Beit Hanoun, nördlicher Gaza-Streifen, am Montag, dem 17. Juli 2006.

Ich bin Kanadierin aus Calgary (Alberta) und habe mehr als 15 Jahre in Ramallah, Jerusalem und in Gaza gelebt. Meinen Mann, Qassem Ali, habe ich 1999 geheiratet.

Qassem ist Geschäftsführer der Nachrichtenagentur Ramattan, der palästinensischen  Medienstelle, die die internationalen westlichen und arabischen Medien (einschließlich CNN, BBC, NBC und CBC) mit Eilmeldungen, Bildmaterial und Liveübertragungen via Satellit bis in die Wohnzimmer in aller Welt versorgt.


Viele Jahre war ich bei den Vereinten Nationen in Israel und in den [besetzten] palästinensischen Gebieten angestellt. Vor kurzem haben mir die israelischen Behörden und mit mir Tausenden, die - wie ich - anderer Nationalität sind und die, entweder mit PalästinenserInnen verheiratet sind oder mit ihnen in der West Bank oder in Gaza zusammenarbeiten, verboten bei ihren Familien und in ihrem Heim zu bleiben. Seitdem lebe ich mit meinem kleinen Sohn in Kairo, während mein Mann zwischen Gaza und Kairo hin- und herpendelt, um seiner Arbeit nachzugehen. Bis heute wird nur einer handvoll sorgfältig ausgewählter Diplomaten, Journalisten und Angestellten internationaler Organisationen der Zugang zu Gaza gestattet, während die belagerte Bevölkerung effektiv isoliert ist.

Was ich jetzt schildern werde, ist ein Bericht darüber, was meiner Familie in Beit Hanoun, einem Ort im Norden des Gaza-Streifens, am Montag, dem 17. Juli 2006 angetan wurde.

Als das Telefon um 7 Uhr 30 läutete, wußte ich schon während ich den Hörer abhob, dass es keine guten Nachrichten sein konnten. Die Stimme meiner Schwägerin Azza, normalerweise der Inbegriff an Ruhe und Gelassenheit, klang vollkommen erschreckt. "Sie reissen die Mauern über uns mit Bulldozern nieder!" schrie sie, "Mach etwas, irgendetwas!" Von Kairo aus konnten wir nichts anderes tun, als sie damit zu beruhigen, dass die israelische Armee wissen müsse, dass sich Menschen im Haus aufhalten. Minuten später, parkte ein Panzer mitten in unserem Wohnzimmer und durch ein klaffendes Loch in der Mauer konnten wir sehen, dass im Garten alles entwurzelt war und auf dem Friedhof daneben die Panzer und Bulldozer die Körper an die Oberfläche gebaggert hatten.

Die Soldaten liefen schnell vom ersten Stock unseres Hauses über die Stiegen hinauf, dort wo sich Qassems Büro und ein Empfangsraum befindet, bis zum dritten Stock, zur Wohnung von Azza und ihren vier Kindern: May (18), Qosai (15), Hazem (14) und Reem (12).

Sie nahmen die Jungen als Geiseln, Qosai und Hazem mussten in einem kleinen Raum in Handschellen und verbundenen Augen ihre Köpfe auf den Boden legen. Danach setzten die Soldaten damit fort, dass sie die Bodenfliesen herausrissen und jeden Teller, jedes Glas und jedes einzelne Möbelstück, das ihnen unter die Augen kam, zu zerstören. Hazem und Qosai erzählten uns [nach ihrer Freilassung], dass sie unter ihren Augenbinden sehen konnten, dass die Soldaten Säcke mit Sand füllten, den sie unter den Fliesen hervorholten und die Säcke dann in die Fenster stellten.

Dann schlugen sie Löcher in die Wände, durch die sie ihre Maschinengewehre auf jeden zufälligen Passanten auf der Strasse abfeuerten. In der Zwischenzeit feuerten die israelischen Panzer von der aufgerissenen Strasse aus und schlugen Löcher in das Haus von Qassems älterer Schwester Fairuz und andere danebenliegende Häuser.


Andere Soldaten gingen hinauf in unser eigenes Apartment im 4. Stock und verbunkerten sich dort in unserem Schlafzimmer, wo sie alles, was sie konnten, zerstörten: die Fenster herausrissen, die Wände zerschlugen und wahllos nach draußen schossen. Bilder gelangten via Satellit durch die Ramattan-Crew zu uns. Sie hatten die Folgen dieses düsteren Tages gefilmt und zeigten auch die zertrümmerten Spielsachen meines 2 Jahre alten Sohnes, die verstreut im Raum lagen, vermischt mit zerbrochenen Fensterrahmen, Blut und hunderten von gebrauchten Patronen.


Azza und ihr am Boden zerstörtes Gefolge von fünf Frauen und elf kleinen Kindern fand  Zuflucht in der Hütte eines Nachbarn, nachdem sie mitten ins Kreuzfeuer hinausgeworfen worden waren. Unter den ohrenbetäubenden Explosionen der israelischen Artillerie und palästinensischem Gegenfeuer, bemühte sich Azza, die Leiterin einer Nicht-Regierungsorganisation für Frauenrechte ist, die mit USAID [Anm.dÜ: US-Agentur für Internationale Entwicklung] zusammenarbeitet, die Frauen und Kinder unserer Familie zu beruhigen. Heldenhaft tat sie das, während ihre eigenen zwei Söhne, Hazem und Qosai, von den israelischen Soldaten als menschliche Schutzschilder gegen das Feuer des Widerstands in unserer Nachbarschaft benutzt wurden.


Ein Mitglied des Nachrichtenteams meines Mannes, der in unserem Haus in Beit Hanoun war, wurde auch von den Soldaten gefangengenommen, ebenso wie drei Cousins von Qassem, aus  dem Nachbarhaus und seine ältere Tante. Die Soldaten schrien ihre Geiseln an, sie seien Mitglieder der Hamas, deshalb zeigte ihnen Qassems Tante Aicha den Getränkeschrank im Haus ihres Sohnes, um den Soldaten zu beweisen, dass ihre Anschuldigungen unsinnig seien. Kein Hamas-Mitglied hätte alkoholische Getränke auch nur in der Nähe seines Hauses.

Obwohl die Soldaten aufhörten über die Hamas zu toben, nahmen sie die Buben und die Männer trotzdem mit.

Eines der ersten Dinge, die die Soldaten taten, als sie das Haus meines Mannes betreten hatten, war, der belagerten Familie und der Crew alle Handys wegzunehmen. Einem Journalisten aus dem Ramattan-Hauptquartier, der später versuchte Azza über ihr Handy zu erreichen, antwortete ein israelischer Soldat. Der Journalist fragte ihn nach dem Verbleib der Männer und Kinder, die mitgenommen worden waren und der Soldat sagte ihm, dass sie nicht verletzt werden würden. Obwohl das tatsächlich eine schwache Zusicherung war, gab sie uns Hoffnung, dass sie wenigstens noch am Leben waren.


Und tatsächlich, schließlich kamen die Kinder körperlich unverletzt zurück, allerdings bevor die israelischen Soldaten die meisten von ihnen wieder freiliessen, schlugen sie die älteren Geiseln brutal. Qassems ältester Cousin Emad, ein Geschäftsmann, der für seinen unerschrockene Courage bekannt ist, wurde bei ihrem Rückzug vom israelischen Militär mitgenommen. Wir haben noch immer keine Information über seinen Aufenthaltsort oder darüber, ob er in Sicherheit ist.


Als es aus Panzern und Maschinengewehren unbarmherzig Tod und Zerstörung auf unsere Nachbarschaft herunterregnete, befand sich der palästinensische Widerstand in einem schwierigem Dilemma: wie konnte die Nachbarschaft gegen die israelische Militärmaschinerie verteidigt werden, die sich im Haus eines der führenden Persönlichkeiten des Ortes niedergelassen hatte? Zu schiessen bedeutete sein Haus zu beschädigen und, möglicherweise, unabsichtlich die Jungen zu verletzen. Aber nicht zu schiessen, hieß, mitten im Ort die Anwesenheit eines Nestes von gemeinen Heckenschützen zu akzeptieren, die die BewohnerInnen von Beit Hanoun anschiessen und ermorden.


Der Widerstand erwiderte also das Feuer und die Familien kauerten schutzsuchend in den benachbarten Häusern und mussten das Trauma eines ganzen Tages voll von Raketen, Granaten und schwerem Maschinengewehrfeuer ertragen. An einem Punkt dieses Tages setzten meine 73 Jahre alte Schwiegermutter und meine schwangere Schwägerin Heba eine Unterbrechung, um einen verletzten Mann von der Strasse in eine Klinik in der Nähe zu bringen. Er starb noch bevor er in der Ambulanz erreichte, einer von über 100 PalästinenserInnen, die in dieser mörderischen Operation getötet wurden, die von den Israelis "Sommerregen" genannt wird. Die meisten der Getöteten sind Zivilpersonen, 18 davon sind Kinder. Laut Berichten der Vereinten Nationen wurden mehr als 400 PalästinenserInnen verwundet, darunter 108 Kinder.

An diesem Tag zog sich die israelische Armee um etwa 20 Uhr unter dem Druck des verbissenen Widerstands zurück, vielleicht auch mit Unterstützung durch die wie wilden Telefonate mit den zahlreichen Kontaktpersonen meines Mannes und seines Cousins Ayman. Ayman, war nach einer Geschäftsreise nach Paris - durch die Schliessung der Grenzen - in Kairo hängen geblieben und an der Grenze eines Nervenzusammenbruchs, weil seine Frau  Faten und sechs Kinder mit Azza mitten in der ärgsten Invasion steckten.

Wir machen uns keine Illusionen. Sie werden wiederkommen, um zu töten und zu zerstören und ihre Kriegsverbrechen gegen eine gefangengenommene Bevölkerung zu begehen. Sie können das, weil niemand dazu fähig oder willens ist, sie zu stoppen.

ANMERKUNGEN ZUM HINTERGRUND:

Im Gegensatz zu den Behauptungen, dass die israelische Besatzung des Gaza-Streifens mit der Räumung der Siedlungen beendet worden sei, ist es ersichtlich, dass die SiedlerInnen zu ihrer eigenen Sicherheit umgesiedelt wurden, damit der Weg für die israelischen Behörden frei war, um gegen die Bevölkerung des Gaza-Streifens - ohne jeden Unterschied - einen massiven Angriff in die Wege zu leiten.

Folgendes gilt es zu bedenken:

1. Die israelischen Behörden [und das Militär] kontrollieren weiterhin alle Grenzen des Gaza-Streifens zu Luft, Meer und Land, was bedeutet, dass nichts und niemand ohne eine israelische Genehmigung herein- oder herauskommen kann. Das heißt auch, dass es den  israelischen Behörden [und dem Militär] freisteht, die notwendige zivile Infrastruktur für die Aufrechterhaltung des menschlichen Lebens zu bombardieren, und zu jeder Zeit aus der Luft, vom Meer aus oder vom Land her einzudringen und Terror auszuüben.


2. Die israelischen Behörden [und das Militär] kontrollieren den einzigen Durchgang für die PalästinenserInnen, um aus dem Gaza-Streifen heraus- oder in ihn hineinzukommen: Rafah, den Übergang zu Ägypten. Den europäischen Beobachtern, die momentan an dieser Grenze sind, wird gesagt, sie sollen die Grenze für unbestimmte Zeit schliessen und sie gehorchen den Anweisungen der israelischen Behörden. Obwohl es in den vergangenen Wochen der Gewalttätigkeiten im Nahen Osten in den Medien nicht berichtet worden ist, starben neun Menschen, die über drei Wochen an dieser Grenze warteten, weil sie der Sonne ausgesetzt waren, Mangel an Wasser, an grundlegender Versorgung und dem Fehlen der medizinischen  Behandlung, der sie sich in Ägypten hätten unterziehen müssen.


3. Die israelischen Behörden [und das Militär] kontrollieren jeden Gegenstand, der in den Gaza-Streifen hereinkommt oder ihn verlässt über die Kreuzung Karni, die auch durch ein blosses Wort der israelischen Behörden geschlossen werden kann. Mit keinerlei anderen Importwegen als den über israelische Terminals, existiert ein akuter Mangel an Lebensmitteln, medizinischen Gütern sowie anderen lebensnotwendigen Gegenständen.

 

Übers. Tina Salhi 

[Aus der Präambel zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ... da es wesentlich ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechts zu schützen, damit der Mensch nicht zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung als letztem Mittel gezwungen wird ...]

                             

 

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