Süchtig nach der Droge der Besatzung

Akiva Eldar, Haaretz, 12.9.05

Die Qualen der Trennung vom Gazastreifen erinnern an die Inserate für Programme, die einem helfen „rauchend vom Rauchen loszukommen“. Seit 38 Jahren ist Israel so sehr von der Besatzung abhängig gewesen, dass - auch wenn ihm klar ist, dass der Schaden größer ist als der Nutzen - es schwierig ist, sich diese Droge abzugewöhnen. Selbst nachdem Israel den Rückzug seiner Bürger und seines Militärs vollendet hat, hat es die Besatzung nicht aufgegeben. Vielleicht werden Palästinenser so freundlich sein und eine Synagoge in dem Gebiet stehen lassen – als Erinnerung an die Besatzung, wie eine Zigarette für Notfälle. Und warum sollten sie nicht damit einverstanden sein, dass Israelis sie bei der Rückkehr aus dem Ausland weiterhin begrüßen?

Wenn die Situation anders herum wäre, würden wir sicher eine auffällige Moschee, die mitten in israelischem Gebiet errichtet wurde, als Erinnerung an die Besatzung, die unser Leben sehr schwierig machte, stehen lassen. Und wir würden sicher auch glücklich darüber sein, wenn palästinensische Soldaten uns in unserm Heimatland begrüßen, uns bei einer Leibesvisitation abtasten und uns mit Fragen belästigen.

Nur die Qualität der Irrationalität kann mit dem Grad von Israels Unverschämtheit konkurrieren, wenn es um Israels Haltung gegenüber den Palästinensern geht. Der Ministerpräsident errichtet einen Trennungszaun im Garten der Nachbarn, ohne um Erlaubnis zu bitten und ohne ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen. Eine neue Landkarte vom UN-Büro für die Koordinierung menschlicher Angelegenheiten (OCHA) zeigt nicht weniger als 376 Checkpoints, Straßensperren, Kontrollpunkte und andere Arten von Hindernissen, die das Gebiet zum größten Gefängnis der Welt gemacht hat. Israel entscheidet, ob, wann und wem es erlaubt ist, an den dem Islam oder den Christen heiligen Stätten in Jerusalem zu beten. Und all dies, nachdem Ministerpräsident Sharon gegenüber dem Präsidenten der USA versprochen hat, die Bewegungsfreiheit in den ( besetzten) Gebieten zu erleichtern.

Israel erwartet nun, dass die ganze Welt applaudiert, weil es so freundlich war, praktisch und wirtschaftlich sich selbst von der Verantwortung für das Schicksal von 1,3 Millionen Einwohnern des Gazastreifen los zu sagen und bedenkenlos, die Kontrolle über den größten und besten Teil der palästinensischen Gebiete in der Westbank weiter aufrecht zu halten. Aber selbst dies genügt noch nicht: die israelische Regierung hat verlangt, dass die internationale Gemeinschaft sie aus der rechtlichen und diplomatischen Verantwortung für Gaza entlässt und das Ende der Besetzung anerkennt, während Israel weiterhin das Gebiet von außen kontrolliert – zu Lande, zu Wasser und aus der Luft.

Dies erinnert an den weisen Mann von Chelm, der, als am Vorabend des Shavuot (Wochenfest) die Milch ausgegangen war, das Wasser Milch nannte. Am nächsten Tag gab es einen Aufschrei, dass es kein Wasser in der Stadt gäbe.

Keiner wäre glücklicher als Sharon, wenn der Vorsitzende der palästinensischen Behörde Mahmoud Abbas ( Abu Mazen) versucht wäre, jetzt die Errichtung eines palästinensischen Staates in Gaza ausrufen würde und sich mittlerweile mit einer Autonomie im Gebiet A (unter voller palästinensischer Kontrolle) zufrieden gäbe. Ob der Ministerpräsident dann vielleicht den Himmel über einem palästinensischen Staat in Gaza versiegeln wird und entscheiden, ob und wann er geöffnet werde?
Nun, da besteht zweifellos die Gefahr, dass der Flughafen in Gaza als Tor für Waffeneinfuhr in den Gazastreifen dienen könnte. Der Damaskus-Flughafen dient der Hisbollah als Haupt-„pipeline“ für Waffen aus dem Iran. Terrorführer und –Aktivisten gehen dort ungehindert ein und aus. Kann sich jemand vorstellen, dass Israel entscheiden wird, wann er ihn öffnet und schließt?

Die Palästinenser haben tatsächlich Verständnis für Israels Furcht gezeigt, dass der Rafah-Übergang ein Transitpunkt für Terroristen werden könne. Die PA hat sich damit einverstanden erklärt, dass dieser Übergang mit europäischen Inspektoren besetzt und mit Kameras ausgestattet wird, die die Details der ankommenden Leute zeitgleich weitermelden. Dass Israel darauf besteht, der Übergang nach Israel solle bei Kerem Shalom sein, ist die Erfindung von Politikern und Militärs, die mit der Vorstellung einer Art von Sicherheit erzogen wurden, die sich auf volle Handlungsfreiheit in den besetzten Gebieten gründet. Der Kommandeur will es – also wird der Zugang zum Dorf geöffnet. Der Kommandeur will es – und das Tor wird geschlossen. Die palästinensischen Bewohner werden als Plage betrachtet oder bestenfalls als billige Arbeitskräfte.
Israel hat sich so an die absolute Herrschaft gewöhnt, dass es Millionen Schekel in den Bau einer neuen Transitstation am Erez-Grenzübergang investiert, obwohl die Regierung entschieden hat, dass in weniger als fünf Jahren die Grenze für palästinensische Arbeiter ganz geschlossen werden soll.

Der Rückzug aus dem Gazastreifen ist das erste Stadium, der eine wichtige Maßnahme bei einem Plan des Rückzugs von einer bösartigen Besatzung werden könnte. Wie die qualvolle Entwöhnung von einer giftigen Droge, bedeutet ein teilweiser Rückzug von der Besetzung große Frustration. Beharrlichkeit ist das Geheimnis des Erfolges.

(dt. Ellen Rohlfs)

Nach oben