In Lobpreisung der Besatzung. Von Amira Hass, Haaretz, 5. Juni 2007    

Die Besatzung, die der Krieg 1967 bescherte, leistete eines: sie vereinigte die Mehrheit des palästinensischen Volkes wieder in den Grenzen ihrer Heimatgebiete. Zum ersten Mal seit 19 Jahren war es den PalästinenserInnen wieder möglich, auf dem Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan zusammen zu leben und einander als Gruppe zu erleben.  

Bis zum Beginn der 90er Jahre war das eine Grunderfahrung, die als selbstverständlich erachtet wurde und ihren Teil bei der Erstarkung und Wiederherstellung des palästinensischen Volkes spielte, nach der Katastrophe und dem Verfall, den die Errichtung des Staates Israel mit sich gebracht hatte. Nur heute, da diese Fläche in dutzende getrennter und von einander entfernten Enklaven zerhackt wurde, in einem Vorgang, der die Auflösung der palästinensischen Gesellschaft zur Folge hat, wird es möglich, die Bedeutung von Raum während eines Vierteljahrhunderts zu begreifen.    

1967 lernte Israel aus seinem "Fehler", den es 1948 gemacht hatte. Es achtete darauf, den BewohnerInnen der Besetzten Gebiete keine Staatsbürgerschaft zu gewähren, nicht einmal den  EinwohnerInnen der 70 Quadratkilometer, die sie zu Jerusalem dazu annektiert hatten. Aber das führte zu einem neuen "Fehler": es eröffnete ein Gebiet sowohl für JüdInnen als auch für PalästinenserInnen. Selbstverständlich hatten die JüdInnen das hegemoniale Privileg sich im gesamten Gebiet niederzulassen, palästinensisches Land und die wertvollen Wasserressourcen zu übernehmen, um ausgedehnte Siedlungen für sich zu bauen. Dieses Recht wird nicht nur den PalästinenserInnen in Hebron oder den Flüchtlingen in Jaffa verweigert, die jetzt im Flüchtlingslager in Jabalya leben, sondern genauso den EinwohnerInnen von Nazareth und Sakhnin, die israelische StaatsbürgerInnen sind.    

Aber das Recht auf Bewegungsfreiheit innerhalb des Gebiets und die Grundrechte, die sich daraus ableiten - das Recht, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, zu studieren und kulturelle Verbindungen zu entwickeln - eröffnen die Möglichkeiten von Entwicklung und Fortschritt für Menschen, sowohl als Individuen als auch als Gesellschaft. Die Erfahrung von Expansion entschädigte für die Leere, die die israelische Politik der Diskriminierung geschaffen hatte.

Für etwa ein Vierteljahrhundert der Besatzung, kamen Verwandte und EinwohnerInnen derselben Dörfer wieder zusammen. Menschen aus Galiläa und vom Gaza-Streifen studierten zusammen in Bildungseinrichtungen der West Bank und in Jerusalem, entwickelten kulturelle und politische Verbindungen und trafen einander in Moscheen und Kirchen; Menschen, die solange mit Schildern "Achtung: Grenze" voneinander getrennt worden waren, arbeiteten nebeneinander in den gleichen Krankenhäusern, denselben Fabriken, den gleichen Märkten, denselben Baustellen und danach in den Firmen, die sie miteinander gründeten; Paare bildeten sich und Kinder wurden geboren, die mit der veränderten Landschaft ihrer Heimat nicht durch sehnsuchtsvolle Lieder vertraut waren, sondern viel eher durch Besuche bei den Verwandten.   
                                            
Tatsächlich, das Recht im Heimatgebiet miteinander zu leben, wurde nicht nur den Flüchtlingen von 1948, sondern auch den neuen Flüchtlingen von 1967 verweigert: Etwa 240.000 Menschen, BewohnerInnen der West Bank und des Gaza-Streifens, die vertrieben wurden und geflohen waren, weil sie die Kämpfe fürchteten und ungefähr 60.000 weitere, die außer Landes waren, als der Krieg ausbrach. Der junge Staat, zu dieser Zeit lediglich 19 Jahre alt, agierte als ob er schon reif und erfahren wäre: Er beeilte sich, der überwiegenden Mehrheit den Wohnsitz-Status auf ihrem Land zu verweigern. Mit Hilfe zahlreicher Tricks verwehrte er auch weiteren 100.000 Personen, die nach 1967 zur Arbeit oder um zu studieren außer Landes waren, das Wohnrecht, und zwar mit einer Geschicklichkeit, die ein anderes Glied in der Kette der Enteignung bildete, das 1948 begann und dem wir bis zum heutigen Tag noch kein Ende bereitet haben.    

Aber es war erst das 24. Jahr der Besatzung, in dem Israel, den stärkenden "Fehler" von 1967 zu "korrigieren" begann: Wenn die Besatzung bis dahin durch den Diebstahl von Land (und Wasser) charakterisiert werden kann, war sie nun auch durch den Raub palästinensischen Landes gekennzeichnet. Der Beginn war 1991, als Israel zwei Arten von Gebieten zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan kreierte: ein hervorragendes, offenes, entwickeltes und verbessertes Gebiet für JüdInnen und ein zerstörtes Gebiet, verschlechtert durch eine beabsichtigte Des-Entwicklung für die PalästinenserInnen.    

Diese radikale Veränderung begann im Jänner 1991, als Israel das Recht aller PalästinenserInnen auf Bewegungsfreiheit im gesamten Land widerrief und ein System von Berechtigungen für einen begrenzten Zeitraum einrichtete, die nur sparsam an eine Minderheit vergeben wurden. Zuerst wurden die BewohnerInnen von Gaza von allen anderen Gebieten  abgeschnitten. Danach kamen die Einwohnerinnen der West Bank an die Reihe. Später der beschleunigte Aufbau der jüdischen Siedlungen und der Bau der Umfahrungsstrassen in der West Bank (alles unter dem Deckmantel des "Friedensprozesses"), die den nördlichen Teil der West Bank von seinen südlichen Teilen abschnitten und die Dörfer und Kleinstädte mehr und mehr von ihrem Landbesitz entfernten.   

Nach und nach schränkte Israel auch die Bewegungsfreiheit der nicht-jüdischen BürgerInnen des Staates im Gebiet ein und verbot ihnen den Zutritt zum Gaza-Streifen (ab 1994) und danach ebenso zur West Bank (ab 2000). Und so kommen wir in der Gegenwart an: ein Archipel von dutzenden kleiner und zusammengeschrumpfter Enklaven, die voneinander abgeschnitten sind und deren Abstand voneinander noch weiter wächst.    

Deshalb ist es kein Wunder, dass es eine Nostalgie nach der Besatzung von vor 1991 gibt!    

*) amira@haaretz.co.il

Übers.: Tina Salhi

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