Reinhart: "Ich argumentiere, dass der Grund, warum die Vereinigten Staaten, zum ersten Mal in jüngster Geschichte, sogar begrenzten Druck auf Israel ausgeübt haben, deshalb war, weil es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr länger möglich war, den Unmut der Weltöffentlichkeit über seine Politik blinder Unterstützung Israels zu ignorieren. Das zeigt, dass sich anhaltende Bemühungen auswirken und auch Regierungen zum Handeln bringen können. Solche Bemühungen beginnen beim palästinensischen Volk, das Jahre brutaler Unterdrückung widerstanden hat, und dem es, durch seinen Geist des "Zumud" - dem Festhalten am Land - dem täglichen Durchhaltevermögen, der Organisation und des Widerstands, gelungen ist, die palästinensische Sache lebendig zu halten, etwas, das nicht alle unterdrückten Nationen erreicht haben. Das setzt sich fort mit den internationalen Bemühungen - Solidaritätsbewegungen, die ihre Leute in die besetzten Gebiete senden und zu Hause Mahnwachen abhalten, ProfessorInnen, die (Boykott-) Petitionen unterzeichnen, sich selbst damit täglichen Schikanen aussetzen, einigen wenigen mutigen JournalistInnen, die - gegen den Druck der ergebenen Medien und der pro-israelischen Lobbies - darauf bestehen, die Wahrheit zu berichten. Häufig scheinen diese Bemühungen um Gerechtigkeit vergeblich. Dennoch haben sie das globale Bewußtsein durchdrungen. Es ist dieses kollektive Bewußtsein, das letztendlich die U.S. dazu gezwungen hat, Druck auf Israel auszuüben und damit zu einigen, wenn auch beschränkten Konzessionen, zu veranlassen. Die palästinensische Sache kann, wie es jetzt geschieht, für eine Weile zum Schweigen gebracht werden, aber sie wird wieder auftauchen."
Tanya Reinhart war eine von jenen, deren entschlossene Stimme und Veröffentlichungen genau das taten: das globale Bewußtsein zu verändern. AC / JSC
Es ist schmerzlich und hart über den Verlust einer langjährigen und geschätzten Freundin zu schreiben. Tanya Reinhart war genau das.
Tanya war eine brillante und kreative Wissenschaftlerin. Ich kann meine eigene Einschätzung ihrer Arbeit höchst prägnant dadurch ausdrücken, indem ich mir in Erinnerung rufe, wie ich damals vor Jahren, als ich über die Zukunft meiner Abteilung nach meinem Rücktritt nachdachte, zu arrangieren versuchte, dass eine Einladung an Tanya ergeht, um ihr anzubieten, meine mögliche Nachfolgerin zu werden; diese Pläne liessen sich zu meinem Bedauern nicht realisieren - hauptsächlich aus bürokratischen Gründen.
Ich werde hier nicht versuchen, einen Überblick über ihre bedeutenden Beiträge in so gut wie jedem Gebiet der Sprachwissenschaften zu geben. Darunter sind originelle und höchst massgebliche Untersuchungen zu syntaktischer Struktur und Operationen, referentiellen Abhängigkeiten, Prinzipien lexikalischer Semantik und deren Implikationen für syntaktische Organisation, vereinheitlichten Zugängen zu cross-linguistischen semantischer Interpretation komplexer Strukturen, die vordergründig sehr unterschiedlich zu sein scheinen, die Theorie über Stress und Betonung, effiziente Syntaxsysteme, die Interaktion interner Berechnungen mit Gedanken- und senso-motorischen Systemen, Optimal Design als Kern-Prinzip der Sprache und vieles mehr. Ihre akademische Arbeit ging weit darüber hinaus bis zur Literaturtheorie, Massenmedien und Propaganda sowie anderen Kernstücken intellektueller Kultur.
Aber Tanyas hervorragende professionelle Arbeit war nur ein Teil ihres Lebens und unserer langen und engen Freundschaft. Sie war eine der mutigsten und ehrenwertesten VerteidigerInnen der Menschenrechte, denen zu begegnen ich das Privileg hatte. Wie es alle ehrlichen Menschen tun sollten, richtete sie ihr Hauptaugenmerk und ihre Energie auf Handlungen ihres eigenen Staates und ihrer Gesellschaft, für die sie sich verantwortlich fühlte, einschließlich jener Verantwortung, vor der sie sich niemals drückte, Verbrechen des Staates aufzudecken und die Opfer von Unterdrückung, Gewalt und Unterwerfung zu verteidigen.
Ihre zahlreichen Artikel und Bücher zogen den Schleier weg von verborgenen kriminellen und ungeheuerlichen Handlungen und warfen ein gleißendes Licht auf die Realität, die verdunkelt war, alles dies von immensem Wert für jene, die zu verstehen suchten und die menschenwürdig handeln wollten. Ihr Aktivismus beschränkte sich nicht auf Worte, so wesentlich diese auch waren. Sie war an vorderster Linie des direkten Widerstands gegen unerträgliche Handlungen, eine Organisatorin und Mitwirkende, eine Haltung, die wir nicht hoch genug schätzen können. Sie wird nicht nur als entschlossene und ehrenwerte Verteidigerin der Rechte der PalästinenserInnen in Erinnerung bleiben, sondern auch als eine von jenen, die für die Verteidigung der moralischen Integrität und die Hoffnung auf ein menschenwürdiges Überleben der eigenen israelischen Gesellschaft gekämpft haben.
Tanyas Tod ist ein schrecklicher Verlust, nicht nur für ihre Familie und diejenigen, die das Glück hatten, sie persönlich kennenlernen zu dürfen, oder jene, die sie mit solcher Hingabe und Mut verteidigt und beschützt hat, sondern auch für jede und jeden, der und dem es um Freiheit, Gerechtigkeit und ehrenhaften Frieden geht.
Übers.: Tina Salhi
