Israel isoliert das Jordantal von der restlichen West Bank von Amira Hass, Haaretz Korrespondentin, 13. Februar 2006
Während sich die internationale Gemeinschaft im letzten Sommer mit dem Abzug aus dem Gazastreifen beschäftigte, vollendete Israel einen anderen Trennungsprozess, der unbeachtet blieb: Israel beendete die Trennung des Ostsektors der West Bank, von dem, was von der West Bank 2005 noch übrig blieb.
Etwa 2 Millionen PalästinenserInnen, die in der West Bank wohnen, ist es verboten, dieses Gebiet zu betreten, das etwa ein Drittel der West Bank ausmacht und das Jordantal, den Bereich der Küste des Toten Meeres und die östlichen Abhänge der West Bank Berge einschließt.
Militärs erklärten Haaretz gegenüber, dass diese Unternehmungen "Sicherheitsmaßnahmen" darstellen, die durch die israelischen Verteidigungskräfte (Israel Defense Forces - IDF) übernommen worden waren und das hätte nicht den geringsten Bezug zu wie immer gearteten politischen Vorhaben.
Restriktionen der Bewegungsfreiheit waren den PalästinenserInnen im Jordantal zu Beginn der Intifada auferlegt worden und wurden Schritt für Schritt ausgeweitet. Aber das Pauschalverbot für PalästinenserInnen das Gebiet zu betreten, wurde tatsächlich erst zu dem Zeitpunkt verhängt, nachdem die Verantwortung für die Sicherheit am 16. März 2005 an die PalästinenserInnen zurückgegeben worden war.
Zur Zeit, so sagen palästinensische Gewährsleute, ist es reisenden PalästinenserInnen, die über die Allenby Bridge (die einzige direkte Verbindung der West Bank mit dem Ausland) kommen, verboten, das Jordantal zu passieren, sogar wenn sie in den Norden der West Bank und in die an die Kontrollstellen angrenzenden Dörfer des Tals wollen. Stattdessen wird von den Reisenden verlangt, über Jericho zu gehen und von dort ist der Weg lang und voll mit Kontrollstellen und einer Menge Verzögerungen.
Zusätzlich ist es seither den EinwohnerInnen von Jericho und dem Rest der West Bank verboten, die Kontrollstelle Ouja, im Norden Jerichos, in Richtung Jordantal zu passieren.
Zu weiteren anderen Beeinträchtigungen, trifft das Verbot viele tausende BewohnerInnen von Städten und Dörfern im Norden der West Bank, wie Tubas und Tamun. Viele von ihnen haben Land im Jordantal und einige von ihnen haben viele Jahre dort gelebt. Die DorfbewohnerInnen des Jordantals sind durch familiäre Beziehungen, gemeinsamen Landbesitz, Arbeit, Schule sowie medizinische und soziale Versorgung mit der West Bank verbunden.
Gleichermaßen durch das Verbot betroffen sind Menschen, die seit Jahren ihren Lebensunterhalt durch landwirtschaftliche Saisonarbeit im Jordantal verdienen, ebenso wie eine unbekannte Zahl (sicher einige tausend) Beduine, Schafhirten, die dauerhaft in Zelten und Notunterkünften leben, die aber als BewohnerInnen von Städten und Dörfern registriert sind, die einige Kilometer weiter östlich liegen.
Seit Beginn der Intifada ist es PalästinenserInnen auch verboten die Road 90, die Jordantalstrasse, zu benützen, die Benützung der Strasse ist auf BewohnerInnen des Jordantals und nur nördlich von Jericho begrenzt.
Dieses Bild eines so grossen palästinensischen Gebietes, das vom Rest der West Bank völlig isoliert ist, kristallisierte sich nach Gesprächen und Touren heraus, die Haaretz mehrere Wochen lang in diesem Gebiet unternommen hat, nach Zeugenaussagen, die die Menschenrechtsorganisation B'Tselem gesammelt hat und Reports des UN Office for the Coordination of Human Affairs.
Vier permanente Kontrollstellen versichern, dass jenen PalästinenserInnen der Durchgang verboten ist, deren Identitätskarten sie nicht als Bewohner des Jordantals ausweisen. Die Weiterreise ist lediglich einigen wenigen 1000 Inhabern von Spezialgenehmigungen der Zivilverwaltung erlaubt und etwa 5.000 PalästinenserInnen, die in den Siedlungen arbeiten. Rund 1.500 von jenen, die die Genehmigungen der Zivilverwaltung besitzen (mit dreimonatiger Gültigkeit, die nicht immer verlängert wird), sind BewohnerInnen des Gebiets um Tubas, die dort Land besitzen und im Jordantal arbeiten. Einige Hundert sind Lehrkräfte und im Gesundheitsbereich Beschäftigte; die übrigen sind meist Händler und Fahrer.
Spezielle, einmalige Zugangserlaubnisse werden in "humanitären Fällen" erteilt - zu Hochzeiten, anderen familiären Angelegenheiten, Begräbnissen usw. - und müssen vorher mit der Zivilverwaltung und der Militärverwaltung abgeklärt werden.
Um dem Verbot Nachdruck zu verleihen, unternimmt die IDF oft nächtliche Überfälle auf die Dörfer des Jordantales. PalästinenserInnen, die nicht als BewohnerInnen des Gebiets registriert sind, werden auf die andere Seite des Kontrollpunkts Tayasir gefahren und dort abgesetzt. Die Soldaten konfiszieren auch die Personaldokumente der PalästinenserInnen, die eine "unkorrekte" Adresse haben.
Ein Gewährsmann der IDF, der die oben erwähnten Restriktionen der Bewegungsfreiheit für PalästinenserInnen im Jordantal bestätigte, sagte, der einzige Weg, ein so grosses Gebiet wie das Jordantal zu sichern, sei Einschränkungen für Bewegungsfreiheit zu verhängen, Kontrollpunkte um Kontrolle zu gewährleisten und den Verkehr so zu dirigieren, dass sie Sicherheit für die jüdischen Gemeinden bieten sowie die Road 90 als strategische Durchgangsstrasse.
[Übers. Tina Salhi]
