Wenn niemand mehr übrig ist, dem die Schuld zugeschoben werden kann. Was wirst du nun tun, Israel? Von Virginia Tilley*, Johannesburg, Südafrika, Counterpunch, 15. Dezember 2006  

Was wirst du nun tun, Israel? 

Jetzt, da drei kleine Jungen durch Mörderkugeln umgebracht und ein Hamas-Richter aus seinem Auto geschleppt und ermordet worden ist, bist du möglicherweise zufriedengestellt. Du glaubst, die Palästinenser erliegen schlussendlich deinen Plänen. Der lang geplante Coup ist abgeschlossen - zuletzt konnte die Flasche versiegelt werden, in der die "besoffenen Kakerlaken" nur mehr herumkriechen und sich gegenseitig zusammenschiessen können. 

Vielleicht lehnst du dich in deinem nationalen Sessel zurück, reibst dir triumphierend die Hände und schaust den Palästinensern dabei zu, wie sie sich am Ende gegeneinander wenden und langsam das werden, von dem du immer behauptet hast, dass sie es wären. Vielleicht bist du abgestossen und wähnst dich sicher in deinem Überlegenheitsgefühl.  

Aber hast du darüber nachgedacht, was du tun wirst, wenn die palästinensische Führung, die du verachtest, am Ende zerfällt? 

Dass du sie dahin gebracht hast steht fest. Du hast seit Jahrzehnten daran gearbeitet genau das zu erreichen. Du hast bestochen, terrorisiert, vertrieben, ihre Führer verstümmelt oder ermordet, ihre Visionäre und Philosophen verbannt oder getötet, Hamas gegen Fatah oder Fatah gegen Hamas aufgestachelt und finanziert, ihre Demokratie in den Müll geschmissen, ihr Geld gestohlen, sie eingemauert, sie auf "Diät" gesetzt [1], ihre Ansprüche verhöhnt und dich und die Welt über ihre Geschichte belogen.  

Aber was wirst du machen Israel, wenn zuletzt fünf Millionen PalästinenserInnen ohne Führung unter deiner Staatsgewalt leben? Was wirst du tun, wenn sie ihre Fähigkeit verlieren, mit dir zu verhandeln? Hast du daran gedacht, dass sie innerhalb des Gebiets, das du kontrollierst, so viele sind wie du? Und dass du jetzt ihre vereinte Stimme zerstörst? Hast du darüber nachgedacht, was dir passieren wird, wenn sie wirklich diese Stimme verlieren?  

Vielleicht glaubst du tatsächlich, wenn du nur die Fatah mit Geld und Gewehren fütterst, sie auch die Macht von der Hamas zurückholen und die feige palästinensische Marionetten-Regierung deiner Träume wiedererrichten wird. Es kann sein, du glaubst wirklich, dass die Fatah dazu imstande ist, das Wrack von Oslo wiederzubeleben, aus den Trümmern der Büros der PA [Palästinensische Autonomiebehörde] herauszutreten und wie zuvor den Fahrersitz der palästinensischen Nation zurückzufordern. Möglicherweise erzählst du dir selber, mit nur einigen wenigen partei-internen Raufereien und Ermorderungen und ein bisschen mehr Hungertod, das ganze palästinensische Volk die Hamas nehmen und sie zugunsten des grinsenden Herrn Abbas entmachten wird.

Aber warum solltest du all das glauben, wenn der einzige andere Testfall, Irak, in Trümmern liegt und USA und Grossbritannien sich verzweifelt bemühen zu fliehen?

Lebst du wirklich noch immer so tief in deinen eigenen Phantasien, dass du glaubst der palästinensische Widerstand ist lediglich das Produkt schlechter oder verstockter Führungskräfte? Dass nicht die kollektive Erinnerung von Vertreibung und Enteignung, die  den Geist kollektiven Widerstands aufrecht hält, er wird vielmehr immer und unausweichlich über diese Führung hinaus vorhanden sein? Glaubst du wirklich, wenn du nur Hamas und Fatah vernichten oder kooptieren kannst, dass fünf Millionen Menschen einfach für immer von deiner Welt verschwinden werden - sich über die jordanischen oder ägyptischen Grenzen in die endlose Wüste schleppen, Kleider, Kinder und trübe Erinnerungen gepackt, in einer Art grosser Reprise von 1948?

Denkst du tatsächlich, wenn dich die internationale Gemeinschaft schließlich doch aus den Verhandlungen mit den Menschen herauslässt, die du enteignet und diskreditiert hast, dass du zu guter Letzt schon irgendwie frei herumspazieren kannst und deine Verbrechen ihnen gegenüber vergessen sein werden?

Wir wissen, dass du noch immer die alte, fatale, unnütze Phantasie verfolgst: der zionistische Traum löst zum Schluß alles ein, indem er den palästinensischen Nationalismus zertrümmert. Die palästinensische nationale Einheit zerbricht an den Felsen der Besatzung. Die PalästinenserInnen werden zu IndianerInnen in Reservaten reduziert, die in Verzweiflung, Alkoholismus und Emigration versinken. Damit sie für dich irrelevant werden.

Aber da gibt es Neuigkeiten für dich, Israel. Die IndianerInnen haben bis heute nicht aufgegeben. So geschädigt und reduziert sie auch sind, sie kennen ihre Geschichte und erinnern sich an ihre Kümmernisse. Sie sind marginalisiert, lediglich weil sie ein Prozent der Bevölkerung der USA ausmachen. Die PalästinenserInnen sind fünf Millionen stark, dir zahlenmässig gleich. Und sie leben innerhalb deiner Grenzen. Wenn sich ihre Führer selbst zerstören, sich gegenseitig prügeln und wie Rammböcke zu Tode kämpfen, zuletzt werden sich ihre fünf Millionen brennenden Augenpaare auf dich richten, weil du die einzig verbleibende Macht über ihnen sein wirst. Und du wirst hilflos sein, weil dein Papier-Schutz - deine Fatah oder PA Verräter - 'beschädigte Waren', 'zerbrochene Gefässe', in Verruf gebracht, verloren sind. Und dann wirst du es sein und diejenigen, die du vom aktiven Wahlrecht ausgeschlossen hast - du und die PalästinenserInnen, in einem Staat, ohne Oslo oder Road Map-Mythos, der dich schützen könnte. Und bis zu diesem Zeitpunkt werden sie dich wahrhaftig hassen.

Dann - vielleicht - wird dir dämmern, was du getan hast, wenn sich die Disintegration der  palästinensischen nationalen Einheit wie ein Tsunami über den Nahen Osten ausbreitet und auf den Tsunami trifft, der sich vom Irak aus ausbreitet und die Region verwüstet und auf dich zurückfällt.

Wir sehen dir dabei zu, wie du dir diese Katastrophe selbst erschaffst, wir denken du bist einfach selbstmörderisch. Wir könnten einfach zusehen, aber dein zerstörerischer Weg bedeutet zu viel Leid für zu viele Menschen. Doch an wen können wir uns wenden, um deinen einseitigen Selbstmord-Pakt mit den PalästinenserInnen zu verhindern?

Wir könnten schließlich an die Hamas appellieren, um die Basis zu mobilisieren, die als Einzige die Fähigkeit hat, zivilen Ungehorsam in grossem Maßstab auszulösen, der notwendig ist, um Israels eiserne Faust zu paralysieren, aber die Hamas hat keine Erfahrung mit dieser Methode, und jetzt sind ihre Staatsmänner durch die Gewehre in die Enge getrieben, die du den Fatah-Strolchen gegeben hast.

Wir könnten an den Führer der Fatah-Strolche appellieren, Herrn Abbas, der sich zu Füssen der israelischen Macht windet, um etwas Rückendeckung zu finden. Oder an den allgegenwärtigen Herrn Erekat, der niemals in seinem Leben eine politische Vision gehabt hat, um eine über Nacht zu entwickeln.

Wir könnten an die Fatah-Strolche appellieren, um Herrn Abbas und Herrn Erekat und die fetten Zementaufträge abzulehnen, die du ihnen gegeben hast, um die Mauer zu bauen, die sie gefangen setzt und eine Schnellstrasse zu suchen, von der sie noch nie einen Blick erhascht haben.

Wir könnten an die mikroskopische PFLP und DFLP appellieren, sie sollen ihre alten Programme packen, die zum Kauen zu abgestanden und die durch ihre ätzende, jahrzehnte-alte Bitterkeit und Rivalität mit der Fatah aufgebraucht sind, um endlich ihre Köpfe über alte und neue Kümmernisse hinaus zu erheben.

Wir könnten an die USA appellieren, aber niemand kümmert sich darum, das zu tun.

Wir könnten an die EU appellieren, aber auch darum kümmert sich niemand.

Wir könnten an die Welt appellieren, aber die steht nur entgeistert. 

Wir könnten an die Medien der Welt appellieren, aber die sind mit ihren Ärschen in der Luft eingefroren. 

Wir können nur an dich appellieren, Israel. Daran zu denken, was du tust, wenn du nicht aufpasst. Weil du an deiner eigenen Vernichtung bastelst. 

Du bist bei diesem grossen nationalen Projekt so effektiv gewesen, weil du aus Erfahrung handelst. Sogar die besonders mutigen, prinzipientreuen und sensiblen Menschen können - wie du gelernt hast - ein Konzentrationslager nicht unendlich lang aushalten. Irgendwann einmal, wie Holocaust-Historiker mit solchem Pathos nachvollzogen haben, geht die Menschlichkeit in Brüche. Individuelles Heldentum mag überleben als Erinnerung, aber Ordnung, Humanität und schließlich menschliche Gefühle verkommen zu zersplittertem Gezänk und Unmenschlichkeit. Du hast zu gut und bitter gelernt wie dieser Kessel das ganze Gefüge einer Gesellschaft wegschmelzen und Menschen zerbrechen kann. Die Lektion ist verbrannt, buchstäblich, und eingebrannt in dein nationales Gedächtnis. Und du bringst diese Lektionen hervor, indem du Gaza zugrunde richtest, versuchst du die Tragödie des Zionismus' zu reinigen. 

Aber wenn du wirklich das Chaos erntest, das du für die PalästinenserInnen herstellst, wirst du herausfinden, dass niemand anderer als du für diese fünf Millionen ZivilistInnen verantwortlich ist.  

So was wirst du tun Israel, mit fünf Millionen Menschen, die unter deiner Herrschaft leben, wenn du der Welt nicht mehr länger vormachen kannst, dass du vorhast, mit ihnen zu verhandeln? Was wirst du mit den Menschen machen, die du verabscheust und die dich zum  Schluß auch ganz und gar verabscheuen, wenn die Visionen von Koexistenz schließlich gescheitert sind? Du wirst die einzige unumschränkte Macht über ihnen sein. Du wirst weder fähig sein sie zu verdauen noch sie auszuspeien. Und sie werden dich anstarren.
Und wir werden dich auch anstarren. 

Weil da niemand mehr zum Beschuldigen übrig sein wird, und keiner, der sich um sie kümmert, außer dir.  

* Virginia Tilley (tilley@hws.edu) ist Professorin für Politikwissenschaften, US-amerikanische Staatsbürgerin, die in Südafrika arbeitet und Autorin von "The One-State Solution: A Breakthrough for Peace in the Israeli-Palestinian Deadlock"; University of Michigan Press and Manchester University Press, 2005.

[1] Die Folge der palästinensischen Wahlen im Jänner 2006 war die Sperre der Hilfsgelder und die Abriegelung des Gazastreifens. In diesem Zusammenhang sprach Dov Weißglas - Berater des israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert - zynisch von der "Idee, die PalästinenserInnen auf Diät zu setzen" (Anm. der Übersetzerin). Siehe auch weiter unten: Und für Hamas Diät* von Gideon Levy, Ha'aretz / ZNet Deutschland 19.02.2006

(Übers.: Tina Salhi)

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