Das große Experiment. Der Gazastreifen als Laboratorium: Wie bringt man ein Volk dazu, sich einer Besatzungsmacht zu unterwerfen? Von Uri Avnery*) Die Tageszeitung Die junge Welt vom Mittwoch, 18. Oktober 2006 / Schwerpunkt / Seite 3

Ist es möglich, ein ganzes Volk dahin zu bringen, sich einer fremden Besatzung zu unterwerfen, indem man es aushungert? Das ist sicherlich eine interessante Frage. So interessant, daß die Regierungen Israels und der Vereinigten Staaten - in enger Zusammenarbeit mit Europa - jetzt an einem streng wissenschaftlichen Versuch beteiligt sind, um eine gründliche und definitive Antwort zu erhalten. Das Laboratorium, in dem das Experiment durchgeführt wird, ist der Gazastreifen - die Versuchstiere sind 1,3 Millionen PalästinenserInnen, die dort leben.

Das Signal für seinen Beginn wurde nach den einwandfreien demokratischen Wahlen gegeben, die im Januar unter Aufsicht des früheren US-Präsidenten James Carter durchgeführt worden waren. George W. Bush war im Vorfeld begeistert: seine Vision, die Demokratie in den Nahen Osten zu bringen, schien sich zu erfüllen. Doch die Palästinenser bestanden den Test nicht. Statt die "guten Araber" zu wählen, die die USA anbeten, wählten sie die sehr "bösen Araber", die Allah anbeten. Bush war beleidigt. Die israelische Regierung indes begeistert: nach dem Hamas-Sieg waren die Amerikaner und Europäer bereit, an dem Experiment teilzunehmen.

Die USA und die EU verkündeten zunächst eine Sperrung aller Hilfsgelder an die Palästinensische Autonomiebehörde, da sie von "Terroristen kontrolliert" wird. Gleichzeitig sperrte die israelische Regierung den Geldfluß. Die Autonomiebehörde - in der Westbank und im Gazastreifen - braucht aber dieses Geld wie die Luft zum Atmen.

Der Grenzübergang zwischen dem Gazastreifen und Ägypten ist praktisch geschlossen. Alle paar Tage oder Wochen wird er - um den Schein zu wahren - für ein paar Stunden geöffnet. Auch die Grenzübergänge zu Israel sind "wegen dringender Sicherheitsgründe" geschlossen - im richtigen Augenblick kommt immer eine "Warnung vor einem bevorstehenden Terroranschlag". Palästinensische Agrarprodukte, die für den Export bestimmt sind, verfaulen an den Übergängen. Medikamente und Nahrungsmittel kommen nicht hinein, von den wenigen Ausnahmen abgesehen, wenn eine wichtige Persönlichkeit aus dem Ausland ihre Stimme erhebt und protestiert.

Als wäre das nicht genug, hat die israelische Luftwaffe das einzige Elektrizitätswerk im Gazastreifen bombardiert, so daß es einen Großteil des Tages keinen Strom und kein Wasser gibt. Selbst an den heißesten Tagen mit Temperaturen von über 30 Grad Celcius im Schatten gibt es keinen Strom für Kühlschränke, Ventilatoren, Wasservorräte und anderes Lebensnotwendige.

Was versuchen die Regierungen Israels, der USA und Europas, den Palästinensern zu sagen? Die Botschaft ist klar: Ihr kommt an den Rand des Hungers und sogar darüber hinaus, wenn ihr euch nicht ergebt. Ihr müßt die Hamas-Regierung davonjagen und Kandidaten wählen, die von Israel und den USA anerkannt werden. Und - was noch wichtiger ist - ihr müßt euch mit einem palästinensischen Staat zufriedengeben, der aus verschiedenen Enklaven besteht, die alle von der Gnade Israels abhängig sind.

Um den Prozeß zu beschleunigen, wird nun noch einmal die ganze Wucht der israelischen Armee eingesetzt. Während des Libanon-Krieges wurde deutlich, daß die Armee, die während der letzten 39 Jahre hauptsächlich als Kolonialpolizei beschäftigt war, nicht funktioniert, wenn sie plötzlich mit einem trainierten und bewaffneten Gegner konfrontiert ist, der zurückschlagen kann. Hisbollah setzte Panzerabwehrwaffen gegen Panzerverbände ein, Granaten gingen im Norden Israels nieder. Die Armee hatte seit langem vergessen, wie man sich gegenüber solch einem Feind verhält. Der Feldzug endete für sie bekanntlich nicht gut. Jetzt kehrt die israelische Armee zu dem Krieg zurück, den sie kennt. Die Palästinenser im Gazastreifen haben (noch) keine Panzerabwehrraketen, und die Kassams verursachen nur begrenzten Schaden. Die Armee kann wieder Panzer ungehindert gegen die Bevölkerung anwenden. Die Luftwaffe, deren Hubschrauberpiloten sich fürchteten, im Libanon Verletzte zu evakuieren, kann nun wieder nach Lust und Laune Raketen auf Häuser "gesuchter Personen", ihrer Familien und ihrer Nachbarn abfeuern. Wenn in den letzten drei Monaten "nur" 100 Palästinenser pro Monat getötet worden waren, so sind wir jetzt Zeugen eines dramatischen Anstiegs der Zahl getöteter und verletzter Palästinenser.

Wie kann eine vom Hunger geplagte Bevölkerung, der selbst Medikamente und medizinische Apparate für ihre einfachen Krankenhäuser fehlen und die Angriffen vom Land, von der See und aus der Luft ausgesetzt ist, nur durchhalten? Wird sie nachgeben? Wird sie auf die Knie gehen und um Gnade bitten? Oder wird sie eine übermenschliche Kraft finden und die Prüfung bestehen? Kurz gesagt: Was und wieviel ist nötig, bevor sich eine Bevölkerung ergibt?

Alle, die an dem Experiment teilnehmen - Ehud Olmert und Condoleezza Rice, Amir Peretz und Angela Merkel, Dan Halutz und George W. Bush, vom Friedensnobelpreisträger Schimon Peres ganz zu schweigen- sind über Mikroskope gebeugt und warten auf eine Antwort, die zweifellos ein wichtiger Beitrag für die politischen Wissenschaften sein wird.

Ich hoffe, das Nobelpreiskomitee beachtet dies auch genau.

* Der Autor ist Mitbegründer der israelischen Friedensgruppe Gush Shalom. Übersetzung aus dem Englischen: Ellen Rohlfs

Quelle:

http://www.jungewelt.de/2006/10-18/014.php

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