Am 5. April 2003, wurde der International Solidarity Movement (ISM)-Aktivist Brian Avery in Jenin von einer israelischen Einheit angeschossen.Avery, ein 24jähriger Amerikaner aus Albuquerque, New Mexico, überlebte mit schweren Verletzungen im Gesicht, das ihm eine israelische Einheit aus einem APC (Schützenpanzer) durch heftiges Maschingewehrfeuer zugefügt hatte. Eine interne Untersuchung des israelischen Militärs (IDF = Israel Defense Forces) kam zu dem Schluß, dass der Zwischenfall, bei dem Brian angeschossen "niemals passiert" und deshalb entschieden die Militärs, dass eine Untersuchung unnötig sei. Am 28. Februar 2005 reichte Avery ein Ersuchen beim israelischen Bundesgerichtshof (Israeli High Court of Justice) ein, um die Miltärs zu zwingen die Augenzeugenaussagen zu hören, die sie zum Zeitpunkt des Ereignisses unterdrückt hatten.

Wer schoß auf Brian Avery? Von Aviva Lori (loria@haaretz.co.il) [Übers. ts] Zwei Jahre nachdem er in Jenin angeschossen worden war und schwere Gesichtsverletzungen davongetragen hatte, kehrt Brian Avery aus den Vereinigten Staaten zurück, um von den israelischen Streitkräften eine kriminalpolizeiliche Untersuchung der Schießerei zu verlangen. Die junge Frau, die Brian Avery letzte Woche bat, sich gemeinsam mit ihr fotografieren zu lassen, stellte sich als Palästinenserin vor, die viele Jahre in Holland gelebt hatte. Das geschah genau vor dem "Trennungszaun" in Ost-Jerusalem, and Brian Avery, ein Amerikaner aus North Carolina, der im April 2003 durch israelische Schüsse im Gesicht schwer verletzt worden war, stimmte erfreut zu, mit ihr fotografiert zu werden. "Ich weiß, wer er ist," erklärte sie, "ich habe über ihn gelesen auf verschiedenen Internetseiten gelesen und auch abgebildet gesehen."

Ein holländischer Tourist indonesischer Herkunft hat die beiden dann fotografiert und diese ganze Szene, vor dem Hintergrund der Mauer, auf die irgendjemand auf Englisch geschrieben hatte: "From the Warsaw Ghetto to the Abu Dis Ghetto", könnte nirgendwo anders als in der halluzinatorischen Realität des Nahen Ostens geschehen.

Es ist 2 Jahre her, dass Avery im Jänner 2003, als 24jähriger, der davon träumte, die Welt in Ordnung zu bringen, oder wenigstens dabei zu helfen den Konflikt im Nahen Osten zu lösen. 5 Monate und 3 Operationen später kehrte er nach Hause zurück, emotionell angeschlagen und sein Gesicht schwer verletzt, in eine nicht weniger grausame Zukunft. Er hatte 5 oder gar 6 'Runden' plastischer chirurgischer Eingriffe vor sich, bevor sein Gesicht - vielleicht irgendwann - wieder das werden wird, was es einmal gewesen war.

'Der Fall Avery', eines Aktivisten der Internationalen Solidaritätsbewegung (ISM), wird jetzt vom israelischen Höchstgericht (High Court of Justice) verhandelt. Vor zweieinhalb Wochen fand die erste Session statt. Ein Gremium von 3 Richtern instruierten den Generalstaatsanwalt (judge advocate general-JAG), die Zeugen des Geschehnisses in Jenin, bei dem Avery verwundet worden war, innerhalb von 90 Tagen zu befragen und danach das Gericht darüber zu informieren, ob es bei seiner vorherigen Entscheidung bleibe und wenn ja - warum.

Avery will wissen, wer am Samstag Abend, dem 5. April 2003 auf ihn geschossen und ihn so schlimm verwundet hat. Die ursprüngliche Untersuchung der "Israel Defense Forces", die unmittelbar nach dem Geschehen durch Colonel Dan Hefetz, dem Kommandant der Menashe Brigade, durchgeführt worden war, endete mit dem folgenden überraschenden IDF-Statement, das an die US-Botschaft in Tel Aviv gesendet wurde: "Herrn Ivorys Verletzung ist ein unglücklicher Vorfall. ISM Aktivisten setzen sich wissentlich Gefahren aus, wenn sie während der Ausgangssperre in Gefechtssituationen operieren und dabei Zusammenstöße und Zwischenfälle mit IDF-Soldaten suchen. Keine Resultate weisen daraufhin, dass Mr. Avery durch IDF Schüsse bei irgendeinem oben erwähnten Ereignis verletzt wurde."

Organisierter Aktivismus
Avery, heute 26, wurde in Connecticut als jüngstes Kind seiner Familie geboren. Sein Vater war bis vor 10 Jahren U-Boot-Kommandant der US Navy, seine Mutter ist Lehrerin. Brian kommt aus einer liberalen Familie mit deutschen, englischen, irischen protestantischen Wurzeln und einer einige hundert Jahre alten Geschichte in Amerika. Avery hat einen älteren Bruder, der Hotels leitet und eine seiner Schwestern arbeitet in der medizinischen Forschung. Während er aufwuchs, folgte die Familie "im Kielwasser" des Vaters, der jeweils einige Jahre an verschiedenen Stützpunkten stationiert war. Momentan leben seine Eltern in Chapel Hill, North Carolina. Nach seiner Verletzung kehrte Avery zurück, um in der Nähe seiner Eltern zu leben. Sein Apartment liegt auch nicht weit vom Spital, in dem er behandelt wird.

Avery ging ein Jahr lang aufs College und war sehr an sozialen und politischen Fragen, an Umweltschutz und gesellschaftlicher Teilnahme interessiert. Er lebte 2 Jahre lang auf einer Farm in North Carolina, danach auf Gemeinschaftsbauernhöfen in Süd-Frankreich und Portugal und später auch in einer Kommune mit 18 Menschen in Chicago, viele davon waren Umweltaktivisten. Er hatte Gelegenheitsjobs in der Stadt und studierte alternative Medizin am College, außerdem hat er sich auch an freiwilliger sozialer Arbeit in der Gemeinde beteiligt. "Für mich war das hauptsächlich ein Prozess, in dem ich nach und nach die Bedeutung von organisiertem Aktivismus erkannte und verinnerlichte," meint Brian Avery.

Von Chicago übersiedelte Avery nach Albuquerque, New Mexico, um sich an einem kleinen College auf medizinische Kräutern zu spezialisieren. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete er auf einer Farm, betätigte sich aber auch freiwillig für seine Gemeinde. "Auf der Farm, das war körperliche Arbeit, die schon schweißtreibend war," meinte er, "ich habe es aber sehr genossen. Dieses Leben, eine Kombination aus Arbeit und kommunaler Aktivität ist meine Ideologie. Ich verdiene wenig Geld, aber genug für die Grundbedürfnisse. Die Absicht ist davon nicht reich zu werden, aber an etwas zu arbeiten, dass - ideologisch gesprochen - das Gegenteil davon ist, was Betreiber großer Monopole tun."

In Albuquerque begann er sich mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt zu beschäftigen. Er sagte, dass er bereits in Chicago jemanden getroffen hatte, der Familie in Israel hatte und der ihm von der Region erzählte, aber dann in New Mexico vertiefte er sich in den Fragenkomplex, traf zusätzlich Leute, die besser informiert waren und stellte seine eigenen Nachforschungen an und las sehr viel.

Was faszinierte Sie so sehr?

"Die Tatsache, dass es auf 'die Welt' eine sehr strenge Einstellung dieser Region gegenüber gibt und die Vereinigten Staaten ganz besonders stark in der Politik dieser Region involviert ist. Ich habe mir gedacht, ich möchte mehr darüber wissen und die Dinge persönlich in Erfahrung bringen und das ist es wie ich zu ISM kam. Ich traf Leute, die mit ISM arbeiteten and die mir erzählten, was sie in den Besetzten Gebieten machten und so entschloß ich mich, hierher zu kommen."

Geborgte Zeit
Um seine Reise zu bezahlen, sammelte Avery Spenden von seiner Community und kam dann im Januar 2003 hierher, direkt nach Nablus. Die Internationale Solidaritätsbewegung, ist trotz ihres grandiosen Namens, eine kleine Organisation, eine von vielen, die in den Besetzten Gebieten und in Israel während der letzten Intifada aus dem Boden wuchsen. Das Movement ist eine Koalition von Gruppen und Individuen, die sich zum Ziel gesetzt haben, den friedlichen palästinensischen Widerstand gegen die Besatzung zu unterstützen.

Es gibt kein jährliches Budget, keine Büros und keine Vorsitzenden. Alle arbeiten freiwillig in regionalen Aktionsteams und leben von Spenden aus Israel und von außerhalb (ungefähr 60.000 Dollar jährlich). Eine der Regeln der Organisation ist, dass Verbot Aktivitäten zu beginnen; es ist lediglich erlaubt, an Aktivitäten teilzunehmen, wenn sie von PalästinenserInnen dazu gebeten bzw. aufgefordert werden. "Teilnahme an Demonstrationen, die Demontage von Strassensperren, zu gehen und der lokalen Bevölkerung in verschiedenen Bereichen zu helfen, aber hauptsächlich als (Schutz-)Barriere zwischen ihnen und der Armee zu dienen," sagt Neta Golan, eine der Gründerinnen. "Und das alles ohne Gewalt."

Laut Golan, hat die Organisation rund 30 Unterstützungsgruppen außerhalb der Region, jede mit einigen Dutzend AktivistInnen. Diese hunderte von AktivistInnen weltweit haben eine starke Präsenz im Internet und werden deshalb als einflußreicher Faktor wahrgenommen. Die IDF mag sie nicht.
"Die Absicht der Aktivitäten von ISM ist sich in den Gebieten, in denen die IDF agiert, einzudringen und zu provozieren," behauptet der Leiter des Israel National Security Council, Major General (ret.) Giora Eiland und frühere Chef des IDF Planning and Policy Directorate. Er ist in der Sache von Avery auch der Vertreter der IDF gegenüber den USA. Und Eiland sagt auch: "Diese Organisation wird fälschlich Friedensorganisation genannt und ist eine Anti-israelische Organisation, deren Ziel es ist, die IDF in Provokationen zu verwickeln, um damit den israelischen Status zu schädigen."

Avery war zweieinhalb Monate in Nablus. "Hauptsächlich haben wir an den Checkpoints gearbeitet," sagt er. "Wir haben uns bemüht zwischen der palästinensischen Bevölkerung und der Armee zu vermitteln und haben dabei auch Berichte aufgenommen. Wir haben aber auch Strassen instandgesetzt, gereinigt, mit Kindern und Erwachsenen gearbeitet, waren in den Dörfern und haben dort geholfen, wo es nötig war, wie beispielsweise während der Ausgangssperren Medikamente besorgt. Wir haben versucht - so viel als möglich - Reibereien zwischen Bevölkerung und Armee zu begrenzen."

Während dieser Periode, sagt Avery, begann er die Realität in schwarz und weiß, gute Leute und böse Leute aufzuteilen. "Ich dachte, die Besatzung sei eine schlechte Sache und verstand auch schnell in welchem Ausmaß. Die Situation unter den PalästinenserInnen war verzweifelt und bedrückend. Ich fand heraus, daß sie so gut wie ohne Hoffnung waren. Ich habe auch Menschen getroffen, die keinen Grund mehr dafür hatten, leben zu wollen. Insbesondere waren das junge Leute. Sie ahtten Angst, das Haus zu verlassen, ihre Kinder im Krankenhaus zu sehen, ihre Familie und enge Freunde zu verlieren; das Gefühl war, dass die Menschen mit geborgter Zeit leben."

Während dieser selben Periode, gab es auch verlassene Mütter, Witwen, die damit prahlten, dass ihre Kinder 'Shaheeds' - islamische Märtyrer - einschließlich Selbstmordattentäter geworden waren.

"Ich bin sicher, das was sie vor Fernsehkameras sagen, ist nicht das, was sie wirklich denken. Niemand will sein Kind verlieren. Nur jemand, der mit der Bevölkerung auch lebt, versteht, was sie wirklich fühlen. Es ist wahr, dass in Israel Menschen in den Bussen getötet werden, aber die Angst lebt mehr auf psychologischer Ebene; unter den PalästinenserInnen ist die Angst sehr real. Dort lebt jede und jeder mit dem Gefühl, nur ein Schritt auf die Strasse oder in das Geschäft nebenan und es gibt keine Rückkehr. Sie leben so lange Zeit kein ohne ein normales Leben führen zu können. Israelis können wegfahren, Reisen machen, wohin immer sie wollen, die PalästinenserInnen stecken fest und dürfen sich nicht bewegen. Das ist eine Mißachtung der Menschenrechte, unmoralisch und unmenschlich."

Mit welchen Schlußfolgerungen sind Sie von dort zurückgekehrt?

"Dass die Menschen trotz all dieser Misere und aller Verzweiflung dennoch die Hoffnung nicht verlieren. Sie haben mit mir auch über die Chanzen auf ein normales Leben gesprochen. Dieser Hoffnungsfunke nach all den Jahren von Unterdrückung und Besatzung und Kämpfen, die Fähigkeit über Lösungsmöglichkeiten und Frieden zu sprechen war mir eine Quelle der Inspiration und hat mich sehr bereichert. Wenn diese Menschen ein Maß an Hoffnung haben, so kann ich es auch haben."


"Ich wollte leben"
Ende März entschied sich Avery nach Jenin zu gehen, wo er sich einem lokalen Ambulanzteam anschloß und je nachdem, wie es nötig war, in Schicht arbeitete. Er plante etwa ein Jahr in den Besetzten Gebieten zu bleiben und danach nach Hause zurückzugehen und den Leuten zu erzählen, was hier passiert und danach für eine Zeit wieder zu kommen. Am Sabbat, dem 5. April, war Avery in einer Mietwohnung in Jenin, die er mit anderen ISM Aktivisten teilte. Mit ihm war Jan Tobias Carlson aus Schweden, ein älterer ISM Aktivist.

Jenin war seit Freitag unter Ausgangssperre und Avery hatte eine 17-Stunden-Schicht in der Ambulanz hinter sich. Er verbrachte den Sabbat mit Ausschlafen. Nachmittags wachte er auf und ging aufs Dach des Gebäudes, wo er mit Carlson und zwei palästinensischen Freunden beisammen saß. Etwa um 6 Uhr abends war das Geräusch von herankommenden Militärfahrzeugen zu hören, auf die ein paar Minuten später 2 oder 3 Schußgarben folgten. Avery und Carlson gingen auf die Straße hinunter.

"Wir hatten Angst, dass Kinder sich in dem Gebiet aufhielten und dachten, dass es gut wäre, runterzugehen und sie von dort weg zu holen", bezeugte Carlson später. "Brian trug eine Weste auf der auf der Vorder- und Rückseite in Phosphorfarben 'Doktor' in Englisch und Hebräisch geschrieben stand."

"Wir bewegten uns vorsichtig in Richtung Hauptkreuzung von Jenin," sagt Avery. "Zur selben Zeit näherten sich vier unserer ISM-Freunde aus entgegengesetzter Richtung, nachdem wir mit ihnen telefoniert und ein Treffen an der Kreuzung vereinbart hatten, um den Grund für die Schüsse herauszufinden.

Als wir an der Kreuzung ankamen, sahen wir, dass sich uns ein Panzer und ein APC [armored personnel carrier=Schützenpanzerwagen] näherte. Wir stoppten und blieben mit hochgestreckten Armen stehen, um ihnen zu zeigen, dass wir unbewaffnet sind. Wir gingen an die Seite, damit sie an uns vorbeifahren konnten, dadurch standen wir auch genau unter einer Strassenlampe, die bereits leuchtete. Als sie 30 Meter von uns entfernt waren, schossen sie während des Fahrens eine Salve von 15-20 Kugeln (laut Carlsons Zeugenaussage, die auf der ISM Website veröffentlicht wurde, ist aus einer Distanz von 10 Metern auf sie gefeuert worden)."

"Meine Freunde flüchteten an die Seite und niemand wurde verletzt. Ich bin bei der ersten Salve verletzt worden. Nur ich. Das Geschoß durchdrang meine Nase, hat mir dort die Knochen gebrochen, verletzte mein Auge und ging an der anderen Wange wieder heraus. Ich bin sofort auf die Strasse gefallen, aber ich blieb für ein paar Sekunden bei Bewußtsein. Ich wußte, dass ich schwer verletzt war und ich dachte, dass ich sterben könnte. Ich wollte aber nicht sterben. ich wollte weiterleben. Ich dachte daran, dass es noch so viele Dinge gab, die ich machen wollte und ich konzentrierte alle meine Kräfte darauf weiterzuleben. Ich fragte mich selbst, warum von all den Menschen mir das passiert war, aber gleich darauf verlor ich das Bewußtsein."

"Das war eine der schlimmsten Verletzungen, die ich je gesehen habe," bezeugte Carlson, "der vollständige Unterkiefer, von der Nase abwärts, war zerschmettert, und die linke Wange hing nur mehr an einem ganz kleinen Stück Haut." Lasse Schmidt, ein ISM Aktivist aus Dänemark, war in der Gruppe, die sich derselben Kreuzung von der anderen Seite aus näherte, zusammen mit einem polnischen Journalisten und 2 schwedischen Aktivisten. Schmidt war der Erste bei Avery, der verletzt am Boden lag. In seiner Zeugenaussage sagte Schmidt, dass Averys gesamte linke Gesichtshälfte lediglich an seinem Ohr hing.

Averys geschockte Freunde nahmen sich zusammen und verständigten die Ambulanz. Carlson telefonierte mit Averys Eltern in den Vereinigten Staaten, und rannte, um einen palästinensischen Fotografen, damit er das dokumentieren sollte, was noch zu dokumentieren blieb. Als im Hospital in Jenin erkannt wurde, dass Avery amerikanischer Staatsbürger ist, entschieden sie sich ihn zur Behandlung nach Israel zu transferieren. Es brauchte eineinhalb Stunden, bestätigten seine Freunde von ISM, bis die Zustimmung von israelischer Seite eintraf, ihn nach Afula zu transportieren, und von dort aus mit dem Hubschrauber zum Rambam Medical Center nach Haifa. "Die meiste Zeit war ich nicht bei Bewußtsein," sagte Avery. "aber ich erinnere mich an die Bewegungen der Ambulanz und das Geräusch des Helikopters. In derselben Nacht operierten sie mich und flickten mein Gesicht wieder zusammen."

Avery lag 9 Wochen in Rambam. Er mußte sich 3 Operationen unterziehen, und danach weiteren 3 in den USA. "Sie mußten die Rekonstruktion meines Kiefers beenden und alle Zähne des Oberkiefers implantieren, meine Wangenknochen und danach meine Nase wiederherstellen," sagt er. "Im Moment atme ich nur durch ein Nasenloch. Außerdem müssen sie auch das Problem mit den Tränen lösen. Mein Tränenkanal wurde verletzt, und dadurch strömen sie unkontrollierbar. Sie sprechen von einem vollen Jahr an Operationen. Die Kosten der medizinischen Behandlung im meinem Spital wird dort von einem besonderen Fonds übernommen, der für Leute eingerichtet wurde, die nicht in der Lage sind zu bezahlen."

"Die Spitalskosten in Rambam, 126.000 NIS*), wurden ebenso wie die Kosten des Helikopterflugs von Afula nach Rambam von der Armee übernommen. "Über die Buchstaben des Gesetzes hinaus," schrieb der Sprecher der IDF in seiner Antwort.

"Tobias Carlson telefonierte mit meinen Eltern unmittelbar nachdem es passierte," sagte Avery. "Sie standen unter Schock, weil es zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar war, ob ich überleben würde. Mein Vater kam ein paar Tage später hierher, kurz darauf meine Mutter und sie blieben danach einige Wochen. Sie haben sich schließlich mit der Situation arrangiert. Sie sind letztendlich froh, dass ich am Leben bin."

Keiner von beiden sagte, "Ich hab' Dir doch gesagt, nicht zu gehen"?

"Nicht wirklich. Sie respektieren mich als Erwachsenen und als verantwortungsbewußte Person, und sie sehen es als kriminellen Akt, etwas Außerordentliches das mir passiert ist. Sie waren sehr wütend auf Israel, auf die Armee und die Regierung. Vor meiner Verletzung, hatten sie keine Meinung darüber, was in dieser Region geschieht und waren unbeteiligt, ohne der einen oder anderen Seite besondere Gefühle entgegenzubringen. Jetzt sind sie bedeutend mehr involviert."

In Rambam traf Avery auf FriedensaktivistInnen aus Haifa, die freiwillig 'Schicht' an seinem Bett standen, und die ihn auf kleine Ausflüge in die Umgebung mitnahmen. "Bis dahin hatte ich wenig Ahnung, dass die israelische Gesellschaft so komplex und vielgesichtig ist, und dass es auch hier Menschen gibt, die sich gegen die Besatzung stellen," meint er. Bilha Golan, eine Aktivistin bei den "Physicians for Human Rights", traf auf Brian kurze Zeit nachdem er nach einer Operation in Rambam herauskam, direkt aus der Intensivstation, mit einem Atemgerät und bandagiertem Gesicht.

"Ich rief seinen Vater an und ließ ihn mit Brian sprechen," sagt sie. "Da war anfangs das Gefühl, dass sein Vater böse auf ihn war. Er hat das Problem nicht verstanden, es war sehr hart für ihn. Es hat die Familie erschüttert und auch Unkosten gebracht. Seine Mutter sagte zu mir, 'Ich habe begriffen, falls der israelische Staat dafür nicht aufkommt, müssen wir unser Haus verkaufen, um für ihn zu sorgen.'"

Dr. Kobi Peter, ein Aktivist in Ta'ayush, einer israelischen Friedensgruppe und Professor der mathematischen Fakultät an der Haifa Universität, traf Avery einige Tage nach seiner Verletzung. "Anfangs konntest Du ihn nicht verstehen, weil er einfach nicht sprechen konnte," sagt Peter. "Den Grossteil der Zeit korrespondierte er mit den Leuten. Da war etwas sehr Klarsichtiges an ihm; er schaut nach vorne ohne Selbstmitleid und bemüht sich mit dem, was sein Los ist, zurechtzukommen."

Einige Tage nach Averys Verwundung, stellten seine vier Freunde von ISM, die bei dem Vorfall Augenzeugen gewesen waren, ihre Aussagen auf die Website der Bewegung. Vor 3 Monaten, stellte der Anwalt Michael Sfard in Averys Namen an den israelischen Hohen Gerichtshof (High Court of Justice) einen Antrag, um die israelische Armee dazu zu bewegen, die Umstände seiner Verwundung in Jenin kriminalistisch zu untersuchen. Bis jetzt hat sich das IDF mit einer operationalen militärischen Ermittlung begnügt, deren Ergebnisse nicht veröffentlicht wurden.

"Eine militärische Ermittlung", meint Rechtsanwalt Sfard, "hat nur ein Ziel - Schlüsse aus den Vorgängen zu ziehen. Und nicht die schuldigen Parteien herauszufinden. Während des Ermittlungsvorgangs wurde keinerlei Aussagen von irgendjemandem eingeholt, der kein Soldat ist. In der vorigen Intifada wurde jedesmal, wenn ZivilistInnen verwundet oder getötet wurden, eine militärpolizeiliche Ermittlung durchgeführt. In der gegenwärtigen Intifada, setzte die vorige JAG auf eine neue Methode: keine automatische Durchführung einer militärpolizeilichen Untersuchung, ausgenommen dann, wenn diese Ermittlung den Verdacht verbrecherischer Angriffe erheben kann."

Wie auch immer, so Sfard dazu, jene, die die militärpolizeiliche Untersuchung durchführten, trafen Avery im Krankenhaus, nahmen seine Aussage zu Protokoll, haben somit auch in Erfahrung gebracht, dass es weitere Zeugen für den Vorfall gibt. Danach - aus PR-Gründen - eine Präsentation mit ihren Schlußfolgerungen des Vorfalls in englischer Sprache vorbereitet und diese dann der US-Botschaft vorgelegt. "Unter anderem schreiben sie, dass sie einen Vergleich zwischen Brians und Carlsons Aussagen angestellt haben - Carlsons Aussage hatten sie übrigens der ISM-Website entnommen - mit anderen Worten, die Untersuchenden der miliärpolizeilichen Recherche haben die Aussagen gelesen, aber nicht einen dieser Zeugen befragt." Der IDF-Sprecher erwiderte, dass "die Zeugen, ISM-Aktivisten, die bei dem Ereignis anwesend waren, sich geweigert hätten mit den Ermittlern zu kooperieren und deshalb keine Aussagen von ihnen genommen worden waren."

"Das ist eine Lüge," sagte Sfard. "Tatsache ist, dass in der Antwort des Generalstaatsanwaltes auf den Antrag beim Hohen Gericht, diese Behauptung nicht länger erhoben wurde." Und tatsächlich, in der Antwort auf den Antrag, formuliert der Staatsanwalt (State Prosecutor), im Namen von JAG, die Dinge weniger schlüssig: "Die Versuche, die das IDF gemacht hatte, um von Tobias Carlson zusätzliche Informationen bezüglich des Vorfalls zu erlangen, waren erfolglos, trotz der Kontakte, die es zu Tobias selbst und seinen Stellvertretern gegeben hatte, bevor er das Land verließ. Zusätzliche Bemühungen, nähere Details von anderen ISM-Aktivisten zu erhalten, die laut Antragsteller, zur Zeit des Vorfalls anwesend waren, erwiesen sich als unergiebig."


"Keine Beweise zu finden"
Avery ist nicht der einzige ausländische Staatsbürger der im Frühjahr 2003 in den Besetzten Gebieten verletzt worden ist. Rachel Corrie, auch eine amerikanische ISM Aktivistin, wurde am 16. März im Gazastreifen getötet. Ein IDF-Bulldozer überfuhr sie als sie mit ihrem Körper versuchte, die Zerstörung eines Hauses zu verhindern. Tom Hurndall aus Grossbritannien wurde am 11. April in Rafah angeschossen, als er 2 Kinder wegbrachte, die gegenüber von einem Wachturm gestanden und Steine geworfen hatten. Er wurde schwer verletzt und starb daraufhin in England. James Miller, ein Fotograf für den britischen Channel 4, wurde am 2. Mai getötet. Er war mit einer Crew nach Rafah gekommen, um einen Dokumentarfilm über das Leben palästinensischer Kinder während des Krieges zu drehen. Er wurde nachts erschossen, obwohl er ein Erkennungszeichen trug, eine weisse Flagge in der Hand hielt und außerdem schrie: "Don't shoot, we're journalists (Nicht schießen, wir sind Journalisten)."

Und wer schoß auf Brian Avery? In der JAG-Antwort kann eine gewisse Aufweichung der ursprünglichen Schlußfolgerung festgestellt werden mit dem Effekt, dass "Es wurde kein Beweis gefunden, aus dem ersichtlich ist, dass Herr Avery in einem Schießerei-Vorfällen, die an diesem Tag in Jenin stattfanden, durch IDF-Feuer verletzt worden ist." Nachdem sie die vier Schießerei-Vorfälle ("frictions"/"Unstimmigkeiten") im entsprechenden Teil Jenins analysiert hatten, berichtete JAG dem Höchstgericht, dass es möglich ist und es sich dabei um die 3. der 4 Begebenheiten handeln könnte: "ist dem vom Antragsteller beschriebenen Ereignis sehr ähnlich, obwohl es da einige Unterschiede zwischen der Version des Antragstellers und jener der Untersuchung gibt."

Giora Eiland formuliert es so: "Die offizielle Position der IDF, die für Außenstehende gilt, ist einerseits, dass es keinen schlüssigen Beweis gibt, auf Grund dessen zu sagen ist, 'wir haben gesehen, wie er verwundet wurde,' aber durch das Prozedere des Ausschließens, ist es plausibel anzunehmen, dass er im Vorfall Nummer 3 verletzt worden ist."

Warum wird also keine militärpolizeiliche Untersuchung durchgeführt?

"Obwohl wir beim operationalen Vorgehen der Militärs zahlreiche Fehler gefunden haben, haben wir nichts entdeckt, dass eine solche militärpolizeiliche Untersuchung oder Anklage verlangen würde. Ich habe den US Militärattaché dreimal getroffen und ihm die Angelegenheit unterbreitet. Nicht jedesmal, wenn die IDF ein Feuer eröffnet ist jemand verantwortlich oder muß irgendjemand dafür gerade stehen. Jedenfalls nehmen wir an, dass Avery die Wahrheit gesagt hat. Wir sind bei den ISM-Leuten nicht von derselben Annahme ausgegangen, weil sie in Dutzenden von Fällen Lügner und Provokateure gewesen sind. Schauen Sie nur, welche Instruktionen sie ihren Leuten geben, wie sie ins Land kommen und wie sie sich vorstellen sollen. Ich glaube nicht ein Wort, das sie sagen."

"Wenn sie bei der Einreise nach Israel sagen, dass sie als Touristen kommen, und dann mit dieser Lüge erwischt werden, dann werden sie auch mit der Ausrede ausgewiesen, dass sie lügen," gibt Neta Golan darauf zu Bedenken. "Dass ist der Grund warum die Instruktionen lauten, die Wahrheit zu sagen, sofort bei der Einreise nach Israel, aber dann werden sie ausgewiesen, weil sie ISM-Aktivisten sind. Die Organisation ist nicht für illegal erklärt worden, deshalb gibt es auch keinen Grund, die Aktivisten von hier zu vertreiben. Es gab keinen einzigen Fall, in dem ein ISM-Aktivist wegen Gewaltanwendung verhaftet worden wäre. Der einzige Fall, in dem Anklage erhoben wurde, war einer gegen mich, weil ich mich im April 2001, gemeinsam mit anderen Aktivisten, an Olivenbäume gebunden hatte. Abgesehen davon, ist noch nie gegen irgendeinen ausländischen Aktivisten Anklage erhoben worden."

Die Armee sagt, Ihr seid alle Provokateure.

"Mahatma Gandhi und Martin Luther King wurden zu ihrer Zeit auch als Hauptprovokateure erachtet. Der Versuch die Glaubwürdigkeit von Zeugen zu unterminieren, ehe sie überhaupt ausgesagt haben, ist sehr beunruhigend. Die Körperschaft, die bisher nicht glaubwürdig gewesen ist, ist die Armee. Zuerst sagten sie, das Ereignis hat garnicht stattgefunden. Danach, vor Gericht, sagten sie, dass es dem 3. Vorfall sehr ähnelt."

Superintendent Shlomi Sagi, der Sprecher der israelischen Polizei für den Distrikt von Judea und Samaria bestätigt: "Außer gelegentlichen Verhaftungen bei Demonstrationen beim Trennungszaun, gibt es keinerlei Probleme wegen Gewalt oder wegen illegaler Waffen seitens der internationalen Aktivisten in den Territories."

Vor drei Wochen kehrte Avery nach Israel zurück, um an den Verhandlungen des Höchstgerichts teilzunehmen. Diese Reise wurde auch durch Spenden von Leuten aus vielen Ländern bezahlt, die sein Bild auf der ISM Website gesehen und seine Geschichte gelesen hatten. Zusätzlich zur Anklageerhebung, wird er in Kürze durch seinen Anwalt Shlomo Lecker wegen Schadensersatz gegen den Staat Israel Anklage erheben. Avery hofft auf eine Schadensersatzsumme, einige Millionen Dollar, die seine Behandlungsausgaben in den Vereinigten Staaten decken sollen.

Für Avery bedeutet seine schwere Verletzung aber nicht das Ende seiner Aktivitäten, sondern vielmehr bedeutet sie ihm Ansporn und die Zeit der Erholung war nur eine Pause bevor er neu beginnt. "Nein, ich hab' kein Selbstmitleid", meint er. "Wenigstens bin ich am Leben und ich funktioniere soweit ganz gut, und ich kann noch immer noch dafür arbeiten, was mich interessiert und kann Menschen Hoffnung geben. Wenn ich die ganze Serie an Operationen hinter mir habe, komme ich wieder her."
_____________________________
*) 1 Euro = 5.7366 Shekel (NIS)

[Aus einem Text von Starhawk vom 12. April 2003 Übersetzung: Brigitte Hummel; ganzer Text:
www.homoeopathie-wichmann.de/Starhawk-deutsch/Blut%20in%20Rafah.htm]
[...]
Die Mauer wird jede Hoffnung auf eine Zweistaatenlösung zunichte machen. Wenn sie einmal fertig gestellt ist, kann kein lebensfähiger Palästinenserstaat existieren. Palästinenser und Menschen, die sie unterstützen, haben immer gefürchtet, dass die Israelis die Palästinenser zwangsweise aus dem Westjordanland vertreiben oder aussiedeln werden. Stattdessen scheint es jetzt die Politik der Israelis zu sein, die palästinensische Bevölkerung in einer riesigen Gefängniskolonie eines Groß-Israel einzuschließen und zu isolieren.

Im Gazastreifen ist diese Politik bereits weit fort geschritten. Überall stehen Wachtposten und Türme für Scharfschützen. Panzer patrouillieren bei Nacht in den Grenzgebieten, und Soldaten schießen in Straßen hinein, in Häuser, auf Gruppen von Kindern. Manchmal tun sie es aufs Geratewohl, manchmal gezielt.

Um die Mauer in Gaza und dem Westjordanland zu bauen, walzen die Israelis Olivenbäume und Wohnhäuser nieder, die ihnen im Weg stehen. Vor drei Wochen wurde die 23jährige Rachel Corrie absichtlich von einer Planierraupe überrollt, als sie versuchte, die Zerstörung von Wohnhäusern zu verhindern. Die Israelis haben ihren Tod nicht ernsthaft untersucht, sie haben die für ihn verantwortlichen Soldaten auch nicht zur Rechenschaft gezogen. So weit wir wissen, hat weder ein Disziplinarverfahren gegen sie stattgefunden, noch wurde irgendeine Form von Strafe verhängt. Stattdessen scheint die absichtliche Ermordung von internationalen HelferInnen zur Politik geworden zu sein.

Ich bin mir durchaus der Tatsache bewusst, dass in der vergangenen Woche wahrscheinlich hunderttausende junger Männer und einige Frauen im Alter von Brian, Rachel und Tom gestorben sind; dass hunderte von Palästinensern und Palästinenserinnen gestorben sind, unbeachtet von der Weltpresse. Als Zahl genommen werden die Toten gesichtslos. Es ist schwer, die Last des mit Tod verbundenen Schmerzes zu ergründen, wenn wir ihn mit der zahl hunderttausend multiplizieren müssen.

Tom und Rachel haben Gesichter für mich, weil sie Teil unserer Gruppe waren, die hier alle die gleiche Arbeit tun: mit gewaltfreien Methoden einen Raum für Wandel öffnen. Tom und Rachel haben Gesichter.

Ich habe am Donnerstag Brian Avery besucht, der vor einer Woche von einem schweren Geschütz auf einem gepanzerten Personentransporter der Israelis ins Gesicht getroffen wurde. Brian und ich hatten zusammen Wache gestanden an einem Kontrollpunkt in Nablus. Er ist Gärtner, Biobauer, Musiker. Jetzt steht ihm ein Jahr schwerer Operationen bevor, die seine zerschmetterte Nase, seine Kiefer und die Wangenknochen sowie seine zerfetzte Zunge wieder herstellen sollen. Brians Gesicht ist im Augenblick eine groteske, schmerzende Maske, aber er hat wenigstens eines. Er gehört zu den Glücklichen, er wird überleben, sein Hirn, seine Augen und Sinne funktionieren. Er wird sogar wieder sprechen können.
[...]

[Aus einem Interview mit einem Friedensaktivisten aus der Schweiz, veröffentlicht am 8. April 2003]
www.jungewelt.de/2003/04-08/018.php

F: Am Samstag abend ist in Dschenin im Westjordanland der US-amerikanische Friedensaktivist Brian Avery verletzt worden. Was ist passiert?

Brian stand mit einer Gruppe von Internationalisten vor einem israelischen Schützenpanzer. Wie wir alle trug er eine gelbe, leuchtende Weste. Dann wurde aus dem Panzer ein Schuß abgegeben, und zwar aus einem M16. Das ist das Sturmgewehr der israelischen Armee. Der Schuß ging durch die rechte Wange rein und zur linken wieder raus. Ein anderer Aktivist, Tobias aus Schweden, hat zwei Schrapnelle abbekommen.

F: Die Panzerbesatzung hat also die Aktivisten direkt beschossen?

Ja. Sie haben mit erhobenen Armen und mit ihren Leuchtwesten deutlich erkennbar vor dem Panzer gestanden und wurden von einem der Soldaten beschossen. Für uns sieht das nach dem Versuch einer gezielten Tötung aus.

Brian liegt jetzt in Haifa im Krankenhaus und wurde zweimal operiert. Sein Hirn wurde glücklicherweise nicht getroffen, aber seine Nase ist kaputt, die rechte Backe zerfetzt und der ganze Mund-Nasen-Bereich schwer verletzt.

F: Wie Brian gehören Sie zur Internationalen Solidaritätsbewegung ISM. Worin besteht Ihre Arbeit?

Die ISM ist ein loser Zusammenschluß von Menschen aus aller Welt, die versuchen, der Zivilbevölkerung in Palästina beizustehen. Wir berufen uns auf die 4.Genfer Konvention, die den Schutz der Zivilbevölkerung bei gewaltsamen Auseinandersetzungen regelt. Es gibt ISM-Gruppen in verschiedenen Städten Palästinas. Die Aktivisten kommen aus Europa, den USA, aus Japan oder Südafrika. Es gibt auch spezielle Projekte, wie zum Beispiel das in Mas’ha, nordwestlich von Ramallah, an dem ich teilnehme.

Wir stehen hier gerade auf einem Feld, auf dem eine Mauer um die Ariel-Siedlung gebaut werden soll. Das ist eine riesige Siedlung von etwa 20000 bis 30000 Einwohnern. Hier werden kilometerlange Schneisen durch die Olivenplantagen der arabischen Bevölkerung geschlagen. Wir übernachten auf den Feldern und werden morgens von Bulldozzern der Armee geweckt.

F: Sie versuchen also, den Bau der Mauer zu verhindern?

Verhindern werden wir das wohl nicht können, aber wir versuchen, zusammen mit den lokalen Bauern Widerstand zu leisten. Die verlieren zum Teil 90 bis 100 Prozent ihres Landes. Es geht uns vor allem darum, Öffentlichkeit für das zu schaffen, was hier vorgeht. Diese Mauer hat nichts mit Sicherheit zu tun. Die Mauer wird einfach so gelegt, daß möglichst viele Olivenhaine auf israelischer Seite liegen, die dann für ihre Besitzer nicht mehr zugänglich sind.

Überall liegen hier ausgerissene Olivenbäume. Die Bauern wollten sie eigentlich mitnehmen und wieder einpflanzen. Das wurde ihnen von der Armee untersagt. In den nächsten Tagen werden wir gemeinsam mit den Bauern versuchen zu retten, was zu retten ist.

Key Coverage

The Brian Avery shooting: When will we realise that there can't be this many "accidents"?, Nigel Parry (5 April 2003)

American peace activist shot in the face from an Israeli APC in Jenin, Michael Shaik, International Solidarity Movement (5 April 2003)

Brian Avery shooting: Annotated map from eyewitness Tobias Karlsson, Tobias Karlsson, International Solidarity Movement (7 April 2003)

ISM: Israeli soldier shoots British ISM activist Tom Hurndall in Gaza, Press Release, International Solidarity Movement (11 April 2003)

ISM: Report from May 5th Press Conference in Jerusalem, Report, International Solidarity Movement (10 May 2003)

Photostory: Injured ISM activist Brian Avery returns home, Brooks de Wetter-Smith and Michael Brown (16 June 2003)

Case before the Israeli High Court of Justice

Brian Avery challenges Israeli military impunity, Press Release, International Solidarity Movement (23 February 2005)

Brian Avery's day in Israel's Supreme Court, Lisa Nessan (28 February 2005)

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