechen
für sich. Die in allen Weltmedien von Israel verbreiteten Meldungen
des Abzugs seiner Armee aus den zwei Städten Jericho und Tulkarem
als erster Schritt zum Frieden ist, wie "Le Monde" vom 18.03.2005
berichtete, nichts weiter als eine "Inszenierung" einer scheinbaren
internen Autonomie, insofern als die israelischen Militärkontrollposten,
die "check-points", an den Ausfahrtsstrassen der Städte
um einige Kilometer verschoben wurden, an denen das Militär auch
die Zugänge kontrolliert.Die bereits 38 Jahre andauernde israelische Besatzungspolitik
ist für Israel wirtschaftlich - wie auch moralisch - äusserst
kostspielig. Wie aus einem im März veröffentlichen Oxfam-Bericht
(Oxford Committee for Famine Relief ) hervorgeht, haben die Kosten der
Besiedlung palästinensischen Landes und die damit verbundenen Militärausgaben
Unsummen verschlungen. Ferner haben die zwei Intifadas - die Aufstände
der Palästinenser Ende der 80er Jahre und seit dem Jahr 2000 -,
der Niedergang des Tourismus und das Fehlen ausländischer Investitionen,
die israelische Wirtschaft schwer geschädigt ("Guardian Weekly",
4.-10.04.2005). Nach einem Bericht des Tel Aviver "Adva Centre",
welches wirtschaftliche und soziale Trends verfolgt, hat "die zweite
Intifada das Wirtschaftswachstum stark gehemmt, den Lebensstandard der
Israelis gesenkt, die Sozialleistungen reduziert und dadurch die Armut
ganzer Bevölkerungsschichten vergrössert. Dazu kommen der
Verlust von 4000 Menschenleben auf beiden Seiten (ungefähr 3000
Palästinenser und 1000 Israelis), politische Instabilität,
d.h. fünf Regierungswechsel und der politisch motivierte Mord an
Premierminister Yitzchak Rabin". Der Siedlungsbau und zuletzt der
Bau der Sperrmauer verschlangen - und verschlingen weiter - Milliarden
Dollars, zu denen, wie der Bericht ausführt, hohe Kosten von Subsidien
und von Militärausgaben zugerechnet werden müssen. Seit 1987
haben die diversen Regierungen mit zusätzlichen 6.5 Milliarden
Dollars aufgrund von "Ereignissen in den besetzten Gebieten"
das reguläre Militärbudget erhöht. Um dies zu ermöglichen
werden fortlaufend die Ausgaben für das Gesundheits- und Erziehungswesen
und für die soziale Sicherheit erheblich gekürzt. Die Kosten
der Besatzung werden mit den
Kompensationen, die den aus Gaza evakuierten Siedlern versprochen wurden,
weiter ansteigen.Die Besatzungspolitik bleibt nicht ohne Folgen moralischer
Natur für die israelische Gesellschaft. Die palästinensische
Psychologin, Nabila Espanioly, erklärte in einem Interview: "Die
israelische Gesellschaft zerstört sich selber durch die andauernde
Gewalt, die Israel gegen die Palästinenser ausübt... Die jungen
18-jährigen Israelis werden in den besetzten Gebieten eingesetzt
und lernen dort Probleme mit Brutalität und Gewalteinsatz zu lösen.
Diese antrainierten und dauernd vertieften menschenfeindlichen Handlungsweisen
nehmen Israels Soldaten und Soldatinnen natürlich in ihr ziviles
Leben mit. Die Folge ist Gewalt zwischen den Geschlechtern, den Familien,
in der Nachbarschaft, in der Gesellschaft."Diese Aussage wurde letzthin in einer Vortragsreihe
eines israelischen Wissenschaftlers in Wien, Dr. Gad Arnsberg, bestätigt.
Er sagte u.a. "Wir bedürfen dringend des Friedens, da im Zuge
langjähriger Besatzung in den Gebieten ein Habitus in die israelische
Gesellschaft eingeschlichen ist, der sich durch Ruppigkeit, Gewalttätigkeit,
Intoleranz, Gesetzesverletzung
u.s.w. auszeichnet. Das ist es, was ich in einem meiner Vorträge
als "schleichenden Verrohungsprozess" bezeichnet habe. Ich
hoffe, dass ein baldiger Friede diese negativen Einflüsse wettmachen
könnte und dass wir den Zug nicht versäumt haben.” (Interview
mit Gad Arnsberg in "Der Bund", Wien, Monatsorgan der sozialdemokratischen
Juden Österreichs, März 2005).
Die "Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost
(Österreich)" ist ein Teil der westeuropaweiten Bewegung "European
Jews for a Just Peace" (EJJP), einer Föderation von 18 Gruppierungen
in 11 Ländern (e-mail: nahostfriede@gmx.at),
(homepage: www.nahostfriede.at
"Frauen in Schwarz (Wien)" ist Teil einer
weltweiten Frauenfriedensbewegung
(e-mail: fraueninschwarz@gmx.at),
(homepage: www.fraueninschwarz.at
