"Ich weiß, dass ich das Richtige tue." Ausgelacht und angespuckt: Wehrdienstverweigerer in Tel Aviv, rechts Michal Stoler.

Israel: Abschied vom Gehorsam von Natasa Konopitzky, 30/04/2005 in NewProfile

(Foto: Konopitzky)

 

 

 

Eigentlich ist Joga gar nicht sein Ding. Im Militärgefängnis Nummer sechs im Nordwesten von Israel machte Rafram Chadad aber eine Ausnahme. Täglich versammelten sich dort im Morgengrauen 20 Wehrdienstverweigerer im Gefängnishof und versuchten sich an verschiedenen Joga-Haltungen. Auf Eigeninitiative. Am Abend organisierten sie Vorträge zu Themen wie Mathematik oder Grasanbau. Seinen 28-tägigen Gefängnisaufenthalt fasst der orthodoxe Jude und Teilzeit-Künstler mit "Es war sehr nett" zusammen. Da die Refuseniks, wie die Wehrdienstverweigerer genannt werden, sich gegenseitig unterstützten, erlebte er die Zeit im Gefängnis nicht als bedrückend, eher als "bizarr und unwirklich". Die Depressionen kamen danach. Wie die meisten Refuseniks hat Rafram seinen Dienst wegen der seit 1967 anhaltenden Besetzung der palästinensischen Gebiete verweigert. Immer mehr Israelis betrachten die Okkupation des Gazastreifens und des Westjordanlandes als illegal und wollen nicht Teil einer "Okkupationsarmee" sein. Seit Beginn der zweiten Intifada im Jahr 2000 haben sich die Refuseniks zu einer politischen Bewegung formiert. Etwa 2000 Israelis verweigerten in den vergangenen fünf Jahren aus Gewissensgründen den Militär- oder Reservedienst. "Wir haben Kommunisten, Anarchisten, Leute aus rechtskonservativen Familien, orthodoxe Juden, Säkulare. Und das ist nur eine kleine Auswahl", sagt Peretz Kidron, Mitbegründer der ersten Refusenik-Gruppe, "Yesh Gvul".

An Purim, dem jüdischen Fasching, schickt jedes Schulkind einen Korb mit Süßigkeiten an einen Soldaten. Ein Ritual, das Michal Stoler als Kind immer mit Stolz erfüllt hat. Sie würde damit einem tapferen Soldaten helfen, der sie beschützt, dachte sie. Heute sieht sie das anders. Die 16-jährige Schülerin aus Tel Aviv hat sich vor einem halben Jahr zu der Entscheidung durchgerungen, ihren Wehrdienst zu verweigern. "Ich weiß, dass ich das Richtige tue", meint sie, "aber manchmal wird diese Stimme in mir laut, die sagt: Michal, warum tust du dir das alles an? Genieß einfach die Zeit mit deinen Freunden und vergiss das alles!" Michal müsste wie jede jüdische Frau 21 Monate in der Armee dienen, Männer werden für drei Jahre eingezogen. Mitte März hat sie eine Petition an den Premierminister Ariel Sharon mitorganisiert. 250 Schüler kündigten darin an, ihren Wehrdienst wegen der Okkupation nicht anzutreten. Michal gab Interviews im Fernsehen. In einer großen israelischen Zeitung erschien ein Artikel über die Refuseniks, daneben ein Foto von Michal. Als sie am Morgen darauf mit dem Bus zur Schule fuhr, erkannte sie der Busfahrer und begrüßte sie mit den Worten: "Ah, du bist also eine Refusenik. Bin ich froh, dass es nicht mehr von deiner Sorte gibt!" In der Schule wird sie als Verräterin beschimpft und ausgelacht. Ein Bursch aus der Parallelklasse hat ihr ins Gesicht gespuckt. Sie hat sich nichts anmerken lassen, ist sofort nach Hause gefahren und hat den ganzen Nachmittag lang geheult.

Viele Israelis werfen den Verweigerern vor, palästinensische Selbstmordattentate zu billigen, die Demokratie zu gefährden, und manche unterstellen ihnen sogar, aus "jüdischem Selbsthass" heraus zu handeln. Die Refuseniks wehren sich gegen diese Vorwürfe. Die jahrzehntelange Okkupation habe Israels Sicherheit nicht verstärkt, im Gegenteil. Wahre Sicherheit sei nur durch einen gerechten Frieden zwischen Israelis und Palästinensern erreichbar. Andernfalls drohe der israelischen Bevölkerung eine dritte, vierte oder fünfte Intifada. Auch verschlinge die Aufrechterhaltung der Okkupation viel Geld, das dann üblicherweise im Sozialbereich eingespart werde. Immer mehr Israelis würden unter das Existenzminimum rutschen. Susan Sontag, die kürzlich verstorbene US-amerikanische Intellektuelle und Unterstützerin der Refusenik-Bewegung, hat Verweigerung "eine andere Form der Loyalität" genannt: "Diese mutigen israelischen Soldaten verteidigen die wahren Interessen Israels."

Nicht nur die Bedrohung durch den palästinensischen Terror, auch der historisch bedingte hohe Status der israelischen Armee macht die Wehrdienstverweigerung zu einem heiklen Thema. Seit der Staatsgründung im Jahr 1948 galt die Stellung der Armee als unantastbar. Eine natürliche Reaktion auf die Ermordung von Millionen Juden im Holocaust. Nie wieder sollte so etwas möglich sein, und daher versuchte man, einen neuen Juden zu schaffen: einen, der sich wehren kann, der bewaffnet ist. Der Slogan "Ein Israeli zu sein heißt: ein Soldat zu sein" wurde propagiert. Der Wehrdienst wurde als eine Ehre und heilige Pflicht betrachtet. Dazu kam die Bedrohung durch die arabischen Nachbarstaaten, die Israel nicht anerkannten. Bis heute gestehen nur Ägypten (seit 1979) und Jordanien (seit 1994) Israel offiziell ein Recht auf Existenz zu.

In Israel, einem der größten Einwanderungsländer der Welt, hatte die Armee auch eine Funktion als "Schule der Nation". Sie sollte aus den Einwanderern verschiedener jüdischer Gemeinden, die teilweise beim Eintritt ins Militär kaum Hebräisch sprachen, Israelis machen. Der Militärdienst war und ist bis heute ein Rite de Passage zum erwachsenen Israeli und ein wichtiger Teil der individuellen Identität.

Als Ruth Hiller vor zehn Jahren von ihrem 14-jährigen Sohn mit der Aussage "Ich bin Pazifist und werde nicht zur Armee gehen" konfrontiert wurde, war sie geschockt. Ruth Hiller begann, darüber nachzudenken und mit Freunden zu reden. Obwohl "reden" nicht das richtige Wort ist: "Ich habe geflüstert, selbst wenn ich bei Freunden zu Hause war", erzählt Hiller, "die Armee war die heiligste der heiligen Kühe." Die gebürtige Amerikanerin unterst?tzte ihren Sohn, schaffte es, ihn aus der Armee herauszuboxen. Sie wurde selbst aktiv und gründete "New Profile", eine Organisation, die Verweigerer unterstützt. Mittlerweile ist Verweigerung kein Tabu mehr. In der gebildeten säkularen Oberschicht lässt sich sogar ein Gegentrend erkennen. "Ich kenne niemanden in meinem Bekanntenkreis, dessen Kinder zur Armee gehen", sagt Yehuda Schenhaf, Soziologie-Professor an der Universität von Tel Aviv. Da die Armee lange Zeit als Rutsche in eine zivile Karriere galt, drängen nun die unteren Schichten in die frei werdenden Positionen und erhoffen sich dadurch einen sozialen Aufstieg.

An der Dekonstruktion dieser heiligen Kuh waren auch Ikonen der Armee selbst beteiligt. Seit 2000 haben Dutzende von Elitesoldaten in offenen Briefen ihre Ränge zurückgelegt, die Okkupation in Frage gestellt und alle Soldaten aufgefordert, es ihnen gleichzutun. Unter ihren Unterstützern waren auch ehemalige Kriegshelden. Die israelische Bevölkerung war wie vor den Kopf gestoßen, besonders Piloten gelten als die größten Patrioten. ?ffentliche Kritik an der Armee war damit salonfähig geworden. Auch durch die Globalisierung und den Wandel hin zu einer westlichen Konsumgesellschaft hat die Armee an Relevanz verloren. Es gibt immer mehr Aussteiger während der Dienstzeit. Die angesehenste israelische Zeitung, "Ha'aretz", zitiert militärische Quellen, aus denen hervorgeht, dass fast 50 Prozent der israelischen Männer keinen oder zumindest nicht den vollen dreijährigen Militärdienst leisten.

Das Gespenst des zivilen Ungehorsams zwingt die israelische Armee dazu, vermehrt Propaganda für den Wehrdienst zu machen. Wie sie mit den Refuseniks umgehen soll, weiß sie nicht genau. Zeitweise sind die Militärgefängnisse überfüllt, dann wieder werden die Refuseniks aus der Armee entlassen, ohne Haftstrafen zu verbüßen. Derzeit sind nur drei Verweigerer im Gefängnis. Frauen werden kaum eingesperrt, Männer selten für länger als drei Monate. Eine Ausnahme waren fünf Refuseniks, die Rekordstraflängen von bis zu 643 Tagen absitzen mussten. "Die Fünf", wie sie in Israel genannt werden, verweigerten im Jahr 2002, als die erste große Refusenik-Welle ausbrach und die Armee Angst hatte, dass es noch mehr werden würden. Im September 2004 wurden sie vorzeitig entlassen - skurrilerweise mit ei- nem Verweis auf ihren guten Charakter und ihren Beitrag für die israelische Gesellschaft. Jean-Luc Godard, Bernardo Bertolucci, Jane Fonda, Paul Auster und viele andere hatten sich für sie eingesetzt. Zur gleichen Zeit wie "die Fünf" war auch Yoni Ben-Artzi angeklagt. Sein Onkel ist der rechtskonservative Benjamin Netanjahu, derzeitiger Finanzminister und ehemaliger Premier Israels. Dreimal scheiterte Yoni an der Gewissenskommission und verbrachte in Etappen eineinhalb Jahre in Haft. Yoni ist überzeugter Pazifist, in der Schule lehnte er sogar die Teilnahme am Judo-Unterricht ab.

Das große Medieninteresse ziehen zwar die Verweigerer aus Gewissensgründen auf sich - die meisten, die nicht zur Armee gehen, sind jedoch die sogenannten verdeckten Verweigerer. Sie deklarieren ihre Gründe nicht offen, riskieren keine Gefängnisstrafe, sondern "schummeln" sich aus der Armee. Sie tun dies aus politischen Motiven oder einfach aus der Unlust heraus, zwei oder drei Jahre ihres Lebens beim Militär zu verbringen. Ihr Weg aus der Armee führt über mehrere Arztbesuche. Die häufigste Methode: Bestätigung des Verdachts auf Selbstmordgefährdung durch einen Militärpsychiater.

Noam Kuznar ist während seines Militärdienstes nicht in den Bus gestiegen, der ihn zu seinem Dienst in die besetzten Gebiete bringen sollte. Daraufhin wurde er zum Putzdienst in einer anderen Einheit verdonnert und wollte nur noch raus. "Es war nicht schwierig, weil es mir damals wirklich nicht besonders gut gegangen ist", erzählt er. "Ich habe meine Depressionen etwas verschärft dargestellt, und auf die Frage, ob ich mir etwas antun könnte, geantwortet: Ich habe schon einmal darüber nachgedacht." Der Psychiater sei dann sehr kooperativ gewesen, und Noam war draußen.

Für den Historiker Shlomo Sand sind die verdeckten Verweigerer jene, die wirklich etwas am politischen Diskurs verändern. Ihre Anzahl sei ungleich größer als die der offenen Verweigerer, und das Selbstverständnis einer militarisierten Gesellschaft wärde mehr durch die groäe Masse in Frage gestellt, die nicht zur Armee gehen, als durch einige Helden. Die Gewissensverweigerer seien zwar sehr mutig, ihre Bewegung sei aber viel zu klein geblieben.

Mit der Ankündigung von Ariel Sharon, im Juli den Gazastreifen zu räumen, hat der Begriff Refusenik eine weitere Dimension erhalten. Soldaten mit ganz anderen Interessen, als die Okkupation zu beenden oder ihrer pazifistischen Gesinnung Rechnung zu tragen, haben ihre Verweigerung angekündigt. Sie unterstützen die rechtsnationalistische Siedlerbewegung und lehnen den israelischen Rückzug aus dem Gazastreifen strikt ab. Obwohl diese Soldaten nichts mit den eigentlichen Refuseniks zu tun haben, nennen sie sich genauso und verwenden deren Slogans. Die "rechte" Verweigerung drohe eine Massenbewegung zu werden, warnt Uri Avnery, die Ikone der israelischen Friedensbewegung. Schätzungen zufolge könnte jeder zehnte Soldat verweigern. Er nennt das, was im Sommer auf Israel zukommt, die größte Krise seit Bestehen des Staates. Weder ein Militärputsch noch ein Bürgerkrieg seien ausgeschlossen.

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