Demonstrationen vom 3. Juni in Tel Aviv und Ramallah, Newprofile message 343, Sonntag, 4. Juni 2006

Gestern Abend gab es 2 Demonstrationen - eine in Tel Aviv, die andere in Ramallah. Beide  protestierten gleichermaßen gegen die israelische Besatzung der PalästinenserInnen und ihres Landes, gegen die, den PalästinenserInnen aufgebürdeten Wirtschaftssanktionen und gegen Israels Weigerung mit der, von den PalästinenserInnen demokratisch gewählten Regierung zu verhandeln. Sol hat die Pein der englischen Übersetzung der nachfolgenden Reden, die auf der Protestveranstaltung in Tel Aviv gehalten wurden, auf sich genommen und in den Chorgesang eingestimmt - einen hübsch kleinen Chor von wenigstens 1.500 Menschen  (unter ihnen meine Wenigkeit nebst Ehemann). Ich ersuche Euch dringend den Inhalt dieser Reden so weit als möglich einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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Mit Dank, Dorothy Naor

[Samstag Nacht fanden zwei Kundgebungen statt, um den 39. Jahrestag der Besatzung zu markieren und gegen den Boykott der PalästinenserInnen zu protestieren. Eine fand in Ramallah in der Westbank und die andere in Tel Aviv statt. Wir hoffen, in der Folge noch ausführlicher über die Kundgebung in Ramallah informieren zu können, zum jetzigen Zeitpunkt sieht es so aus, als wäre es das erste Mal gewesen, dass palästinensische und israelische StudentInnen in ihren eigenen Städten für eine gemeinsame Sache auf die Strasse gegangen sind.

Der nachfolgende Bericht ist meine [englische] Übersetzung der hebräischen Presseaussendung von Gush Shalom. Niemand von Gush Shalom hatte die Gelegenheit, die Genauigkeit der Übersetzung zu verifizieren und ich habe auch ein etwas längeres Zitat von Shulamit Aloni eingebaut, das Beate Zilversmidt von Gush Shalom für authentisch erklärt hat. Mein Dank geht an SB für das Überfliegen der hastigen Übersetzung und der Verbesserung der Grammatik usw. und an MM für die Unterstützung bei der englischen Wiedergabe einiger Namen. Nichtsdestotrotz liegt alle Verantwortung und die volle Last für die Übersetzung bei mir und bei mir allein. Sol Salbe]

Gush Shalom Presseaussendung vom 3. Juni 2006
Shulamit Aloni wendete sich an Tausende beim Tel Aviv Museum:
"Wir müssen mit der Hamas Regierung sprechen. Sie wurden demokratisch gewählt und sind unsere Partner für Frieden(sgespräche). Amir Peretz ist dabei, seinen  Amtsvorgängern auf dem Weg des Tötens, der Zerstörung, Unterdrückung und der Kriegsverbrechen nachzufolgen."
 
Shulamit Aloni, die ehemalige israelische Unterrichtsministerin und israelische Preisträgerin für ihren Einsatz für die Menschenrechte, rief in der vergangenen Nacht zur unverzüglichen Aufnahme von Verhandlungen mit der gewählten palästinensischen Regierung, unter der Führung der Hamas, auf. Aloni äußerte sich vor einer Menschenmenge von Tausenden bei der Kundgebung am Museum Square in Tel Aviv.
Zu dieser Demonstration war von einer breiten Plattform israelischer Friedensgruppen und -organisationen aufgerufen worden.

Sie sagte: "Wie sehr kann der israelische Besatzungsstaat noch verkommen? Wieviel tiefer kann eine Armee, genannt israelische Verteidigungskräfte (Israeli Defence Forces - IDF), noch sinken? Sie vollstreckt Bombardements, Tötungen und Morde. Wir haben verabscheuungswürdige Gesetze verabschiedet, die es der Armee erlauben, in den besetzten Gebieten zu tun, was immer ihr beliebt, ohne dass es für sie erforderlich ist, Schadensersatz zu leisten. Es ist zulässig zu zerstören, zu töten, zu foltern und zu verletzen. Es gibt keine Gerechtigkeit und es gibt keinen Richter. Der neue [Verteidigungs-] Minister Amir Peretz folgt damit dem kriegsverbrecherischen Pfad seiner Vorgänger. Vor drei Tagen - während der Shavuot**)-Feiern - sprach er von jüdischer Gerechtigkeit und dem Konzept von Liebe und Sorge für den Nächsten. Aber in Wirklichkeit werden wir ein verachtenswerter Apartheidstaat und alles das, was über die jüdische Gerechtigkeit gesagt worden ist, wurde in Staub und Asche verwandelt.

Und jetzt haben wir ein Gesetz, dass die Familienzusammenführung verbietet. Ein Freund von mir, der Jurist ist, erzählt mir, dass diese Leute aus einem Feindesland sind. Einem Feindesland? Wer hat diese Gebiete fast 40 Jahre lang regiert? Wer hat Land und Wasser gestohlen und Städte und Dörfer in Internierungslager verwandelt? Alles ist zulässig, weil 'da gibt es ja keinen Partner'. Aber da gab es nie einen Partner. Arafat war kein Partner, Abu Mazen war kein Partner, und natürlich ist auch die Hamas kein Partner. Aber lasst mich Euch sagen: da gibt es jemanden, mit dem wir sprechen können und wir sollen mit ihnen sprechen. Dort drüben existiert ein Gremium, weil dort eine demokratisch gewählte Regierung ist. Ich weihe euch in ein Geheimnis ein: Wir haben viele demokratisch gewählte Regierungen in Israel gehabt, über die ich nicht sehr erfreut war und die ich nicht wollte. Aber trotzdem waren sie demokratisch gewählte Regierungen. Wenn der Staat Israel Frieden will, und ich habe meine Zweifel, ob er das tatsächlich tut, dann sollte er wissen, dass es da jemanden gibt, mit dem er reden kann und dass es die Notwendigkeit gibt, mit ihnen zu reden."
 
Der palästinensiche Erzieher Terri Boullata, Direktor einer Schule in Abu Dis, überbrachte die Grüsse von der gleichzeitig stattfindenden Kundgebung auf dem Manara Square, im Herzen von Ramallah, wo vor etwa einer Woche 4 palästinensische Demonstranten von der IDF getötet worden waren. Boullata, dessen eigener Hinterhof durch die 'Trennungsmauer' geteilt wird, sagte bei der Kundgebung:

"Am meiner Schule haben wir für die Kinder, die ihr ganzes Leben im Schatten der Mauer und des Zauns gelebt haben, eine Feier zum Ende des Schuljahres organisiert. Ich hoffe, dass wir alle eines Tages, Israelis und PalästinenserInnen, die Freude haben werden, diesen Zaun gemeinsam niederzureissen. Ich bin hierher gekommen, um zu einem Ende der Belagerung und des Boykotts meines Volkes aufzurufen.

1977, als der Likud in Israel an die Macht gewählt wurde, war die Welt empört. Aber hat irgendjemand entschieden, das israelische Volk für seine demokratische Wahl zu bestrafen? Sicher nicht. Unser Präsident Abu Mazen hat ein Referendum initiiert, damit eine konsensuelle palästinensische Position für den Frieden formuliert werden kann. Aber das ist nicht das, was die Regierung Olmert möchte.

Die israelische Regierung will einseitig handeln, um etwas zu erreichen, was Hitkansut [Wiedereinordnung oder Konvergenz] genannt wird, damit zusätzliche Gebiete annektiert werden können. Sie möchte sich die Zonen aneignen, auf denen Siedler illegal auf dem Land meines Volkes leben. Ihr Israelis wollt Sicherheit. Ich möchte auch Sicherheit für meine Kinder. Laßt mich euch sagen, durch einseitige Handlungen wird niemand Sicherheit bekommen. Wenn ihr die Zwei-Staaten-Lösung nicht jetzt umsetzt, wenn ihr die PalästinenserInnen in 20 Ghettos einkerkert, werdet ihr weder Frieden noch Sicherheit bekommen. Das einzige wodurch ihr Sicherheit bekommen könnt, sind Verhandlungen und die Gründung von zwei Staaten, basierend auf den Grenzen von 1967."
 
Es gab bei der Demonstration Unterstützungsaufrufe für 3 Refuseniks (Kriegs-/Wehrdienstverweigerer), die momentan zwangsverpflichtet ihren Dienst in einer Besatzungsarmee ableisten müssen. Der bekannte Protestsänger/Liederschreiber Zeev Tene spielte sein Lied "You’ll never know another IDF" ("Du wirst nie eine andere IDF/Armee/ kennenlernen"). Von den DorfbewohnerInnen Bil'ins, die gegen den Mauerbau auf ihrem Land kämpfen und von gleichzeitig stattfindenden Kundgebungen und Demonstrationen in den USA, Kanada, England, Frankreich, Deutschland und Japan wurden Grüsse verlesen. Alle riefen die Regierungen der Welt auf, sowohl den Boykott als auch das finanzielle Embargo des palästinensischen Volkes zu beseitigen.

Der Autor Salman Natour aus den Dorf Daliat el Karmel sagte: "Wir haben gedacht, dass wir zum ersten Mal einen zivilen Verteidigungsminister haben. Wir dachten, wir haben jemanden, der anstatt gerade eben von einem Panzer herunterzuklettern, von den [ärmlichen] zu entwickelten Strassen der Stadt, von einer Demonstration oder einer Streikversammlung kommt. Aber wir haben einen Verteidigungsminister bekommen, der hinter Generälen und Admiralen nachgeschliffen wird, einer der ihren Fährten folgt, um Mord um Mord zu autorisieren. Für Amir Peretz ist es lediglich eine technische Frage, wohin genau eine Bombe in Gaza abgeworfen werden soll. Genauso wie es lediglich technisch ist, dass eine Kassam-Rakete sein Nachbarhaus getroffen hat und nicht jenes von Amir Peretz. Der Punkt ist aber doch, dass wir mit unseren Nachbarn sprechen und diesen blutigen Konflikt lösen müssen."

"Sagt nicht, dass ihr es nicht gewußt habt," sagte Professor Yehuda Shenhav von der Tel-Aviv Universität, "Sagt nicht, dass ihr nicht gewußt habt, dass Kriegsverbrechen in eurem eigenen Hinterhof durchgeführt werden. Exekutionen ohne Gerichtsverhandlung finden statt; die Älteren und die Kranken werden auf ihrem Weg zu den Krankenhäusern an den Checkpoints (Kontrollpunkten) angehalten und unsere Steuern erhalten die Besatzung aufrecht, anstatt das, was die Gesellschaft braucht. Unsere Männer und Frauen des Wortes, Richter des Obersten Gerichtshofes, AkademikerInnen, PoetInnen und SchriftstellerInnen, sind moralisch und ideologisch bankrott. Es ist Zeit, den heuchlerischen Vorhang herunterzureissen. Ein palästinensischer Staat muss innerhalb der Grenzen von 1967 gebildet werden - ein wirklicher Staat und kein israelisches Protektorat. Ein Schweizerkäse-Staat voll mit Löchern und Klüften wird nicht genügen. Das wird keinen Frieden bringen." Shenhav beendete seine Rede mit dem Aufruf: "Sprecht jetzt mit der Hamas! Sprecht jetzt mit der Hamas!" Tausende Stimmen der Menge wiederholten seinen Aufruf.

Die DemonstrantInnen erreichten den Museum Square, sie waren vom Rabin Square entlang der Ibn Gvirol-Strasse marschiert. Immer wieder riefen sie "Frieden ja - Besatzung nein", "Die Besatzung ist Terror - der Refusenik ist ein Held" und "Peretz, Peretz, Verteidigungsminister - wieviele Kinder hast du heute ermordet?" "Amir Peretz hat fair und gerecht die Ehre geerntet, mit der er heute ausgezeichnet wurde," sagte einer der Organisatoren der Kundgebung. "Genau jene Person, die solche Hoffnungen unter der israelischen Linken geweckt hat, wurde in einen Verteidigungsminister transformiert - den  Minister für die Besatzung und Unterdrückung, der die üblen Taten seiner Vorgänger weiter fortsetzt."
 
Die Demonstration wurde von der Women's Coalition for Peace, Gush Shalom, Ta'ayush, Hadash [Demokratische Front für Frieden und Gleichberechtigung basierend auf der Kommunistischen Partei], Balad [Nationale Demokratische Versammlung], Banki [Israelisches Kommunistisches Jugendbündnis] organisiert. Das Alternative Informationszentrum, Student Coalition - Tel Aviv University; The Israeli Committee Against House Demolitions [Isr. Komitee gegen Häuserzerstörungen], The Campus is not Silent [Der Campus schweigt nicht]; Artists without Walls [KünstlerInnen ohne Mauern]; Our Colours [Proud Youth in the Meretz Party] and MachsomWatch*
 
* Anmerkung des Übersetzers Sol Salbe: andere Berichte behaupten Bat Shalom, New Profile und Yesh Gvul haben die Demonstration ebenfalls unterstützt.

**) Anmerkung TS: Shavuot ist eines der großen Feste im Judentum. Zu Shavuot wird die Übergabe der Thora an Moses und damit an das jüdische Volk in Erinnerung gerufen.

Übersetzung: Tina Salhi

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