Willkommen in Palästina? Hannah, IWPS*, 1. Januar 2006
Ich bin jetzt seit 4 Tagen hier und bereits 2 Mal durch die neu eröffneten "Terminals", die als Ersatz für die "Checkpoints" an den Einfahrten nach Bethlehem und Ramallah errichtet wurden. Ich weiß nicht, welche Sprache ich dafür verwenden soll.
Sie kommen mir mehr wie Gefängnisse vor als irgendetwas anderes. Meine Gastmutter im Lager Dheisheh (Bethlehem) fragte mich, ob ich sie gesehen hätte. Ich sagte ihr, dass ich eben da durchgekommen sei und dass es einem Gefängnis ähnle. "Nein", antwortete sie, "es ist wie der Flughafen".
"Der Flughafen ist wie ein Gefängnis", sagte ich darauf, aber das trifft für viele Menschen nicht völlig zu. Ich fragte meinen Gastvater, ob er sie schon gesehen hätte und er sagte mir darauf: "Bring mir ein(e) Permit (Erlaubnis), dann werd ich gehen und es mir ansehen." Denn sicher, ganz egal wie schlecht die Menschen bei diesen Terminal-Gefängnissen behandelt werden, die Menschen, die dort sind, sind die besonders glücklichen, weil sie diejenigen sind, die eine Erlaubnis oder eine Jerusalem ID (Identitäts)-karte haben, um da durchzugehen.
Ich weiß, es ist ein Klischee zu sagen, dass die Mauer Palästina in ein Gefängnis verwandelt, aber das war das erste Mal, dass ich gesehen habe, dass die Mauer Bethlehem völlig einschließt. Es gibt ein enormes Metalltor, dass nach den Launen der israelischen Armee geöffnet und geschlossen werden kann. Gleich daneben ist eine große Tafel mit folgenden Worten in Englisch, Hebräisch und schließlich Arabisch: "Geh in Frieden". Darunter steht geschrieben "Israelisches Ministerium für Touristik". Und das alles befindet sich auf einem Gebiet, das palästinensisches Territorium von palästinensischem Territorium trennt. Westjordanland auf beiden Seiten. Vollkommen kontrolliert durch Israel.
Und bei Kalandia ist es das Gleiche. Palästinensische Gebiete auf jeder Seite, unter völliger israelischer Kontrolle. Ich weiß nicht, welche Schilder beleidigender sind, das Bethlehemer oder das bei Kalandia, auf dem in 3 Sprachen steht: "Die Hoffnung von uns allen." Gleich daneben ist die Zeichnung von einem Baum, auf dessen Stamm in Arabisch "Sicherheit" steht, und auf jedem seiner Äste (in Arabisch) Worte wie "Bildung", "Kultur" oder "Wohlstand". Bei diesem Schild fehlt das "Israelische Ministerium für Touristik", wahrscheinlich, weil nach Ramallah - besonders zu dieser Jahreszeit - nicht so viele Touristen kommen wie nach Bethlehem.
Als ich letzte Nacht auf dem Rückweg von Ramallah nach Jerusalem Kalandia passierte, hatte ich eine der verstörendsten Checkpoint/Kontrollpunkt-Erfahrungen, die ich je hatte. Es war mit Sicherheit das Schlimmste, was ich persönlich an schlechter Behandlung je erfahren habe. Vom Eintritt bis zum Austritt aus dem "Terminal", bist Du zwischen Metalltüren, Drehkreuzen und Fenstern eingeschlossen. Grundsätzlich bist Du in jedem Moment in einem unterschiedlichen Teil gefangen, solange bis ein Soldat sich dazu durchringt, Dich weiterzulassen. Alles geschieht elektronisch. Die Soldaten sitzen hinter kugelsicherem Glas und bellen Befehle durch Lautsprecher. Kein menschliche von Angesicht zu Angesicht Interaktion mehr. Das Mädchen (und ja, diese Soldaten schauen aus wie Mädchen und Jungen) hat den Menschen in dieser Nacht besonders unfreundliche Befehle zugebrüllt. Als ich an die Reihe kam, stellte ich meine Sachen auf das neu installierte Fließband und ging durch den Metalldetektor, wie ich es von den Menschen vor mir gesehen hatte. Ich hielt meinen Paß in die Höhe, die Soldatin ignorierte mich und begann mich in Arabisch anzuschreien. Ich konnte nicht alles verstehen, was sie sagte und teilte ihr das auch mit (oder vielmehr ich versuchte es, obwohl es keinerlei Mechanismus für Menschen mit ihr zu sprechen zu geben schien, lediglich den in umgekehrter Richtung), zuletzt schrie sie in Englisch: "Gib all Deine Sachen auf das Band!" Das tat ich, ging durch, hielt meinen Pass in die Höhe, nahm meine Sachen wieder und machte mich fertig, diesen Platz zu verlassen. Zu mir sagte sie nichts, aber sie begann einen Mann vor mir, der ein Baby hielt, anzuschreien. Sie schrie ihn in Hebräisch an, zurückzukommen und dann rief er mich und sagte mir, dass das deshalb gewesen sei, weil ich ihr meinen Pass nicht gegeben hätte, was sie mir wiederum nicht gesagt hatte. Es gibt Zeiten, da ignoriere ich die Autorität der SoldatInnen, weil ich glaube, dass sie keine haben sollten, aber das war keine dieser Zeiten. Ich war noch niemals zuvor durch diese Vorrichtung durchgegangen und ich wollte die Menschen hinter mir nicht aufhalten, aber ich wußte wirklich nicht, was von mir erwartet wurde. Sie begann mich in Hebräisch anzuschreien, als ich zurückging, ich sagte ihr, dass ich nicht verstehe und dann sagte sie in Hebräisch: "Fein, ich werde Englisch sprechen! Gib mir Deinen Pass!" Ich legte den Pass in das kleine Loch nieder, sie nahm ihn, und der Mann mit dem Baby berichtete mir, dass sie auf Hebräisch "Fuck you" und andere nette Dinge zu mir sagte. Ich bekam meinen Pass wieder und sie setzte fort, anderen Befehle zuzubrüllen, drückte auf den magischen Knopf, um das Drehkreuz zu öffnen, das mich rausließ. Ich ging angeekelt hinaus, der Mann und seine Familie sahen mir nach, um sich zu vergewissern, dass ich okay war.
Ich wollte mich übergeben. Oder eine Reihe von anderen Sachen, die ich hier nicht schreiben sollte.
Ich weiß nicht warum ich noch immer überrascht war und blieb. Oder vielleicht ist es das auch nicht genau. Vielleicht ist es nur absolut abstossend. Und es macht wütend. Ich habe in Palästina gerade etwas über 2 Jahre gearbeitet, und ich habe die Verwandlung der Strasse in der Nähe von Kalandia von einer Strasse zu einer Mauer zu einem Terminal gesehen. Ich war vor 5 Monaten hier und es sah damals so völlig anders aus. Mittlerweile arbeite ich hier für eine langfristige Veränderung und leite im Westjordanland Gruppen für amerikanisch jüdische Menschen, die etwas über die Situation erfahren möchten und die dann vielleicht ihre Ansichten verändern und ihrerseits vielleicht dann anderen darüber berichten. Aber was ist mit dem hier und jetzt ? Wie immer ist die Zeit auf Israels Seite. Die PalästinenserInnen können es sich nicht leisten zu warten. Aber was können sie machen? Ich habe all diese jungen palästinensischen Männer dabei beobachtet, als sie drinnen im Terminal Witze machten, während sie darauf warteten, dass sie in Hebräisch angebrüllt und vielleicht durchgelassen werden und ich wunderte mich, wie hier schon so oft, wohin all der Zorn hingeht. Ich hoffe, dass ich mich nie daran gewöhnen werde, dass es nicht aufhört, mich wütend zu machen.
Heute beginne ich mit den Gruppen. Ich habe wenig Zeit gehabt, das hier aufzuschreiben und ich habe keine Zeit dazu gehabt, es zu bearbeiten und ich entschuldige mich auch dafür, dass ich keine Fotos habe, die ich mit Euch teilen kann. Ich bemühe mich, mich bald wieder mit Euch in Verbindung zu setzen, vielleicht dann, wenn diese erste Gruppe nächste Woche wieder abgefahren ist.
Ich freue mich über persönliche emails.
Frohes neues Jahr für alle diejenigen von Euch, für die es ein Neues ist -
laßt uns hoffen, dass es mehr Gerechtigkeit bringen wird, als das vergangene.
Hannah
* IWPS-Palästina (International Women's Peace Service) ist ein internationales Team von Frauen, die in Haris (einem Dorf im Governorate Salfit im Westjordanland) ansässig sind und die palästinensischen ZivilistInnen Begleitung bieten; bei Menschenrechtsverletzungen dokumentieren sie und greifen gewaltlos ein, unterstützen Aktionen gewaltlosen Widerstands, um die brutale und illegale militärische Besatzung zu beenden und sie nehmen Stellung gegen die Apartheid Mauer.
