Das Herz aus Stein und drei un-mütterliche Mütter. Von Nurit Peled Elhanan*) HaGada HaSmolit, 7. August 2006
In seinem Artikel im britischen "Independent" vom 31. Juli 2006 beklagt Robert Fisk den Tod der Kinder in Kana und meint, dass - wer immer durch dieses furchtbare Massaker nicht erschüttert ist, das immerhin mit Absicht geschah - die israelische Luftwaffe hat wiederholt geäussert, dass sie nur auf Ziele feuert, die genau und wohlgeplant sind - ein Herz aus Stein hat. In der Tat, in letzter Zeit scheint es so, dass alle Welt ein Herz aus Stein hat, aber am verstörendsten sind die Herzen aus Stein der drei Mütter [Mitglieder der "Vier Mütter"-Protestgruppierung, die 2000 die Aufforderung zum Rückzug aus dem Süd-Libanon geleitet hatten], die letzten Donnerstag für das Ha'aretz-Magazin interviewt wurden ("Diesmal ist es anders, diesmal gibt es keine Wahl") und das Herz aus Stein von Yitzhak Frankenthal, dem Gründer einer Gruppe von hinterbliebenen israelischen und palästinensischen Eltern für Frieden, Versöhnung und Geduld, der am Donnerstag ein Inserat veröffentlicht hat, das zehntausende Dollar gekostet hat und das den "Krieg" befürwortet. Andere mit einem Herz aus Stein sind die Schriftsteller Amos Oz und A. B. Yehoshua und JedeR, die sich an ihrer/seiner Gegenleistung für die Umarmung des Konsens und dem erotischen Enthusiasmus für "unsere heldenhaften Jungs" erfreut. Die drei Mütter, die interviewt wurden, ergingen sich darüber "wie hübsch er in seiner Uniform aussah", als sie über ihre Kinder sprachen, die auf dem Altar von Arik Sharons Größenwahn im Libanon gestorben sind oder die am Leben blieben um - auch heute - weiterhin hübsch in Uniform auszusehen, wenn sie gnadenlos hilflose Frauen und Kinder abschlachten, um Ehud Olmert und Amir Peretz' Ansicht von Männlichkeit und der Jagd des Oberbefehlshabers nach Tod und Zerstörung zu dienen. Die Mütter hüllen sich in die warme und höllische Umarmung der israelischen Besatzungsarmee und stellen sich vor, dass sie es ist, die uns vor einem möglichen Massaker rettet, wenn wir uns nicht selbst verteidigen.
Wer ist die Mutter in Israel, die aufstehen und die Augen der hinterbliebenen Mütter und Väter öffnen und sagen wird, dass niemand in Uniform hübsch ist? Niemand ist herzig in der "Uniform der Grausamkeit". Wer ist die Mutter, die aufstehen und sagen wird, dass die Mörder von Kindern, diejenigen, die vernichten und niederbrennen, niemand anderer als ihre Söhne sind, eure kleinen "Küken", eure "Juwelen". Das sind Kinder, denen durch all ihre Schuljahre hindurch beigebracht wurde, die anderen zu hassen, die anderen immer zu fürchten und ihre Nachbarn als ein Problem zu sehen, dass gelöst werden muss. Und eure Kinder sind nicht nur Schlächter und Mörder, sie sind das auch noch mit der leidenschaftlichen Unterstützung von Mama und Papa. Mit der Unterstützung der gesamten Nation, der einzigen Nation, die der Tod von behinderten Kindern mit keiner Wimper zucken lässt. Eine Bevölkerung, die für einen Oberbefehlshaber erglüht, der nichts als einen Klick auf den Flügeln fühlt, wenn er Bomben auf ganze Familien fallen lässt und sie vernichtet. Was für ein maskulines und sexy Wort: vernichten, [erdrücken, zerstossen]. Wie gut das ist, "sie" zu vernichten. Wer, genau, wird vernichtet? Das ist nicht klar, weder den drei Müttern, noch irgendjemand anderem, nur das Gefühl, dass die Vernichtung die fürchterliche Angst vor dem Anderen jenseits der Grenze irgendwie lindert.
"Heute mache ich die Erfahrung eines Massakers. Mehr als zu jeder anderen Zeit, weiss ich, dass es, falls die IDF [Israeli Defence Force - israelische Armee] von einem Virus befallen wird, am nächsten Tag keinen Staat Israel mehr geben wird," sagt eine der Mütter und füllt das Wort "Massaker" mit allem, was sie uns jahrelang mit Bialiks Gedicht "Im Massaker" ["Auf der Schlachtbank"] eingedrillt haben. Aber die IDF wird nicht "vom Virus befallen", weil die IDF bereits mit Viren infiziert ist, genau den Viren, die der Wissenschaftler Richard Dawkins "Viren des Verstands" nennt, Viren, die von den Gehirnen der Erwachsenen zu den nachgiebigen Gehirnen der Kinder übergehen und die sie mit den zwei schlimmsten menschlichen Seuchen infizieren: die Begierde nach Rache ohne Ende und die Notwendigkeit die Leute so zu markieren als sehe man sie nicht als menschliche Wesen, sondern als bedrohliche Gruppe. Diese Viren, sagt Dawkin, übernehmen die Kontrolle des gesamten Systems, genauso wie Computerviren. Er schrieb das im Hinblick auf den katholischen Glauben, aber das ist die einzige Erklärung, die mir für die drei Mütter einfällt, für Frankenthal und die anderen, die sich am Vernichtungsjubel in der Schlacht erfreuen. Der Virus der Angst vor den Anderen, der Virus, der die Sinne beim Anblick des Feuers abstumpft, das die Häuser und deren BewohnerInnen völlig niederbrennt, der Virus, der den Uniformen der Grausamkeit und der Macht zujubelt. Nur diese Viren können das Wohlbehagen und die Befriedigung der BürgerInnen von Israel angesichts der kleinen Körper erklären, die in das Königreich der toten Kinder hinuntergleiten, das unter unseren Füssen weiterwächst, und die sich den Körpern unserer eigenen Kinder anschliessen, die zu den Klängen der Schlachtfeiern und auf dem Altar der Rache starben, der für die Erwachsenen nötig ist, die eigentlich auf ihre Kinder achten und sie für den Frieden unterrichten sollten. "Ich habe schon ein Gefühl von Ausweglosigkeit. Ich verstehe, dass sie uns im Meer haben wollen. Gleichgültig was wir machen, sie wollen uns im Meer haben," lamentiert Orna Shimoni, ohne innezuhalten, um nachzudenken, wer uns wirklich in dieses Schrecken verbreitende Meer führt.
"Das ist ein existentieller Krieg, ein Krieg um unser aller Leben," sagt eine der Mütter. Du hast das ganz richtig erkannt. Das ist tatsächlich ein existentieller Krieg. Die israelische Regierung, von der es kaum eine einzige Person gibt, die nicht auf irgendeine Art polizeilich untersucht wird, wegen Korruption, Diebstahl oder sexueller Belästigung, diese Regierung von möglichen Delinquenten, die jedeR eilfertigst unterstützt und umarmt, führt uns tatsächlich in die Vernichtung. Im unkontrollierten Drang seiner Senior-Mitglieder ihre Macht zu demonstrieren, schicken sie mit einem niederschmetternden Schlag alle Samen - unsere Samen - und zerstören sie völlig sinnlos. Nicht ihre eigenen Samen, liebe Mütter, aber eure. Das ist tatsächlich ein Krieg für unser Zuhause, aber wer anderer als diese hedonistische Gang zerstört das Zuhause?
"Daher spüre ich das trotz der schrecklichen Schmerzen, dieser Krieg ist gerecht und notwendig und wird gebraucht, um unsere Leben zu verteidigen. Und deshalb denke ich, dass selbst wenn wir hunderttausende Libanesen aus ihren Wohnungen und Häusern vertreiben, so ist das nicht nur richtig, sondern moralisch." Wer genau vertreibt "Hunderttausende" aus ihren Häusern? Und wohin werden sie evakuiert? Und warum räumen sie ihre Wohnungen nicht selbst? Möchten sie denn gerne sterben? Oder kann es sein, dass die Unterlassung zu evakuieren, Teil der Propaganda (ein Wort, dass wir bei 'Arabern' immer anfügen) der Hisbollah ist? Und warum sagst du "trotz der schrecklichen Schmerzen" nur so nebenbei? Ist es so, dass der schreckliche Schmerz über den Tod der Kinder nicht einmal einen vollen Satz Wert ist, wenn er aus dem Mund einer Mutter kommt? Nein, weil schließlich reden wir über die Kinder von Anderen. Und was genau ist daran moralisch? Gibt es da eine andere Moral für den Staat Israel? Wer wendet sie an? Wer ist die moralische Figur, die diese hartherzigen Leute führt? Vielleicht eure toten Kinder, die, wie ihr erklärt habt - Mütter ohne Mutterschaft - ihre Leben um der Besatzungsarmee und des Übels willen opfern mußten.
Die Stimme der drei Mütter ist keine mütterliche Stimme. Es ist die Stimme von verzerrter, verlorener, verworrener und kranker Mutterschaft. Die jüdische Mutter, die mutige Mutter, die ihre Kinder mit all ihren Kräften beschützt, die Mutter, die keinen Trost oder keine Besänftigung im Tod der Kinder einer anderen Mutter finden kann, ist aus dem Land der Juden verschwunden.
*) Dr. Nurit Peled-Elhanan (Universitätsdozentin, Sacharow-Preisträgerin) ist Mutter von Smadar Elhanan, die 13jährig im September 1997 in Jerusalem bei einem Selbstmordattentat getötet wurde.
Übers. Tina Salhi
Quellen:
Hebr. Original:
http://www.mahsom.com/article.php?id=3510
Engl.:
http://www.kibush.co.il/show_file.asp?num=15742
oder
http://www.hagada.org.il/hagada/html/modules.php?name=News&file=article&sid=4722
[Aus dem Hebr. von Daniel Breslau]