Zuschauer bei der Liquidation Palästinas von JENNIFER LOEWENSTEIN*), Oxford, England, Freitag, 24. Februar 2006
Für diejenigen, die es noch nicht bemerkt haben, Israel ist gegen eine 2-Staaten-Lösung. Israelische Regierungen haben alles in ihrer Macht stehende getan, um das Entstehen eines palästinensischen Staates zu verhindern und sie werden dies weiterhin tun, solange sie mit der Komplizenschaft mächtiger Freunde und der reichlich vorhandenen öffentlichen Gleichgültigkeit rechnen können. Unter solchen Umständen, obliegt es uns zu fragen, warum der Hamas - durch Israel und eben diese mächtigen Freunde - angeordnet wurde, "die 2-Staaten-Lösung" zu akzeptieren, besonders da sie - im Gegensatz zu Israel - klar und wiederholt erklärt haben, dass sie einen palästinensischen Staat auf den Gebieten, die Israel im Krieg 1967 besetzt hat, der West Bank, Gazastreifen und Ost-Jerusalem, akzeptieren. Tatsächlich haben das alle ihrer bedeutenden Sprecher gesagt: Zahar, Haniye, Meshal und Yassin und Rantisi, bevor sie ermordet wurden.
Judea und Samaria sind oder waren, die nördliche und südliche West Bank. Sie wurden geteilt und über die Jahrzehnte an hunderttausende jüdische Siedler für ihre Häuser und Obstplantagen und Gärten verteilt worden. Das Land wurde mehrfach durchkreuzt und mit Strassen umzingelt, die nur ausschließlich von Juden befahren werden können, und die das Land, die Häuser, Obstplantagen und Gärten mit Israel verbinden. Es wurde mit Wächtern und Schützen bemannt und Tanks und blauweissen israelischen Fahnen ausgestattet, die die Siedler und ihre Häuser, Plantagen und Gärten verteidigen, schützen und sichern, damit sie auch tatsächlich Israelis sind, die zu einem einzigen jüdischen Staat gehören.
Das Siedlungsland mit seinen Siedlerfamilien, ihren Häusern und Gärten, Geschäften und Schulen, Clubs und Cafes und Swimmingpools, wurde in Karten verzeichnet, beschlagnahmt von und abgesichert vor "den AraberInnen" in abgetragenen Kleidern, in 'Sammel'-Dörfern, sie leben ausserhalb oder wurden dazu gezwungen, diese geschützten kolonialen Zonen zu verlassen. Die geplanten Grenzen, die zukünftigen Landesgrenzen, hängen vom Verschwinden "dieser AraberInnen" ab, es wird ängstlich vorweggenommen und aktiv gefördert. Der Hauptanteil der östlichen Eingrenzung des derzeitigen Staates ist eine Betonmauer, die die Sicht auf die "Andere Seite" auslöscht, einer Seite, über die in feiner Gesellschaft nicht gesprochen wird. Die Grenzmauer im Osten wird schon bald die Grenzmauer im Westen sein, weil der amtierende israelische Premierminister, Ehud Olmert, gerade angekündigt hat, dass der Rest des noch nicht 'eingegliederten' Landes der West Bank in Bälde Israel 'angefügt' werden wird: das Jordantal, das Grenzland der West Bank mit Jordanien, wird nun zu Israels Ostgrenze mit dem Staate Jordanien und ebenfalls durch eine Mauer gesichert und für "nicht-Israelis" - gemeint sind die PalästinenserInnen - ist der Zutritt verboten. Die PalästinenserInnen werden dann in ihren stagnierenden Reservaten, ohne Zugang zur Aussenwelt, völlig umzingelt sein.
Mit demselben Atemzug, mit dem er die jüngste einseitige Erklärung über konfisziertes Land für einen jüdischen Staat verkündete, kündigte Olmert auch ein System von Sanktionen gegen die PalästinenserInnen in den besetzten Gebieten an, dabei weigert er sich wahrzunehmen, dass diese 'Landtransformation', in der eine Gesellschaft gestärkt wird und expandiert und die andere in tausend Stücke aufgelöst wird, in Wirklichkeit die 2-Staaten-Lösung ist.
Die israelische Regierung verteilt die Erstnutzung der Rohstoffquellen - vor allem Wasser - der Gebiete, die sie sich angeeignet oder umzingelt hat, an sich selbst. Eine Armee von Dieben und Räubern hat das Übriggebliebene - die löchrigen Strassen, die ungeschützten Haine, die Heimstätten, Schulen, die Moscheen und Kirchen, die Spitäler, Universitäten, Geschäfte und die übrigen Zivileinrichtungen - in eine Reihe von unwegsamen Labyrinths, in legales Niemandsland verwandelt, in dem Reiseeinschränkungen, Genehmigungen, codierte IDs, Umgehungsstrassen, willkürliche Durchsuchungen, Einbrüche und unbegründete Anklagen, die BewohnerInnen auf verdächtige Individuen ohne Namen, Gesichter, Adressen oder Rechte reduzieren; einen kollektiven Verbrecher, der umerzogen und entnationalisiert, und eines Tages vielleicht, um der Raison d'Etre (Existenzberechtigung) Israels willen, deportiert werden muss. Für Reisende aus dem Ausland wird es ebenso schwierig
die besetzten Gebiete zu besuchen wie für die berechtigten BewohnerInnen, sich frei unter ihnen zu bewegen. Deshalb ist es für Aussenstehende schwieriger zu bestätigen, dass die Gefahren, vor denen sie gewarnt wurden, direkt von der israelischen Regierung kommen und nicht von den unglücklichen Leuten, die belagert werden. Die tägliche Bedrohung für Leben und Besitz wächst, anstatt sich zu verringern.
Für alle, die es noch nicht bemerkt haben, es gibt keine Anzeichen, dass dieser Prozess ein Ende nimmt. Stattdessen, zusätzlich zu dieser bizarren Forderung, dass die Hamas die 2-Staaten-Lösung akzeptieren soll, die von israelische Regierungen kategorisch zurückgewiesen wurden, und die mit jedem weiteren Tag geographisch unmöglicher wird, wurden noch zwei andere Forderungen erhoben: Hamas müsse Israel anerkennen und auf Gewalt verzichten. Mit anderen Worten, sie müssen einen Staat anerkennen, dessen politisches Vorgehen und dessen Führungskräfte seit Jahrzehnten unermüdlich darauf ausgerichtet war, die Existenz sowohl der PalästinenserInnen als auch Palästinas, zu leugnen, zu annulieren, sich zu distanzieren, zu verhindern und zurückzuweisen - nicht nur für Gegenwart und Zukunft, sondern auch durch die Auslöschung der Vergangenheit. Immer noch nehmen es unsere Medien auf sich, der Welt eine Zerrspiegel-Realität zu zeigen, grotesk in seinen Verzerrungen, in denen eine demokratisch gewählte Regierung-ohne-Staat und seine zertrampelte, hauptsächlich bettelarme Bevölkerung zu Geiselnehmern jener Ganoven zusammengereimt werden, die damit beschäftigt sind, sie zu Tode zu stampfen.
Während sie zerstampft, erschossen, geschlagen, zerstört, ermordet, eingeschüchtert, beraubt, ausgeplündert, ausgehungert, entwurzelt, enteignet, gequält, beleidigt und mit Kugeln, Missiles, gepanzerten Bulldozern, Tanks, Geschütz-Hubschraubern, Cluster-Bomben, Fleshettes, Kampfbombern, halb-automatischen Maschinenpistolen, Sonic Booms (Überschallknalls), Tränengas, elektrischen Zäunen, Blockaden, Absperrungen und Mauern umgebracht werden, müssen sie der Gewalt abschwören, damit die Ganoven nicht verletzt werden. Falls sie sich verteidigen, verlieren sie. Wenn sie sich beklagen, sind sie unaufrichtig; wenn sie Gegenleistungen verlangen, sind sie unglaubwürdig; wenn sie ein faires Hearing fordern, versteigen sie sich in eine "Agenda"; schlagen sie wahllos zurück, sind sie ein Instrument des Terrors. Wenn sich nun die Wut der tausenden Toten, zehntausender Verwundeter und Verhafteter und Millionen von Gebundenen und Geknebelten gemeinsam in einem Wirbelsturm des Protests erhebt, dann wird auf sie gezeigt werden und der Beweis ist erbracht, dass ihnen das Böse angeboren ist, und dass sie mit Fug und Recht eingeschlossen, mit Fug und Recht besetzt werden müssen, und die Empörung über die bodenlose finanzielle Hilfe gerechtfertigt ist.
Eine Belohnung für die Hamas, die gerade rechtzeitig an die Macht kommt, um für all die aufstrebenden Sharons der perfekteste, auf dem Silbertablett servierte Vorwand sein zu können, die sattsam bekannten, ausgeleierten politischen Praktiken mit Vergeltung auszuüben, war für die Kadima Partei - der Partei der Zukunft - anzukündigen, dass sie die PalästinenserInnen auf eine Hungerkur setzen, in der Einbildung, sie übten ihr Recht aus. Eine Belohnung für die Hamas für das Nachprüfen des durchschlagenden Erfolgs des Ziels der israelischen Regierungen, die Fatah zu zerstören, ist auch Israels Drängen, dass das Einhalten all der Vereinbarungen, Verträge und Übereinkommen, die die Fatah, im Wesentlichen die PA (Palästinensische Autonomiebehörde), unterzeichnete, die aber die israelische Regierung Seite für Seite zerschreddert hat. Mit jedem neuen Ziegel, der für die Siedlungen gelegt wurde, mit jeder neuen Strasse, die nach Ariel, Maale Adumim, Illit, Gush Etzion und darüber hinaus befestigt wurde, mit jeder verweigerten Zulassung für Arbeit, Ausbildung, medizinische Versorgung oder Reise, mit jedem Lastwagenfahrer, der bei Sufa und Karni mit seiner langsam verfaulenden Ladung vor sich hin warten mußte, jedem Steuer- und Handels-Dollar, der von Leuten gestohlen wurden, die auf ihrem eigenen Land interniert sind, führt die israelische Regierung ihre Missachtung für menschlichen Anstand vor und bekommt im US Congress und anderswo stehende Ovationen.
Wenn Osama Bin Laden meint, dass es für die Al-Qaida legitim ist, Amerikaner zu ermorden, weil sie, als Bürger eines demokratischen Landes, für ihre Regierung verantwortlich sind, bricht in der "zivilisierten" Gesellschaft - völlig zu Recht - Entrüstung aus. Wenn Dov Weisglass und seine selbstgefälligen, sadistischen vereinigten Rechtsvertreter, himmelschreiende Abarten kollektiver Bestrafung gegen die PalästinenserInnen einsetzen, weil sie die Unverfrorenheit hatten, die erfolglose Fatah demokratisch durch die Hamas zu ersetzen, nickt die "zivilisierte" Gesellschaft mit scheinheiliger Zustimmung.
Für diejenigen, die es nicht bemerkt haben, die israelische Regierung ist gegen eine 2-Staaten-Lösung. Sie ist auch gegen einen Staat und einen bi-nationalen Staat, einen sekularen Teilstaat und die weit über eine Million Zwischenstaatslösungen, die im Laufe der Jahre vertraglich abgezeichnet und debattiert und argumentiert worden sind. Die israelische Regierung ist dagegen, weil sie gegen die Präsenz eines anderen Volks auf einem Land ist, dass als exklusives väterliches Erbteil der Juden beansprucht wird. Das muss der Ausgangspunkt für einen wirkungsvollen Aktivismus gegen die rassistische und höchste Vision sein, die die israelische Regierung umsetzen will und für die die Vereinigten Staaten garantieren, keine versonnenen Diskussionen über die Ideallösung. Eine erfolgversprechende Opposition darf sich nicht auf eine vor sich hin schlummernde oder nebensächliche todbringende Indifferenz zurückziehen.
*) Jennifer Loewenstein ist Gastforschungsstipendiatin (Visiting Research Fellow) am Oxford University's Refugee Studies Centre (Forschungszentrum für Flüchtlingsstudien). Sie hat in Gaza City, Beirut und Jerusalem gelebt und gearbeitet und ausgedehnte Reisen im Mittleren Osten unternommen, wo sie als freiberufliche Journalistin und Menschenrechtsaktivistin tätig war. Erreicht werden kann sie unter:
amadea311@earthlink.net
[Übers. Tina Salhi]
