Genug der Verwirrung. [Die IDF und die Straffreiheit]. Von Gideon Levy, Ha'aretz, 6. Mai 2007   

 

Der Bretzelmann bot drei Stück für 10 Schekel an. Auf seiner Kiste klebte "Wahlen jetzt",  offensichtlich dachte er, das würde seine Verkäufe fördern. Der Protest des Händlers unterschied sich nicht von dem zehntausender Israelis, die schließlich ihre Häuser, Wohnungen und ihre Gleichgültigkeit hinter sich gelassen hatten und heraus auf den Platz kamen. Mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner in der Stadt - "Olmert, go home" - drückten sie ihre Verwirrung und ihren Richtungsverlust aus. Obwohl dieses verspätete Erwachen Lob verdient, verdient sein Inhalt Tadel.   

 

Die DemonstrantInnen bescheinigten es als 100.000 ZeugInnen: die israelische Gesellschaft sucht die verlorene Münze weiter unter der Laterne und nicht am richtigen Ort. "Wir sind eine Herde auf der Suche nach einem Hirten," sagte die Moderatorin des Events, Osnat Vishinsky, deren Sohn im Gazastreifen getötet wurde, damit bezeichnete sie treffend die hirtenlose Herde von DemonstrantInnen, die sich noch bis gestern in das Schweigen der Lämmer gehüllt hatten oder in Hurra-Rufe für den Krieg ausgebrochen sind, und die nun ihren Worten applaudierten.      

 

Was wollten die Massen? "Olmert, go home". Ist das das Ziel oder nur ein Mittel? Und wenn Olmert nach Hause geht, was wird dann genau passieren? Nicht ein Wort wurde darüber verloren. Die Reihen müssen erhalten bleiben. Das trifft auch für den anderen vereinigenden Slogan "Wahlen jetzt" zu. Und was passiert nach den Wahlen? Der Oppositionsführer des Likud MK [1] Benjamin Netanyahu. Ein Premierminister Ehud Olmert wird durch einen anderen Premierminister, der ihm gleicht, ersetzt. Ist es das, was diese Menschenmenge will?     

 

Als über Lautsprecher "Die Winterkinder von 1973" gespielt wurde, war es unmöglich, sich nicht an eine frühere Demonstration zu erinnern: "Kerzen-Jugend" [2] auf dem Platz, wie sie Gedenkkerzen anzündeten, weinten und sangen, ohne irgendetwas zu sagen. "Eine ganze Generation will Frieden" und was hat diese Generation getan? Sie hat Kerzen angezündet. Aber  genauso möglich ist es, sich an diesen Platz zu erinnern, wie leer er während der 33 Kriegstage war, zu einer Zeit, als es möglich und notwendig gewesen wäre, hinauszugehen, dagegen zu demonstrieren und es noch zu schaffen und etwas zu retten. Aber damals kam kaum irgendwer, außer einer handvoll Couragierter der radikalen Linken.     

 

Dieser Protest ist genauso hohl wie die Führung, gegen die er sich richtet. Hinterbliebene Eltern betrauerten ihre Kinder von der Bühne aus, aber niemand macht einen Vorschlag, wie der nächste Krieg vermieden werden kann. Eine Massendemonstration, die dazu aufgerufen hätte, Friedensgespräche mit Syrien zu führen, die Besatzung zu beenden oder positiv auf die saudiarabische Initiative [3] zu reagieren, könnte tatsächlich das Morden verhindern, aber das gehört nicht zu den Zielen dieses oberflächlichen Protests. Dazu ist Mut erforderlich und da kommen die Massen nicht. "Steaks für die Luftwaffe, aber kein Wasser, keine Waffen und keine Munition für die Infanterie" ist auf einem Plakat zu lesen und drückt das Gefühl aus, das hier mehr als alles andere zu spüren ist: der letzte Krieg wurde nicht ordentlich geführt. Wenn er nur ordentlich geführt worden wäre, wenn nur wir getötet hätten und nicht getötet worden wären, gäbe es keine Demonstration.    

 

Warum, zum Beispiel, gibt es keinen Protest gegen die Streitkräfte (IDF = Israel Defense Forces)? Immerhin, der Winograd Report [4], dem hier zugejubelt wird, hat ermittelt, das der Stabschef und die IDF die Regierung mit falschen Versprechungen über den Krieg an der Nase herumgeführt haben. Aber die IDF steht über jedem Protest. Warum? Und warum gibt es keinen Protest gegen den Einsatz von Krieg als erstem Mittel in Israels Arsenal an Antworten? Warum gibt es keinen Protest gegen die Zerstörung und das Morden, das wir im Libanon gesät haben? Oder gegen das Image von Israel als kriegstreiberischem Staat, der von seinem Schwert lebt?   

 

Bei dieser Demonstration wurde kein realer Zorn hervorgekehrt, und sogar die Einheit, die sich zeigte, war ein klebriges Trugbild. Der Meretz MK Yossi Beilin und MK Effie Eitam von der National Union-Nationalreligiösen Partei vereint im Aufruf auf den Platz zu kommen, ein weiterer Schwindel-Aufruf zur Versöhnung, weil es nichts gibt, was diese Zwei vereinen könnte, nicht einmal tausende von "Olmert, go home"-Rufe. Die OrganisatorInnen wollten eine Demonstration "ohne PolitikerInnen" und mit wem bleiben wir da zurück? Mit Uzi Dayan, selber ein Politiker, der bei den Wahlen gescheitert ist? Und vielleicht mit Arcadi Gaydamak, einem weiteren "Opponent von PolitikerInnen"?     

 

Wie leicht ist es gegen PolitikerInnen und für das Volk zu sein, und wie gefährlich. Mit dieser Begründung erhoben sich die finstersten Bewegungen in der Geschichte. Vielleicht aber wurde auf dem Platz in der Stadt der Beginn eines öffentlichen Erwachens geboren, nach den langen, verwünschten Jahren im Koma. Das sollte willkommen geheißen werden. Aber das Problem ist, dass sich Olmert bei einem solchen schlaffen, verwirrten und verspäteten Protest ruhig weiter in seinem Sessel plagen kann. Und sogar falls nicht, na und?    

 

 

Übers. von Tina Salhi

 

Anmerkungen der Übersetzerin:

 

[1] MK = Knesset Member = Abgeordneter des israelischen Parlaments

[2] Kerzen-Kundgebungen, vor allem von Jugendlichen, 1995 anlässlich der Ermordung Yitzhak Rabins am Tel Aviv-Platz, dem Platz, der später nach ihm benannt wurde.

[3] Die saudiarabische Initiative ("Saudi Initiative") strebt einen Frieden zwischen Israel und allen arabischen Nachbarn an. Die Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts ist hier zwar ein zentrales Kapitel, doch nicht das einzige.

[4] Winograd-Report oder Winograd-Bericht: Bericht der Kommission, die am 17. September 2006 mit Beschluß der israelischen Regierung eingesetzt wurde, um den am 12. Juli 2006 begonnenen Libanon-Krieg zu untersuchen. Sowohl die Kommission als auch der Bericht wurden nach ihrem Vorsitzenden, dem Richter Elijahu Winograd, benannt.

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