Rede Nurit Peled-Elhanans*) bei der Demonstration in Tel Aviv anlässlich 40 Jahre Besatzung. Kibush-Occupation Magazine, 9. Juni 2007, engl. Übers. von Mark Marshall
Guten Abend. Es ist mir eine große Ehre auf dieser Bühne neben meinem Freund und Bruder Bassam Aramin zu stehen, neben einem Mann des palästinensischen Friedenslagers, eines der Begründer der 'Kämpfer für den Frieden'-Bewegung, in der zwei meiner Söhne sind, Alik and Guy. Erst letzte Woche, am Dienstag in Anata und am Mittwoch in Tul Karem, ist es der 'Kämpfer für den Frieden'-Bewegung gelungen, zwei grosse Versammlungen zu organisieren und zehntausend PalästinenserInnen für ihr Ziel zu werben - einen gemeinsamen gewaltlosen Kampf gegen die Besatzung durch enge Zusammenarbeit zwischen Israelis und PalästinenserInnen. Gäbe es die rassistischen Gesetze des Staates Israel nicht, könnten die tausenden Menschen heute Abend alle hier bei uns sein, um ein für alle Mal zu beweisen, dass wir einen Partner haben.
Bassam und ich sind beide Opfer der grausamen Besatzung, die dieses Land nun schon seit vierzig Jahren zerstört. Wir zwei sind heute Abend hierhergekommen, um das Schicksal dieses Ortes zu beklagen, der unsere zwei Töchter - Smadar - die Knospe der Frucht [1] und Abir - Blumenduft [1], die in einem Zeitraum von zehn Jahren ermordet wurden, zehn Jahre, in denen sich dieses Land mit dem Blut der Kinder gefüllt hat und das unterirdische Königreich der Kinder, auf das wir Tag für Tag und Stunde für Stunde treten bis zum Überfluß angewachsen ist.
Aber was Bassam und mich verbindet, ist nicht 'einfach' der Tod, zu dem uns die Besatzung verurteilt hat. Was uns vereint, ist vor allem Vertrauen und die Absicht, die Kinder, die uns geblieben sind, so großzuziehen, dass sie nie mehr korrupten, habgierigen und machthungrigen PolitikerInnen und Generälen, die nach Blut und Unterwerfung dürsten, erlauben werden, über ihr Leben zu bestimmen und sich gegeneinander aufhetzen zu lassen. Sie werden es nicht zulassen, dass der Rassismus, der sich in diesem Land ausgebreitet hat, sie vom Weg des Friedens und der Geschwisterlichkeit abbringt, den sie für sich selbst gefestigt haben. Weil allein die Geschwisterlichkeit die Mauer des Rassismus niederreissen kann, die vor unseren Augen gebaut wird.
Es sind nun vierzig Jahre, in denen Rassismus und Grössenwahn unser Leben diktiert haben. Vierzig Jahre, in denen über vier Millionen Menschen die Bedeutung von Bewegungsfreiheit nicht mehr kennen. Vierzig Jahre, in denen palästinensische Kinder als Gefangene in ihren Häusern geboren und groß gezogen werden, in ihren Häusern, die die Besatzung in ein Gefängnis umfunktioniert hat, von vornherein aller Rechte beraubt, auf die menschliche Wesen, weil sie Menschen sind, Anspruch haben. Vierzig Jahre, während denen israelische Kinder in Rassismus einer Art unterrichtet werden, die in der zivilisierten Welt jahrzehntelang unbekannt war. Vierzig Jahre, während denen sie gelernt haben, die Nachbarn zu hassen, nur weil sie Nachbarn sind, sie zu fürchten, ohne sie zu kennen, ein Viertel der Bürgerinnen und Bürger des Staates als demographische Gefahr und als Feind von Innen zu sehen und sich zu den BewohnerInnen der Ghettos, die von der Politik der Besatzung geschaffen wurde, als zu einem Problem, das gelöst werden muß, zu beziehen. Es ist nur sechzig Jahre her, in denen Jüdinnen und Juden Ghetto-BewohnerInnen waren und in den Augen ihrer UnterdrückerInnen als ein Problem gesehen wurden, das gelöst werden mußte. Es ist nur sechzig Jahre her, in denen Jüdinnen und Juden hinter schrecklichen Betonmauern und elektrischen Zäunen verbannt waren, die von strammen bewaffneten Figuren bemannten Wachtürmen überragt wurden und die um die Möglichkeit zu leben oder ihre Kinder in Würde großzuziehen gebracht worden waren. Es ist nur sechzig Jahre her, als der Rassismus seinen Preis vom jüdischen Volk forderte. Heute herrscht der Rassismus im jüdischen Staat, trampelt auf der Menschenwürde herum, raubt ihnen die Freiheit und verdammt uns alle zu einem Leben wie in der Hölle. Es sind nun vierzig Jahre, in denen das jüdische Haupt unaufhörlich in Verehrung des Rassismus gebeugt wird, während sich der jüdische Verstand die kreativsten Arten ausdenkt, um dieses Land zu verwüsten, zu vernichten und zu zerstören. Das ist es, was von der 'jüdischen Genialität' übrig geblieben ist, die israelisch geworden ist. Jüdisches Mitgefühl, jüdisches Erbarmen, jüdische Weltbürgerschaft, Liebe zur Humanität und Respekt für die anderen sind schon lange in Vergessenheit geraten. Ihren Platz forderte der Rassismus. Es war allein Rassismus, der einen Grenzpolizisten dazu gebracht hat, den Abzug in seinem gepanzerten Fahrzeug zu ziehen und auf den Kopf der kleinen Abir zu schiessen, als sie aus Angst vor dem Militärfahrzeug an der Mauer ihrer Schule kauerte, vor diesem Militärfahrzeug, das in den Schulhof hineingeplatzt war, als ob er ihm gehörte. Es ist allein Rassismus, der die Bulldozer-Fahrer dazu motiviert, Häuser über den Köpfen ihrer BewohnerInnen zu demolieren, Weingärten und Felder zu zerstören und jahrhundertealte Olivenbäume zu entwurzeln. Allein der Rassismus kann Strassen erfinden, auf denen der Verkehr auf Rassenbasis eingeordnet wird, und es ist allein Rassismus, der unsere Kinder dazu motiviert, Frauen zu demütigen, die ihre Mütter sein könnten und alte Menschen bei den üblen Checkpoints zu beschimpfen, gleichaltrige junge Leute zu schlagen, die - wie sie selbst - mit ihren Familien zum Baden ans Meer fahren möchten, und teilnahmslos zuzusehen, wenn Frauen am Strassenrand ihre Kinder gebären müssen. Es ist einzig der reine Rassismus, der unsere besten Piloten dazu bringt, Ein-Tonnen-Bomben auf Wohnhäuser abzuwerfen und es ist einzig der Rassismus, der es diesen Kriminellen dann erlaubt, nachts gut zu schlafen.
Weil Rassismus die Scham ausradiert. Dieser Rassismus hat für sich selbst ein Monument seines Ebenbilds errichtet - das Monument einer abstossenden, unnachgiebigen, bedrohlichen und eingreifenden Mauer aus Beton. Ein Monument, das der ganzen Welt die Vertreibung der Scham aus diesem Land verkündet. Diese Mauer ist unsere Mauer der Scham, sie ist das Zeugnis für die Tatsache, das wir von einem Licht unter den Nationen, zu "einem Objekt der Schande für die Nationen und zum Gespött für alle Länder" [2] geworden sind.
Und heute Abend müssen wir fragen, wohin mit unserer Schande? Wie werden wir die Schande beseitigen? Aber zuallererst, wie kommt es, dass uns die Schande nicht nachts vom Schlafen abhält? Wie können wir zustimmen, dass die Hälfte unserer Gehälter zur Durchführung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit verwendet werden?
Wie ist es geschehen, dass es uns gelungen ist, die Scham auf zwei Kolumnen in der Zeitung einzuschränken und ihr nicht mehr als jene Minuten zu widmen, die wir für die flüchtige, oberflächliche Lektüre der Artikel von Gideon Levy und Amira Hass brauchen, so als wäre das ein Bericht über etwas, das wir schon im Voraus wissen?
Wie ist es geschehen, dass es uns gelungen ist, endloses tagtägliches Leiden, Hunger, Unterernährung, traumatisierte Kinder, Invalidität, Waisentum und Todesfälle in ein entfremdeten Wort zu packen: "Politik"?
Wie kommt es, dass unsere Kinder weiter prahlen und herumstolzieren in den Uniformen der Brutalität, die sie tragen, wenn sie in der Armee der Massaker und der Vernichtung dienen?
Wie kommt es, dass all die glanzvollen Institutionen auf der Welt daneben stehen und nicht das Geringste tun können, um ein Kind vor dem Tod zu bewahren oder einen Betonblock aus der Mauer der Schande zu entfernen? Wie kommt es, dass all die Friedens- und Menschenrechtsorganisationen nicht dazu fähig sind, die Jeeps der Grenzpolizisten zu stoppen, die daherkommen, um Schulkinder in Schrecken zu versetzen und zu töten oder einen Bulldozer dabei zu stoppen, ein Haus über den Köpfen seiner BewohnerInnen zu demolieren oder einen Olivenbaum vor der Zerstörung zu retten oder ein Schulmädchen, das ihren Schulweg verfehlt hat und sich vor den Zielfernrohren der Besatzungssoldaten wiederfindet?
Eine der Antworten auf diese Fragen lautet, dass der Staat Israel dazu fähig ist, die ganze Welt zu paralysieren und zum Verstummen zu bringen, weil es den Holocaust gegeben hat. Der Staat Israel hat eine Benehmigung erworben, eine ganze Nation zu missbrauchen, weil es Antisemitismus gibt. Der Staat Israel bringt - ökonomisch, sozial und menschlich - die existenzielle Katastrophe über seine BürgerInnen und über seine 'Untertanen' und niemand wagt es, das zu stoppen, weil es damals Hitler gegeben hat. Und all das geschieht, während die Überlebenden des Holocaust an der Schande des Hungers in diesem Land leiden.
Heute Abend müssen wir die Welt um Hilfe rufen, um die Schande loszuwerden. Heute Abend müssen wir der Welt erklären, falls sie die Israelis und PalästinenserInnen vor einem unmittelbar bevorstehenden Holocaust retten will, der uns alle bedroht, ist es notwendig, die Politik der Besatzung zu verurteilen, die Herrschaft des Todes muss augenblicklich beendet werden. Alle Kriegsverbrecher, die ihre Uniformen wegräumen und aufbrechen, um in der Welt herumzureisen, müssen verhaftet, geprüft und gefangengehalten werden, statt ihnen zu erlauben, die Freuden der Freiheit zu geniessen, während sie noch eine klingende Kassette voller Kriegsverbrechen hinter sich herschleppen.
Und für uns ist die Zeit gekommen, damit aufzuhören, unsere Kinder an Bildungseinrichtungen auszuliefern, die ihnen falsche und rassistische Werte einpflanzen und sie lehren, dass sich ihr Beitrag für die Gesellschaft mit dem Missbrauch und der Ermordung von anderer Leute Kinder zusammenfassen lässt. Für uns ist die Zeit gekommen, ihnen zu erklären, dass die Lokalbevölkerung dieses Ortes nicht - wie es in ihren Schulbüchern steht - in JüdInnen und Nicht-JüdInnen getrennt ist, sondern in Menschen, die trotz allem in Ruhe und in Frieden leben möchten, Menschen wie Bassam Aramin und viele andere wie er, die mit uns heute hier stehen würden - wären da nicht die rassistischen Gesetze, die ihre Bewegungsfreiheit einschränken und Leute, die ihre Humanität verloren haben und Gefallen an Zerstörung und Verwüstung finden. Und für uns ist auch die Zeit gekommen, unseren Kindern zu sagen, wo sie leben.
Heute, während es der gesamten zivilisierte Welt gefällt, das palästinensische Bildungssystem zu verleumden und zu beschmutzen, gibt es kein Schulbuch in Israel, in dem auch nur ein Bild eines Palästinensers oder einer Palästinenserin als übliche moderne Person zu sehen ist. Es gibt kein Schulbuch in Israel, in dem eine Landkarte abgebildet ist, die die wahren Grenzen des Staates zeigt. Es gibt kein Schulbuch in Israel, in dem das Wort "Besatzung" auftaucht. Unsere Kinder sind in der Besatzungsarmee zwangsverpflichtet, ohne den Ort, in dem sie leben zu kennen und ohne etwas von seiner Geschichte und seinen Menschen zu wissen. Sie treten voller Hass und Angst in die Armee ein. Unsere Kinder werden dazu erzogen, jede und jeden, der nicht jüdisch ist als Goy, als den Anderen zu sehen, der uns Generation für Generation zu zerstören sucht. Dieses 'Bildungswesen' macht es dem Militärapparat leicht, Kinder in Monster zu verwandeln.
Deshalb ist der einzige Weg unsere Kinder davor zu bewahren, Werkzeuge in den Händen der Zerstörungsmaschinerie zu werden, sie die Geschichte dieses Ortes zu lehren, für sie seine Grenzen aufzuzeichnen, ihnen dabei zu helfen, die Nachbarn kennenzulernen, ihre Kultur, ihre Gebräuche, ihre Freundlichkeit und ihre Rechte auf das Land, auf dem sie leben und viele Generationen gelebt haben, bevor die zionistischen PionierInnen im gelobten Land Israel angekommen sind. Und vor allem sie zu lehren, sich weder dem Staat zu unterwerfen, noch seine Autorität zu respektieren, weil dieser Staat von kleinen Dieben und gemeinen Opportunisten regiert wird, die ihre sexuellen und anderen Triebe, sogar in besonders schweren Zeiten nicht kontrollieren und dieses Land nach den Gesetzen der Mafia führen. Du ermordest einen meiner Leute - ich ermorde hundert von deinen. Wirfst du eine selbst gebastelte Bombe auf mich - so lasse ich hundert der kompliziertesten und besonders zerstörerischen Bomben auf der Welt auf dich abwerfen, die von dir und deiner Familie oder deinen Nachbarn nicht die geringste Spur hinterlassen werden. Verbrennst du eines meiner Autos, so verbrenne ich eine deiner Städte. Das ist die Logik der kriminellen Welt.
Heute Abend müssen wir an diejenigen denken, die im nächsten Jahr zum Tode verurteilt werden und an die, die dazu verurteilt sind, dem Verbrechen unter dem Mantel des Gesetzes und der Uniform zu verfallen. Wir müssen sie alle retten. Wir müssen ihnen allen beibringen, keinen Befehlen zu gehorchen, die, sogar wenn sie nach den rassistischen Gesetzen dieses Staates legal sein sollten, offenkundig unmenschlich sind.
Und vor allem müssen wir heute Abend für einen Moment innehalten, wir alle, und in das Gesicht der kleinen Abir Aramin sehen, die von hinten in den Kopf geschossen wurde, deren Mörder in diesem Land niemals einem Urteil entgegensehen müssen und die nie in einem entsprechenden Maß dafür bestraft werden, und uns selbst fragen,
wieso zerriss diese Blutspur das Blütenblatt ihrer Wange.[3]
[1] Die wortwörtliche Bedeutung der Mädchennamen in hebräisch und arabisch.
[2] Ezekiel 22:4.
[3] Anna Akhmatova
*) Dr. Nurit Peled-Elhanan (Universitätsdozentin, Sacharow-Preisträgerin 2001) ist Mutter von Smadar Elhanan, die 13jährig im September 1997 in Jerusalem bei einem Selbstmordattentat getötet wurde. Nurit Peled-Elhanan und ihre Familie sind Mitglieder der 'Palästinensischen und israelischen hinterbliebenen Familien für Frieden (Palestinian and Israeli Bereaved Families for Peace). Ihre zwei älteren Söhne sind Aktivisten in den Friedensorganisationen der Refusniks (Wehrdienstverweigerer) und Kämpfer für den Frieden (Combatants for Peace), einer Bewegung von palästinensischen und israelischen Ex-Soldaten.
Übers. von Tina Salhi
