Ellen Rohlfs (Hrsg.): "NIE WIEDER!"? Was geschieht eigentlich hinter der Mauer in Palästina? "Nur" Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Schleichender Völkermord? Dokumentation. Vorwort von Hajo Meyer. Selbstverlag 2007. Zu beziehen bei der Autorin (Ellen.Rohlfs@freenet.de) gegen eine Schutzgebühr von 10 Euro (einschließlich Verpackung und Versand)    

Was geschieht eigentlich hinter der Mauer in Palästina?   
Ellen Rohlfs hat eine Dokumentation vorgelegt.    

Viele Menschen im deutschsprachigen Raum sind sich unsicher über das Geschehen in Israel und Palästina. Ellen Rohlfs war über zwanzigmal im Konfliktgebiet und hat in den letzten drei Jahren zahllose englischsprachige Nachrichten, Kommentare und Dokumente ins Deutsche übersetzt. Die meisten davon waren bisher nur im Internet zugänglich. Rohlfs hat jetzt Teile davon in Auszügen drucken lassen.   

Rohlfs' Dokumentation zeigt: Lange vor Gründung Israels leugneten die Zionisten die Existenz eines palästinensischen Volkes. Sie dehumanisierten, diskriminierten und dämonisierten die Palästinenser. Heute haben die Palästinenser keine Menschenrechte, kein Recht auf Hausbau, kein Recht auf die eigenen Ressourcen, kein Recht auf Arbeit oder Lebensunterhalt. Man kann sie verletzen, man kann sie töten.   

Die Herausgeberin und Autorin hat der Dokumentation Überlegungen zur Definition von Völkermord und zur Berechtigung vorangestellt, das Thema zu behandeln und Partei zu ergreifen. Sie hat eigene Gedichte und Prosa dazwischen gestellt. Einige vollständige Aufsätze sind angefügt: so vom jüdisch-israelischen Historiker Ilan Pappe, von Uri Avnery und von der palästinensischen Frauenrechtlerin Lama Hourani; und das von Michel Warschawski in Givat Olga im Jahre 2004 mitunterzeichnete Olga-Dokument.   

Wie Warschawski, so ist auch Rohlfs überzeugt: Die israelischen Verbrechen gegen die Palästinenser fachen den palästinensischen Widerstand immer wieder an. Sie schüren den inzwischen weltweiten Haß auf die israelische Regierung und ihre Parteigänger und zerrütten den jüdischen Teil der israelische Gesellschaft.   

Zweifler können die Karte vom Verlauf der israelischen Mauer innerhalb des palästinensischen Westjordanlandes aufschlagen, die den Band abschließt. Sie ist das sichtbarste jüdisch-israelische Instrument zum schleichenden Völkermord an den Palästinensern.   

T:I:S, 2. April 2007

http://www.steinbergrecherche.com/levante.htm

19.03.2007 / Politisches Buch / Seite 15
Neu erschienen: "Nie wieder!". Von Ernst Herbst

Ellen Rohlfs, Lesern dieser Zeitung als unermüdliche Übersetzerin von Texten des israelischen Friedensaktivisten Uri Avnery bekannt, hat ein neues Buch vorgelegt. "Nie wieder?" fragt die Autorin im Titel, und "Was geschieht eigentlich hinter der Mauer in Palästina?". Damit verstößt sie schon gegen die political correctness, denn man sagt nicht "Mauer". Vergleiche sind bei Zionisten unerwünscht, und die knapp vier Meter hohe "Berliner Mauer" sollte man wirklich nicht mit dem acht Meter hohen "antiterroristischen Schutzzaun" vergleichen. Die dritte Frage dürfte Ellen Rohlfs jede Chance auf eine Einreiseerlaubnis in den Staat Israel nehmen: "'Nur' Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder schleichender Völkermord?"    

Die Autorin nennt ihre Broschüre "Eine Dokumentation", sie bietet aber mehr als dies. Die Arbeit ist in drei Teile gegliedert. Im ersten findet der Leser eine umfangreiche Auflistung der Verstöße Israels gegen das Völkerrecht und eine Auseinandersetzung mit der Frage, ob der Terminus "Völkermord" für die israelische Politik der Vertreibung, Diskriminierung, Unterdrückung und schleichenden Ausrottung der Palästinenser zutrifft. Im zweiten Teil sind Beiträge israelischer, palästinensischer und jüdischer Autoren bzw. Organisationen gesammelt. Im dritten Teil stellt Ellen Rohlfs eigene Arbeiten vor: neben Gedichten zwei Texte: "Von Mauern und Zäunen" (2003) und "Gedanken nach dem Massaker von Hebron und zum Weltgebetstag der Frauen, 1994".    

Man kann das Buch nicht ohne Bewegung lesen. Auch wenn man fast alltäglich aus Quellen, die nicht der mehr oder weniger freiwilligen Selbstzensur unterworfen sind, vom Leiden der Palästinenser und von dem ungleichen Kampf zwischen ihnen und ihren Besatzern liest, ist man aufs neue schockiert von der kommentierten Zusammenfassung – und mehr noch das Verschweigen, die stillschweigende Billigung oder gar die lautstarke Rechtfertigung der Politik Israels in der Bundesrepublik.    

http://www.jungewelt.de/2007/03-19/008.php

 

Helga Baumgarten
Hamas. Aus dem palästinensischen Widerstand in die Regierung
Diederichs Verlag, München 2006, ISBN 3-72052-820-0, Gebunden, 256 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext:
Die Hamas entstand 1987 mit der palästinensischen Intifada. Sie trat bewusst als Gegenpol zur PLO auf: Hamas lehnte das Existenzrecht Israels ab, verweigerte eine friedliche Koexistenz mit dem jüdischen Staat und vertritt bis heute offiziell das Recht auf den bewaffneten Widerstand. Derzeit hält Hamas aber eine Waffenruhe ein, führende Köpfe sprechen sich sogar für eine Zweistaatenlösung aus. Helga Baumgarten zeigt, was die Wahl der Hamas für den Nahen und Mittleren Osten, aber auch für die westliche Welt bedeutet. Auszüge aus der Hamas-Charta und das komplette Wahlprogramm finden sich im Anhang des Buches erstmals in deutscher Sprache.

Prof. Dr. Helga Baumgarten ist Spezialistin für arabische Widerstandsbewegungen. Soeben ist von ihr das erste und bisher einzige Buch im deutschsprachigen Raum erschienen, das sich so umfassend mit der palästinensischen Hamasbewegung beschäftigt. Helga Baumgarten lehrt an der Universität Birzeit bei Jerusalem und erlebt die Politik von Hisbollah, Hamas und israelischer Besatzungsmacht hautnah mit.

REZENSION VON John Bunzl in: DER STANDARD, 28.10.2006, Seite ALB 6, Album

Gleiches mit Gleichem vergelten

Helga Baumgarten versucht in ihrem Buch über die Hamas Extreme zu vermeiden
Von John Bunzl

Wie jedes soziale Phänomen ist auch die Hamas (Abkürzung für: islamische Widerstandsbewegung; das Wort bedeutet "Eifer") in einem bestimmten historischen und sozialen Kontext entstanden, sie ist nicht vom "Himmel" gefallen. Es gibt zwar ein ideologisches Substrat, das auf Hassan al-Banna zurückgeht, der 1928 die "Muslimbrüder" in Ägypten gründete, aber erst die 1. Intifada (ab 1987) hat die palästinensischen "Brüder" politisiert und erst zur Hamas gemacht. Helga Baumgarten zeichnet diesen Prozess nach, indem sie die Geschichte vor und nach der israelischen Staatsgründung, vor und nach der 1. Intifada, vor und nach "Oslo" (1993), vor und nach "Camp David" (2000) schildert und auch die Beziehungen rekonstruiert, die Israel zu dieser Bewegung unterhielt, bevor sie zur Inkarnation des Bösen mutierte. Diese Veränderungen gehen einher mit der ideologischen Positionierung der Islamisten von einem "Purismus" bis zu einem (relativen) Pragmatismus, einer Entwicklung, die zuvor die PLO/Fatah Arafats selbst durchlaufen hatte. Aus der Darstellung wird klar, dass die Hamas zu einem bedeutenden Teil des palästinensischen Widerstands gegen Okkupation und Entrechtung wurde, in der Gesellschaft verankert ist und letztlich ein auf Palästina beschränktes Programm der nationalen Befreiung verfolgt. Darin unterscheidet sie sich grundlegend von Djihadisten des Typs Al-Kaida, die weder eine gesellschaftliche Basis noch eine nachvollziehbare politische Programmatik aufweisen und in ihrer Version eines globalen "Clash of Civilizations" aufgehen. Dennoch wird die Hamas (bisher erfolgreich) in ein Schema gepresst, das sie zu einen legitimen Objekt des "Kriegs gegen den Terror" erklären soll.

Natürlich kommen einige Elemente der Theorie und Praxis der Hamas dieser Definition entgegen. Das hier zu besprechende Buch klammert sie nicht aus. Es handelt sich im Wesentlichen um antisemitische Rhetorik, Selbstmordattentate und die Frage der Anerkennung Israels. Tatsächlich enthält das Gründungsdokument der Hamas (die Charta von 1988) krude Anleihen bei den "Protokollen der Weisen von Zion." Ohne diese zu entschuldigen, erklärt Helga Baumgarten diese Anleihen mit einem Bedürfnis nach einer kosmischen Vergrößerung des Feindes (Weltherrschaft), um die Niederlagen seit 1948 erträglicher zu machen. Dazu kommen noch antijüdische Elemente aus der islamischen Tradition, die sich zu einem unappetitlichen Amalgam vermischen.

Was die Selbstmordattentate betrifft, die von der Autorin verurteilt werden, sind sie weniger solchen Amalgamen als einer kaum vorstellbaren Repression, Ohnmacht und Erniedrigung entsprungen, die für einen Augenblick aufgehoben werden soll. Da die israelischen Kollektivstrafen und gezielten Tötungen vor allem Unschuldige treffen, schwinden die moralischen Barrieren "Gleiches mit Gleichem" zu vergelten. Was die "Anerkennung" Israels betrifft, herrscht Unklarheit. Die Äußerungen von Hamas-Vertretern schwanken zwischen einer unzweideutigen Ablehnung dieser Forderung bis zum Vorschlag einer "Hudna", eines nahezu unbefristeten Waffenstillstands. Die gegenwärtige Führung kritisiert die Fatah, für die Anerkennung keine Gegenleistung bekommen zu haben. Also scheint dieser Schritt unter bestimmten Voraussetzungen denkbar. Ob wir damit einer Lösung des Palästina-Konflikts näher kommen würden, hängt jedoch keineswegs nur von der Hamas ab. Für jeden, der sich ernsthaft mit dem Islamismus in Palästina auseinander setzen will, sei das Buch von Helga Baumgarten nachdrücklich empfohlen.

Helga Baumgarten, "Hamas. Aus dem palästinensischen Widerstand an die Regierung".  256 Seiten. Diederichs, München 2006. 20,60 Euro

Felicia Langer: Die Entrechtung der Palästinenser - 40 Jahre israelische Besatzung. Lamuv Verlag*)

Felicia Langer, mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnete israelische Menschenrechtsanwältin, blickt zurück auf 40 Jahre systematische Entrechtung der Palästinenser durch den Staat Israel. Dabei verknüpft sie bewegende persönliche Rückschau mit scharfsinniger politischer Analyse.

Eindringlich fordert die mit einem Holocaust-Überlebenden verheiratete Friedensaktivistin wirksamen Druck auf Israel, so wie er einst mit Erfolg im Falle des südafrikanischen Apartheidsystems ausgeübt wurde. Denn solange das Martyrium der Palästinenser andauere, rutschten, so die Autorin, auch ihre eigenen Landsleute, die Israelis, immer näher an den Abgrund.

In diesem Sinne verlangt Felicia Langer ein sofortiges und vollständiges Ende der israelischen Besatzung. Sie will einen gerechten Frieden für die Palästinenser, die Israelis, die Region und die ganze Welt. Dafür reist sie, inzwischen 75-jährig, quer durch Deutschland und streitet für Solidarität mit den Entrechteten, und mit diesem Ziel vor Augen schrieb sie auch dieses Buch: ein leidenschaftliches Plädoyer für ein Ende des himmelschreienden Unrechts, von dem der Westen nichts wissen will.

*)
im Oktober 2006 erschienen, ISBN: 3-88977-680-9, Broschiert: 240 Seiten.

Rupert Neudeck Ich will nicht mehr schweigen. Über Recht und Gerechtigkeit in Palästina. Mit einem Vorwort von Norbert Blüm  240 Seiten, Gebunden, Format 14 x 22 cm, EUR 19,95 [D] ISBN 3-937389-73-3
 
Das neue Buch des "Cap-Anamur"-Gründers Rupert Neudeck ist ein bewegendes Zeugnis seiner sehr persönlichen Auseinandersetzung mit Palästina. Auf mehreren Reisen durch das Land erfuhr er die verzweifelte Lage der dortigen Bevölkerung aus erster Hand. Gerade vor dem Hintergrund der Politik Israels lag ihm außerdem eine ehrliche Bestandsaufnahme der deutsch-israelischen Beziehungen besonders am Herzen. Ausgangspunkt seines Buches sind die visionären Gedanken des berühmten jüdischen Philosophen und Humanisten Martin Buber zu einer gerechten Lösung im "Heiligen Land".

"Wir Deutschen sind in unserem ernsten Bemühen Schuld abzutragen, immer wieder in die Freundschaftsfalle Israels hineingetapst", schreibt Neudeck. Wir haben das Urteil Israels über die Palästinenser angenommen, das oft das Urteil von Verachtung ist. Dieses Volk wird seit 39 Jahren durch eine Besatzung gequält! Neudeck verdeutlicht, warum die sklavische Unterstützung der Politik Israels beendet werden muss. Die Trauer und das Entsetzen über den Holocaust ist das eine. Aber die sklavische Unterstützung der Politik Israels ist etwas anderes.

Rupert Neudeck ist seit über 25 Jahren in rastloser Mission für Not leidende Menschen im Einsatz. Er ist Begründer von "Cap Anamur" - einer Bewegung, deren Schiff tausenden von vietnamesischen Flüchtlingen das Leben gerettet hat - und seit 2002 Gründer und Vorsitzender der Hilfsorganisation Grünhelme e.V., die sich für ein friedliches Zusammenleben von Christen, Muslimen und Juden stark macht.

Nachwort des Verlegers Abraham Melzer zum jüngsten Buch von Rupert Neudeck "Ich will nicht mehr schweigen - Über Recht und Gerechtigkeit in Palästina"
[256 - 259]

Als ich das Manuskript von Rupert Neudeck las, wusste ich sofort, dass ich es verlegen werde. Endlich meldete sich jemand, zumal ein prominenter und durch die Medien bekannter Autor, der den Mut hat, gegen die "political correctness" in unserem Land seine Stimme zu erheben: "Ich will nie mehr feige sein", schreibt er und eigentlich schreit es aus ihm heraus.

Was mich in Deutschland erschreckt und zornig macht, ist sein Ungeist, der nicht nur salonfähig geworden ist, sondern den öffentlichen Diskurs dominiert. Wenn ein ehemaliger Bundespräsident Johannes Rau 2004 anlässlich der Berliner KSZE-Konferenz gegen Antisemitismus sagt, dass man Israel zwar wegen seiner Politik kritisieren dürfe, aber, fragt er rhetorisch, naiv, unschuldig: "Muss es denn öffentlich sein?"

Jawohl, Herr Rau, es muss unbedingt öffentlich sein und ich will jeden unterstützen, der sich der fanatischen, blinden und unbegreiflich einseitigen Parteinahme für Israel entzieht. Für mich ist jeder "schuldig", der die Rechte und Würde der Palästinenser ignoriert und das mit den "besonderen Beziehungen" zu Israel rechtfertigt. Gegenüber diesen falschen Freunden möchte ich mein Israel verteidigen. Mein Israel hat es verdient, sachlich und ehrlich kritisiert zu werden, und wer Israels Freund ist, aber auch Freund der Palästinenser, sollte es tun, so wie Rupert Neudeck es in diesem Buch tut. Man spürt zwar auf jeder Seite seine Verzweiflung und seinen Zorn, aber auch seine Liebe zu den Menschen in Israel und Palästina und seine trotz aller Trauer noch vorhandene Hoffnung.

Es ist in diesem Land unerträglich und eigentlich skandalös, dass man von diesen selbsternannten Protectores Judaicae in plumper, diffamierende und oft schon fast existenzbedrohender Art und Weise angepöbelt wird bei dem Versuch mundtot gemacht zu werden, nur weil man eine andere Meinung hat.

Der wirkliche Skandal ist jedoch das Verhalten der politischen Kaste und der Medien, die das Thema Israel und Nahost-Konflikt mit sträflicher Leichtfertigkeit behandeln und zulassen, dass es immer wieder mit Antizionismus und Antisemitismus in Verbindung gebracht wird. Skandalös ist die Tatsache, dass fanatische Israelfreunde jeder relevanten und sachlichen Diskussion aus dem Weg gehen und Israelkritik und Antisemitismus dummdreist gleichsetzen, ohne sich die Mühe zu machen auf sachliche Argumente einzugehen.

Bei einer Debatte über Antisemitismus in Berlin brachten es diese Freunde fertig, den bekannten jüdischen Publizisten Alfred Grosser des Antisemitismus zu bezichtigen, weil er es gewagt hatte zu behaupten: "Es gehe nicht nur um die Politik Israels, es gehe auch um Verbrechen." Eigentlich sprach er damit aus, was auch viele Israelis, selbst führende Vertreter des Establishments, inzwischen offen aussprechen und diskutieren (siehe dazu im Anhang die Beiträge von Avraham Burg und Jossi Sarid).

In Berlin, im Beisein vieler Bundestagsabgeordneter, hochrangiger Beamter aus dem Innen- und Außenministerium sowie namhafter Wissenschaftler, wurde Befremden geäußert, dass Grossers Position "ernsthaft und relevant in diesem Hause diskutiert" würde. So kann nur sprechen, wer Angst vor der Wahrheit hat. Israel kann sich seine Freunde nicht aussuchen. Wir können uns das Recht der freien Rede auch nicht von solchen Claqueuren Israels nehmen lassen. Grossers Argumentation, die man humanistisch und demokratisch nennen könnte, war für die deutschen Parlamentarier und Experten in Sachen "Antisemitismus" unerträglich, peinlich und sogar unanständig, obwohl Grosser sein Recht auf Kritik ausdrücklich mit seiner jüdischen Identität begründete. Da ist dann schnell - auch das ist ein Mangel an Argumentation in der Sache - von "jüdischem Selbsthass" die Rede. Kritiker werden flächendeckend zum Schweigen gebracht. Der eigentliche Skandal aber sind nicht diese Claqueure und falschen Freunde Israels, sondern die deutschen Medien, die diesen Stimmen ein Forum bieten und durch ihre Einseitigkeit auf ein Stück Freiheit der Meinungsäußerung verzichten, das gerade für die Freiheit der Presse unabdingbar ist. Feigheit allerorten.

Wie verunsichert das israelische Establishment ist, haben wir gesehen und gehört, als anlässlich einer Feier im israelischen Parlament - der Knesset - zu Ehren von Daniel Barenboim, die israelische Erziehungs- und Kulturministerin nach der Rede Barenboims geradezu explodierte; der aber hatte nichts anderes gemacht, als aus der israelischen "Magna Charta", der von den Gründungsvätern Israels unterschriebenen Unabhängigkeitserklärung, Passagen vorzulesen, in denen "allen Bürgern ohne Ansehen der Unterschiede ihres Glaubens, ihrer Rasse oder ihres Geschlechts die gleichen sozialen und politischen Rechte" versprochen wurden. Barenboim hatte es nur gewagt, an dieses Versprechen zu erinnern, was aber offensichtlich schon zu viel war. Neudeck schreibt darüber ausführlich in seinem Buch.

Ich bin froh, dass Rupert Neudeck keine Angst hat, in diesem Buch Ross und Reiter zu nennen und den Skandal immer wieder auf den Punkt zu bringen. Wie kommt es, dass es in der politischen Kultur der Bundesrepublik eine geradezu totalitär verfestigte Ideologie zum Thema Israel und Antisemitismus gibt? Ist das die "besondere Verantwortung gegenüber Israel und den Juden", von der Joschka Fischer immer wieder spricht und die ihm am Ende auch einen Dr. h.c. eingebracht hat? Die Juden als Opfer der Deutschen. Wo bleibt dann die besondere Verantwortung gegenüber den Palästinensern? Den Palästinensern als Opfer der Opfer und insofern auch Opfer der Deutschen.

Dieses Buch soll über das Problem der Kritik ein wenig aufklären und allen Menschen Mut machen, sich sachlich, ehrlich und mutig in die Debatte einzumischen. Israel geht uns alle an, denn im Nahost-Konflikt ist auch die Sicherheit Europas, also unser aller Sicherheit, bedroht. Es muss endlich in Deutschland möglich sein, die israelische Politik zu kritisieren, ohne Antisemit zu sein - oder muss man denn wirklich unbedingt ein Antisemit sein, wenn man Israel kritisieren will?

Alles sträubt sich in mir angesichts dieser rassistischen Verallgemeinerung, als seien nicht nur "die Israelis", sondern auch gleich "alle Juden" unmittelbar mit dem israelischen Staat und dessen Politik zu identifizieren. Warum will man mit aller Gewalt diejenigen Juden ignorieren, die laut rufen: "Not in my name!"?

Und last not least: Es soll keiner später sagen, er habe nicht gewusst, was in Israel geschieht. Wer es wissen will, hat genügend Möglichkeiten sich zu informieren, wer es nicht tut, will es nicht wissen.

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Norman G. Finkelstein: Antisemitismus als politische Waffe. Israel, Amerika und der Mißbrauch der Geschichte. Aus dem Amerikanischen von Maren Hackmann.  Titel der Originalausgabe: "Beyond Chutzpa". Vorwort von Felicia Langer.
Ca. 400 Seiten. Gebunden € 19.90 (D)/sFr 34.90
ISBN 3-492-04861-7 [WG 1558]
SP 3580. € 9.90 9 783492 048613
Piper Hardcover
Sachbuch
Erstverkaufstag: 22. März 2006

Gegen den Mißbrauch des Holocaust.
An Norman G. Finkelstein scheiden sich die Geister. Ist er "ein jüdischer Dissident, wie Hannah Arendt zu ihrer Zeit", dessen Bestseller "Die Holocaust-Industrie" die "Wirkung der großen Polemik" hatte (Lorenz Jäger, FAZ), oder ist er nur ein Verschwörungstheoretiker, wie  seine wissenschaftlichen Gegner sagen? Wieder greift er ein heißes Eisen auf: Israel und viele seiner Fürsprecher, besonders in den USA, benutzten den Antisemitismus, so Finkelstein, um die Menschenrechtsverletzungen gegenüber den Palästinensern zu bemänteln, sich gegen Kritik zu immunisieren. Detailliert belegt er, wie der Antisemitismusvorwurf immer dann eingesetzt wird, wenn die aus seiner Sicht berechtigte Kritik am Vorgehen in den besetzten Gebieten zu laut wird. Zu Unrecht sieht die israelische Politik sich als Opfer, sagt Finkelstein. Durch Wahrheit und Klarheit, nicht durch falsche Rücksichtnahme, wird Antisemitismus am wirkungsvollsten bekämpft. Darin unterstützt den Autor die israelische Menschenrechtsanwältin Felicia Langer mit ihrem Vorwort. 

Norman Finkelsteins polemisches Plädoyer gegen die Instrumentalisierung des Holocaust und den Mißbrauch der Geschichte. 

Norman G. Finkelstein, geboren 1953 als Sohn von Holocaust-Überlebenden, wurde berühmt mit seinem Buch "Die Holocaust-Industrie" (SP 3580), das monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste stand. Er tritt seit Jahrzehnten für die Rechte der Palästinenser ein. Seit 2001 lehrt er Politikwissenschaften an der DePaul University in Chicago.

FELICIA LANGER, geboren 1930 in Polen, Überlebende des Holocaust, ging nach dem Krieg nach Israel, wo sie als Anwältin für die Rechte der Palästinenser kämpfte. Sie ist Trägerin des Alternativen Nobelpreises.

Hans-Dieter Schütt: Nicht gegen mein Gewissen. Gespräche mit Felicia Langer erschienen Dezember 2005 - 190 Seiten, Mit Fotos, Paperback - Dietz Verlag Berlin GmbH - ISBN: 3320020714 (EUR 9,90)

Das Interview zeigt eine eindrucksvolle Frau: voller Klarheit, ohne jeden Ansatz zu falschen Kompromissen, auch wenn es sie selbst trifft; ihrer Lebensaufgabe, den Rechten der Palästinenser international Gehör zu verschaffen, nie ausweichend und sie in höchstem Maße zielstrebig verfechtend; ohne Rücksichtnahme auf die eigene Person und Befindlichkeit, als ganzer Mensch mit scharfem Geist und sprühender Emotionalität; dabei gleichzeitig zutiefst empfindsam gegenüber dem Leid und den Schmerzen der Menschen, mitfühlend, mitleidend, aber sich keine eigene Schwäche zugestehend. Ihr Leben und ihre Erfahrungen als Kind im Nationalsozialismus, als Ehefrau und Mutter, vor allem aber als hochpolitischer Mensch, der Verantwortung zu keiner Zeit ablegen kann und will, werden im Gespräch mit Hans-Dieter Schütt eindrucksvoll vermittelt. Deutlich wird: nur der unerbittliche Einsatz des ganzen Menschen bringt Veränderung und Bewegung in die Welt. Dafür sei Felicia Langer gedankt und dafür sei sie verehrt!

Ingrid Rumpf
Vorsitzende des Verein »Flüchtlingskinder im Libanon«
http://www.lib-hilfe.de/

[Klappentext]
Hans-Dieter Schütt: Nun gut, man könnte sagen, Sie haben das Recht auf eine antizionistische Haltung, man betrachte nur Ihre Biographie, Ihre Erfahrungen, und sie greifen Ihresgleichen an. Aber müssen die Deutschen mit jeder Kritik an Israel nicht besonders vorsichtig sein, im Wissen um das, was sie den Juden angetan haben?

Felicia Langer: "Ihresgleichen"? Irrtum, Euer Ehren. Ich habe niemals meinesgleichen angegriffen oder angeklagt. Dieses Israel, das ich zeit meines Lebens wegen seiner Politik den Palästinensern gegenüber an den Pranger zu stellen versuchte, - das war nie mein Israel.

Hans-Dieter Schütt: Da sitze ich ja schon mitten drin im Gerichtssaal! Und schon auf der Anklagebank. Aber verstehen Sie nicht unsere Befangenheit, wenn es um Israel geht?

Felicia Langer: Gottlob, hat die Geschichte es geschafft, befangene, vorsichtige Deutsche zu entwickeln. Die Welt hat einen entsetzlich hohen Preis dafür bezahlt. Aber ich möchte Ihnen sagen, dass die Deutschen gerade wegen ihrer Vergangenheit besonders klar und deutlich den Mund dort aufmachen sollten, wo Menschenrechte verletzt werden... Wenn Israel die Kritiker seiner Politik gegenüber Palästinensern in die Nähe des Antisemitismus rückt, dann ist das ein Vergehen an den Opfern des Holocaust. Sie werden unredlich benutzt. So eine Haltung kann den wirklichen Antisemitismus nur fördern. Was eine ganz schreckliche Logik ist.

Die Autorin:
Felicia Langer, geboren 1930 im polnischen Tarnow, Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts. 1939 Flucht vor den Nazis in die Sowjetunion. 1949 heiratet sie, geht 1950 mit ihrem Mann Mieciu, der fünf Konzentrationslager überlebte, nach Israel. Nach einem Jura-Studium und dem Schock des Sieben-Tage-Krieges von 1967 wird sie die erste israelische Rechtsanwältin, die, mit Sitz in Jerusalem, Palästinenser gegen Israels Justiz verteidigt. 23 Jahre lang hält sie diese Stellung, gibt 1990 aus Protest ihr Büro auf und lebt seither in Tübingen. 1990 erhielt sie in Stockholm den Alternativen Nobelpreis. Sie bekam 1991 den Bruno-Kreisky-Preis, 2005 den Erich-Mühsam-Preis. Bücher, erschienen im Lamuv-Verlag Göttingen (Auswahl): "Zeit der Steine", "Zorn und Hoffnung - Autobiographie", "Brücke der Träume - Eine Israelin geht nach Deutschland", "Laßt uns wie Menschen leben - Schein und Wirklichkeit in Palästina", "Quo vadis, Israel?", "Miecius später Bericht - Eine Jugend zwischen Ghetto und Theresienstadt", "Wo Haß keine Grenzen kennt - Eine Anklageschrift", "Brandherd Nahost oder Die geduldete Heuchelei".

"Felicia Langers Mitleiden war der Motor für ihr Lebenswerk" (Die Zeit).

HANS-DIETER SCHÜTT, geboren 1948 in Ohrdruf/Thüringen, lebt als Publizist in Berlin. Im Dietz Verlag ist er Autor einer Interview-Reihe, in der bisher per Frage und Antwort porträtiert wurden: Reinhold Messner, Regine Hildebrandt, Peter-Michael Diestel, Anna Rosmus, Frank Castorf, Sahra Wagenknecht, Alfred Hrdlicka, Gisela Oechelhaeuser, Moritz Mebel, Gabriele Zimmer. Außerdem: "Richtfest für Luftschlösser - Deutschland im Gespräch", "Land in Sicht" (Glossen), "Hans Modrow: Ich wollte ein neues Deutschland" (Co-Autor).

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